Das Kollwitz-Museum in Köln zeigt den „Berliner Realismus“

Einer stört das festliche Treiben: Hans Baluscheks Gemälde „Berliner Rummelplatz“ (1914) ist in Köln zu sehen. Foto: © Bröhan-Museum, Berlin, Foto: Adam

Köln – Im Hintergrund strahlt magisch das beleuchtete Karussell. Die Bürger im Sonntagsstaat folgen der Lockung. Im halbdunklen Vordergrund bemerkt ein Knabe mit Hut und weißem Kragen etwas Unerhörtes: Ihm tritt ein älterer Junge gegenüber, Schiebermütze auf dem Kopf, Zigarette im Mund. Die gute Gesellschaft ist in ihrer Freizeit nicht mehr unter sich.

Hans Baluschek hat in seinem Bild „Berliner Rummelplatz“ von 1914 die Provokation schon sehr diskret gestaltet. Es überwiegt hier doch die Darstellung des Feierabendidylls. Trotzdem gehörte Baluschek zu den Künstlern, die Kaiser Wilhelm II. 1901 kritisiert hatte, weil sie das Volk nicht erheben, sondern „in den Rinnstein“ niedersteigen.

„Rinnsteinkunst“, das waren Bilder von müden Arbeitern, von verzweifelten Frauen, von Habenichtsen, von der Unterschicht. Wenn Käthe Kollwitz in ihrem Blatt „Arbeitslosigkeit“ (1909) die ausgemergelte Wöchnerin mit dem Neugeborenen und zwei weiteren Kindern im Bett zeigt, davor den stumpf brütenden Vater, dann macht sie Ausweglosigkeit sichtbar. Da wurde Kunst zur Aufforderung, etwas zu ändern. Diese Kraft der Empathie und des Appells hatten die Werke von Kollwitz, Heinrich Zille und Baluschek.

Die drei Namen werden zuerst genannt, wenn es um den „Berliner Realismus“ geht. So heißt auch die Ausstellung im Kölner Käthe-Kollwitz-Museum, die mit rund 130 Werken eine Übersicht über die sozialkritische Kunst vom Anfang des 20. Jahrhunderts gibt. Die Präsentation wurde mit dem Berliner Bröhan-Museum erarbeitet, wo sie in etwas anderer Form zuerst zu sehen war. Sie spannt den Bogen bis in die Avantgarde der 1920er Jahre, bis zu den Arbeiten von George Grosz, Otto Dix und John Heartfield. Sie beschränkt sich nicht auf Malerei und Grafik, sondern schließt Fotografie und Montage ein.

„Berliner Realismus“ ist keine kunsthistorische Einordnung, kein durchgängiger Stil. Die Schau zeichnet eindringlich nach, wie sehr unterschiedliche Künstler einen bestimmten Blickwinkel einnahmen. Berlin war der Ort dafür, hatte sich die Stadt doch von der verschlafenen Residenz im Brandenburgischen zu einer Industriemetropole verändert. Die Bevölkerung war rasant gewachsen, was zu großen Problemen führte: Wohnungsnot, Armut, immer wieder Arbeitslosigkeit, soziale Konflikte. In inhaltlichen Kapiteln zeichnet die Schau nach, wie sich das in der Kunst niederschlug.

Am Anfang stehen Bilder wie Baluscheks „Eisenbahner-Feierabend“ (1895). Frauen und Kinder holen die erschöpften Arbeiter vom Zug ab. Wie Baluschek das darstellt, ist nicht mal besonders kritisch. Nur fehlt dem Bild jede Überhöhung. Dazu trägt bei, dass Baluschek nicht in Öl malte, sondern eine Mischtechnik mit Kreide und Gouache verwandte, die die Darstellung ein wenig stumpf und grau wirken lässt. Es mag die besseren Kreise gestört haben, dass jemand überhaupt zeigt, dass es das auch gibt: Wie das Bild „Wärmehallen“ (1908/09) der Kollwitz mit den schemenhaften Arbeitslosen, die ihre Suppe aus der Schale schlürfen. Und Zille hat das Elend der einfachen Leute nicht nur gezeichnet, sondern auch in Fotos festgehalten – eine Aufnahme zeigt zwei Frauen, die einen schwer beladenen Karren ziehen, als wären sie Kutschpferde (1898).

