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Das Kollektiv De Warme Winkel produziert am Schauspielhaus Bochum das Stück „Der Bus nach Dachau“

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Von: Ralf Stiftel

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Szene aus dem Stück „Der Bus nach Dachau“ Schauspielhaus Bochum
Der niederländische Theatermacher Vincent Rietveld wird zum Statisten neben Videoprojektionen in „Der Bus nach Dachau“ in Bochum. © Isabel Machado Rios

Bochum – Darf man das? Eine Szene aus einem Konzentrationslager spielen und mit dem Computer die Darsteller in Videobildern zu niedlichen Figuren wie aus einem Animationsfilm ummorphen? Dürfen holländische Schauspieler sich Perücken aufsetzen, Ledermäntel anziehen und als Gestapo an eine Tür klopfen, während drin deutsche Schauspieler die mutige Familie verkörpern, die einen Juden versteckt? Und wie beim Asterix-Comic werden die Texte der Übertitelung in Frakturschrift dargestellt.

Es ist eine Menge schräger, riskanter Humor im Einsatz bei der Produktion „Der Bus nach Dachau“ am Schauspielhaus Bochum. Vincent Rietveld und Ward Weemhoff vom niederländischen Kollektiv De Warme Winkel arbeiten in ihrer Inszenierung mit einer Fülle von Zeitebenen und Meta-Reflexion in der Auseinandersetzung mit der Nazi-Vergangenheit.

Dabei beginnt der Abend mit einer improvisiert daherkommenden Einführung. Einige Zuschauer dürfen etwas früher in den Saal, auf die Bühne, wo ihnen Weemhoff in sympathisch unbeholfenem Deutsch das Kollektiv vorstellt und den Ansatz des Stückes erläutert.

Sie verbinden hier Familiengeschichte mit dem grundsätzlichen Problem, wie man ein tabubeladenes, tragisches Thema in eine ästhetische Form bringt. Ausgangspunkt ist ein Filmprojekt von Ward Weemhoffs Vater von 1993. Der Regisseur wollte ein Buch verfilmen, das von niederländischen Widerstandskämpfern im KZ Dachau handelt. Dummerweise lief genau damals Steven Spielbergs Film „Schindlers Liste“. Für noch ein Holocaust-Drama fand sich im Schatten des Kino-Übererfolgs kein Geldgeber, das Dachau-Projekt wurde nie realisiert. Das aktuelle Theaterstück holt das nach, schildert Dreharbeiten als Theaterstück.

Weemhoff führt die Zuschauer in einen monumentalen Holzkubus auf der Bühne, der als Filmstudio dient. Was das Publikum im Saal nicht sieht, wird besprochen. Die Auserwählten geben über Mikrofon ihrer Beklemmung Ausdruck. Sie üben Schreien. Das Stück, sagt Weemhoff, sei als Mitmachtheater entworfen. Die laienhaften Schreie gehen in bedrohliches Sound-Gewitter über. Das Spiel beginnt.

Nichts darf hier einfach hingenommen werden. Da diskutieren Schauspieler scheinbar außerhalb ihrer Rolle über die besten Filme zum Holocaust, aber auch über „Jurassic Park“ und „Der weiße Hai“. Dann betritt eine niederländische Kamerafrau (Lieve Fikkers) die Bühne. Und Risto Kübar spielt auf einmal einen traumatisierten Ex-Häftling, der bereut, wie er mit einem Mithäftling umgegangen ist. Vincent Rietveld beobachtet von der Stuhllehne aus, der Filmregisseur, der anschließend einen langen Monolog hält, eine Anleitung, wie der Schauspieler sich in seine Rolle einfühlen muss, und zwar am Beispiel eines Toilettengangs. Und dieser Regisseur erhält aus dem Zuschauerraum Regieanweisungen. Da setzen sie aufs Übermütigste mehrere Ebenen der Selbstreferenzialität übereinander. Und was anfangs so beiläufig wirkt, erschließt sich als präzis geplante Konstruktion.

Rietveld und Weemhoff lassen das Bochumer Ensemble eine erschütternd emotionale KZ-Szene ausführen. Da blicken, projiziert als Live-Video im Kinoformat auf den Holzwürfel (Bühne: Theun Mosk), verzweifelte Häftlinge aus ihren Käfigzellen und betteln um einen Nachschlag wässriger Suppe. Später kommt ein intensiver Gewaltausbruch. Aber bevor sich das Publikum in der aufgeladen tragischen Stimmung einrichten kann, brechen die eingangs erwähnten Bildmanipulationen die Performance auf. Die geglätteten, verjüngten, aufgeheiterten Cartoongesichter machen alles viel erträglicher, selbst das Sterben. Die erkennbare Manipulation lenkt Aufmerksamkeit um. Wie werden die Bilder erzeugt? Welche Beweiskraft hat ein trauriger Film? Die ästhetische Erinnerungsarbeit selbst steht auf dem Prüfstand.

Das wirkt in Momenten zynisch und kalt, aber es setzt sich tiefsinnig mit den Möglichkeiten des Theaters auseinander. Kaum möchte man als Betrachter einen Einwand formulieren, wird der schon auf der Bühne ausgesprochen: „Ist das hier ein Bio-Pic über deinen Vater?“ Eignen sich da Außenstehende ein zwar negatives, aber auch identitätsstiftendes Thema an? „Hände weg von unserem Holocaust!“ Da ist Platz für einen intimen Moment, in dem Rietveld und Weemhoff als Vater und Sohn ein Schubert-Lied singen und sich dabei filmen. Am Ende tanzen sie zu Veronika Fischer auf dem Rastplatz bei ihrer Busfahrt nach Dachau. Obwohl sie eingangs das Tabu verkündeten, nur Live-Bilder beim Videoeinsatz zuzulassen. Aber was Besseres könnte man mit Tabus tun, als sie zu brechen?

12., 26., 27.11., 10., 16., 17.12.,

Tel. 0234/ 3333 5555, www.schauspielhausbochum.de

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