Ausverkauftes Haus

Provokante Lindemann-Party beim Konzert in Köln

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Köln - Tortenschlacht, Fische, die ins Publikum geschleudert werden, und Videos mit Vaginas im Großformat: Beim Konzert von Lindemann, dem Nebenprojekt von Rammstein-Frontmann Till Lindemann, im Kölner Palladium wird einiges geboten.

Tortenschlacht, Fische, die ins Publikum geschleudert werden, und Videos mit Vaginas im Großformat: Beim Konzert von Lindemann, dem Nebenprojekt von Rammstein-Frontmann Till Lindemann, im Kölner Palladium wird einiges geboten.

Schauwerte, das klingt zu blumig. Nein, das, was die fünfköpfige Band präsentiert, ist beileibe nicht schön. Dafür sorgen allein die verdreckten und blutverschmierten Anzüge der in Gummistiefeln auftretenden fünf Protagonisten, die ausschauen, als kämen sie geradewegs vom Schlachthof. Wohingegen die geschminkten, an den Batman-Bösewicht Joker erinnernden Gesichter Parallelen zum schäbigen Horrorfilm im ranzigen Bahnhofskino aufkommen lassen.

Wie gesagt, es ist nichts schön. Aber das ist auch nicht die Kategorie, in der Till Lindemann denkt. Er und seine Band servieren einen harten, schwer verdaulichen Brocken an lyrischen und visuellen Provokationen – zumindest all denen, die mindestens 18 sind. 

Den Jüngeren ist der Zutritt ob des vor allem auf der Videowand Dargebotenen zu Recht untersagt. Sie verpassen, wie sich vor 4000 Fans und ausverkauftem Haus Abgründe auftun, Hemmungen aufhören, zu existieren, und sich Perversionen Bahn brechen. 

Im Video zu sehen: Fressorgien, roboterhaft kopulierende Pärchen, zum Takt der Musik wippende Schamlippen. Dort wird gebrochen, uriniert und noch viel mehr. Dazu schmeißt die Band beim Auftritt mit Kuchen um sich, und Lindemann benutzt eine Schleuder, um Fisch unters Volk zu bringen.

Konzert von Lindemann in Köln

Er kann gar nicht anders: Was er mit Rammstein im Großen in die Stadien bringt, beherrscht auch die Bühne im Kleinen. Sogar das “R” rollt der 57-Jährige auf gewohnte Weise. Dazu hämmert ein brachiales Industrial-Metal-Gemisch mit Synthesizer-Spielereien aus den Boxen, unterbrochen von beinahe hymnischen Stücken und dem zumindest in der ersten Hälfte musikalisch aus dem Rahmen fallenden akustischen „Knebel“ im Santiano-Kleid, das schließlich doch explodiert, nachdem der zweite Kopf der Band, Gitarrist Peter Tägtgren, seine Klampfe freudlos auf dem Boden zerschmettert und die Splitter nur so umherwirbeln.

“Das Herz ist gebrochen, die Seele so wund / Und du schaust mich an mit einem Knebel in dem Mund”, singt Lindemann in dem Song, der übrigens wie einige andere Stücke der aktuellen Platte “F & M” vom Duo ursprünglich - man mag es kaum glauben - für eine Theateradaption von “Hänsel und Gretel” geschrieben wurde. Und wenn Till Lindemann fröhlich pfeifend über die Bühne hüpfen würde, statt tief tönend und Grimassen schneidend umherzustapfen, man würde sich bei all dem Volksliedhaften trauen, zu schunkeln - so auch bei “Frau & Mann” oder etwa bei “Ach so gern”.

Stattdessen singt Lindemann mal auf Englisch, mal auf Deutsch von Abtreibungswünschen, Sexfantasien, Gewaltvorstellungen, aber auch dem Streben nach Anerkennung und Drogenmissbrauch. Er treibt die Themen auf die Spitze und darüber hinaus. Auf dem Grund befindet sich die Gesellschaftskritik. Um sie zu erkennen, muss sie erst von Schleim, Blut und Sahnetortenresten befreit werden. Das macht beim Konzert niemand. Da geht’s um die Effekte.

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