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„Schrecklich amüsant“ mit Stefan Hunstein

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Von: Achim Lettmann

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Stefan Hunstein als Passagier eines Kreuzfahrtschiff in den Kammerspielen Bochum.
Stefan Hunstein in „Schrecklich amüsant“ am Schauspielhaus Bochum. © Birgit Hupfeld

Kreuzfahrtschiffe stechen wieder in See. Mit David Foster Wallace bringt das Schauspielhaus Bochum ein kritisches Stück auf die Bühne.

Bochum – Kreuzfahrschiffe halten wieder Kurs. In Venedig gab es offene Proteste, als der erste Touri-Dampfer in die Lagune fuhr. David Foster Wallace hätte sich lautstark beteiligt. Seine Reportage von 1996 war bereits ein Hilferuf gegen diese Form des Pauschaltourismus. Nun ist „Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich“, so der Titel, an den Kammerspielen in Bochum vor Anker gegangen. Vasco Boenisch aktualisiert das Reisephänomen um einige Cruise-Linien („Mein Schiff“). Immerhin ist die Branche von 300 000 Gästen im Jahr 1995 auf 3,1 Millionen vor der Corona-Pandemie angewachsen. Danach wollt niemand wollte die Luxusliner im Hafen haben: Seuchengefahr!

Von dieser Zuspitzung wusste David Foster Wallace (1962–2008) nichts. Auch die Umweltbilanz interessierte den US-Schriftsteller wenig. Ihm ging es um die Exzesse des modernen Menschen an Bord. „Schwimmende Abschleppbars“ nennt er die Schiffe – nicht „Dreckschleudern“. Wallace hatte seinerzeit von einer Seven-Night-Reise in die Karibik berichtet.

In Bochum fällt der Sundowner aus. Stefan Hunstein regt sich als Einzelreisender über das „Verwöhn“-Marketing des Veranstalters auf. Unerträglich sei das, wenn einem alles abgenommen wird. Ein Mann mit Schlips ist auf kugeligen Lampen eingeblendet: „Your pleasure is our business“. Schmalzig.

Auf dem Deckchair hockt der Passagier niedergeschlagen, erschöpft, leer. Regisseurin Tamo Gvenetadze erinnert an Autor Wallace, der sich mit 46 Jahren schwer depressiv das Leben nahm. Hunstein blickt mit seiner Figur immer wieder in solche Abgründe angesichts eines Tagesablaufs, der von Tontaubenschießen, über die schönsten Männerbeine bis zur Nordküste Jamaikas alles bietet, was niemand braucht. Mit beißendem Sarkasmus spießt er solche Erlebnisse auf: „Eine Frau kotzt den gläsernen Aufzug voll“, und er fragt sich, weshalb ein Mensch 3000 Dollar für eine Woche Luxuskreuzfahrt ausgibt? Gehört er hier eigentlich dazu?

Mit roter Trainingshose und Lederjacke zählt der Passagier mehr ins Stadtrandmilieu. Immer wieder sind U-Bahn-Geräusche zu hören. Ein Automat mit Fressalien und eine Parkbank (Bühne: Anna Wörl) im Hintergrund verdrehen die Urlaubsillusion ins Gegenteil. Aber Sonderwünsche für die Kabine 1009, eine „bösartige Toilette“ und „Meeresschnecken“ zum Essen machen diese Theaterreise unterhaltsam.

22., 27. 6.;

Tel. 0234 / 3333 5555; www.

schauspielhausbochum.de

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