Mit dem Weltkrieg endete auch die Monarchie. Kriegsdarstellungen wie Willy Jaeckels Mappe „Memento 1914/15“ mit ihren Blättern vom chaotischen, brutalen Straßenkampf und einer Vergewaltigung wirkten in die Gesellschaft. Ebenso die kruden Bilder von Dix, wie der „tote Soldat“ (1922), aus dem Blumen wachsen und über den eine Ratte huscht. Die Künstler wurden Chronisten auch der unterdrückten Revolution, etwa im Gemälde „Wählt kommunistisch!“ (1918) von Arthur von Kampf, das einen Lastwagen voller Männer mit roten Fahnen zeigt. Am Fahrzeug prangt die Parole, die dem Bild den Titel gab.

Im Zentrum steht aber das Arbeiterleben. Eine Reportage der Arbeiter-Illustrierte-Zeitung von 1931 zeigt die Familie Fournes, bei der drei Jugendliche in einem Bett schlafen, der Vater arbeitet als Zementierer im Neubau des Karstadt-Verwaltungsgebäudes, die Mutter schmiert morgens früh Berge von Margarine-Stullen. Die Fotografie boomt in der Weimarer Zeit. Künstler wie Friedrich Seidenstücker, August Sander sowie das Paar Cami und Sasha Stone finden neue Perspektiven auf die Großstadt. In Alice Lex-Nerlingers Fotocollage „Der Maschinist“ (um 1930) löst sich der Mensch auf in geometrische Formen, wird Teil der Riemen und Räder.

Realismus ist dieses sehr grafische Gestalten nicht, wenn man darunter das direkte Abbilden einer bestimmten Szene versteht. Der Begriff bekommt in der Schau eine übertragene Bedeutung, deckt auch Kritik an den Verhältnissen und polemische Überspitzung ab. Otto Dix zeigt in der Radierung „Der Selbstmörder“ (1922) den am Strick Hängenden und auf einem Stuhl daneben einen Schemen, den Geist des Verzweifelten, der vielleicht eine Kündigung in der Hand hält. Bruno Voigt zeichnet das „Arbeits-Amt“ (1922) mit vier Arbeitslosen, die ernsten Blicks herauskommen, Hände in den Taschen, offensichtlich ohne die erhoffte Stelle. Eindringlich auch die Arbeiten von Werner Scholz, zum Beispiel das Liebespaar in der Lithografie „Am Bülowbogen“ (um 1930), bei dem man nicht weiß, ist es wahre Liebe oder käufliche? Oder das Bild des Witwers, der am Tisch eines Biergartens sitzt, neben sich den Sohn. In den Details wirkt das ganz flüchtig, aber die Trauer dieser Alleingelassenen ist unübersehbar.

Die Schau schließt mit den Vergnügungen der Epoche: Rummel, Boxkampf, Kneipen, Prostitution, kurz: dem Berliner Nachtleben. In seinem Druckzyklus „Ecce homo“ (1916–1922) beschwört George Grosz mit Drastik einen Kosmos hässlicher Anzugträger und verlorener Frauen herauf.

Aber am Ende darf man aufatmen: Zilles Zeichnung vom „Strandbad Wannsee“ (1912) mit seinen unbeschwert Badenden entlässt einen ein wenig getröstet aus all der Tristesse.

Bis 5.1.2020, di – fr 10 – 18, sa, so 11 – 18 Uhr,

Tel. 0221/ 227 28 99, www.kollwitz.de,

Katalog, Wienand Verlag, Köln, 24 Euro

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare