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Das Kölner Museum Ludwig stellt die Expressionistin Gabriele Münter vor

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Von: Ralf Stiftel

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Ernüchterter Farbenrausch: Gabriele Münters „Bildnis einer Künstlerin (Margret Cohen)“ (1932) ist in Köln zu sehen.
Ernüchterter Farbenrausch: Gabriele Münters „Bildnis einer Künstlerin (Margret Cohen)“ (1932) ist in Köln zu sehen. © Dreiländermuseum Lörrach /© VG Bild-Kunst (für alle Abbildungen)

KÖLN - In diesem Porträt ist der Expressionismus abgekühlt. Klar umreißt eine schwarze Linie die Kontur von Margret Cohen im Bildnis einer Künstlerin, das Gabriele Münter 1932 schuf. Wie in einer Momentaufnahme zeigt die Malerin ihr Modell, vielleicht im Gespräch am Wohnzimmertisch, wo der bunte Blumenstrauß dann doch noch ein kleines Farbfeuerwerk abbrennt. Das Frauenbild hierbei ist modern, abgesehen von der Frisur und der Zigarette ergibt sich das aus der selbstgewissen Haltung der Porträtierten.

Zu sehen ist das Gemälde in der Ausstellung „Gabriele Münter. Malen ohne Umschweife“ im Kölner Museum Ludwig. Es ist so etwas wie eine Wiedergutmachung. Lange hat man Gabriele Münter (1877–1962) vor allem als die Frau angesehen, mit der Wassily Kandinsky mehr als zehn Jahre lang liiert war. Man sah sie nicht als eine der prägenden Figuren der Künstlergruppe „Blauer Reiter“. Man hatte, so Rita Kersting, die die Ausstellung in Köln mit Isabelle Jansen kuratiert hat, Bilder im Kopf, aber man stand vor einer „bekannten Unbekannten“.

Die Schau, die Jansen für die Städtische Galerie im Lenbachhaus konzipiert hat, ist die erste Retrospektive seit 25 Jahren. Und hier erkennt man, dass Münter schon künstlerisch dachte, bevor sie Kandinsky kennenlernte. Die in Berlin geborene Tochter eines Zahnarztes besuchte schon 1897 eine Damenkunstschule in Düsseldorf. Und auf einer zweijährigen Reise durch die USA begann sie zu fotografieren. Gerade diese Aufnahmen machen deutlich, wie sie im autodidaktischen Umgang mit der Kamera ihren Sinn für Komposition schulte. Und man erkennt, dass der Expressionismus in ihrem Schaffen nur eine Facette von vielen ist. In Köln entfaltet sich das Werk von den Fotografien und frühen, am Impressionismus orientierten Landschaftsgemälden bis hin zu Experimenten mit informeller Abstraktion in den 1950er Jahren.

Sie fühle sich fast wie in einer Gruppenausstellung, meint Kuratorin Rita Kersting. Das liegt an der Experimentierfreude Münters, die ihre vielen Stilwandel nicht unbedingt als zusammenhängende Phasen durchlief, sondern oft bestimmte thematische oder formale Stränge über einen längeren Zeitraum verfolgte. Manche Bilder wiederholt sie mit leichten Variationen: Ein Stillleben mit Objekten der Volkskunst ist in Köln in drei Fassungen zu sehen, die zwischen 1911 und 1912 entstanden. Eine Café-Szene malt sie 1914 relativ realistisch und wandelt sie dann zu einem „Abstrakten Interieur“ ab.

Schon die Mitglieder des „Blauen Reiters“ suchten sich vor dem Ersten Weltkrieg Anregungen in der Volkskunst und anderen „primitiven“ Ausdrucksformen. Münter war eine Sammlerin mit weit gespannten Interessen, die Schnitzfigürchen, Heiligenbilder, Spielzeug, Kinderbücher zusammentrug – und dann in ihren Bildern verarbeitete. Eine geschnitzte „Heilig-Geist-Taube“ taucht in einem Gemälde (Stillleben Pfingsten, 1934) als exotisches Objekt wieder auf.

Spannend ist auch, wie sie Kinderzeichnungen in eigene Gemälde umsetzt, mal als eigene Gemälde (Haus, 1914), mal indem sie sie in ein Interieur integriert (Im Zimmer, 1913). Anregungen holte sich Münter auch im Kino – sie war schon um 1900 in ersten Vorführungen, und sie sah sich aufwendige Hollywood-Produktionen wie „Der Dieb von Bagdad“ (1926) ebenso an wie Scherenschnitt-Filme von Lotte Reiniger und Waldemar Bondels Realfilm-Version der „Biene Maja“. Man sieht an einigen Stationen in der Schau Ausschnitte dieser Filme, und wenn sich auch nicht unmittelbar Gemälde ihren Kino-Erfahrungen zuordnen lassen, so scheinen doch dramatische und exotische Szenen wie die „Krokodiljagd“ (1916) und die „Buddha-Legende“ von solchen Eindrücken beeinflusst.

Auffällig, wie oft Münter Frauen porträtiert. Man sieht eben nicht nur das schon ikonische Bildnis ihrer Kollegin beim „Blauen Reiter“, Marianne von Werefkin (1909). Gerade nach 1918 malt sie moderne Frauen wie die „Dame im Sessel“ (1929) und „Fräulein Ellen im Gras“ (1934), im roten Badeanzug, keine erotisch aufgeladene Provokation wie bei den Brücke-Künstlern, sondern ein Alltagsmotiv, das die Frau als Subjekt ernst nimmt.

Die Schau blendet auch heikle Themen nicht aus. Münter reiste zwar zeitlebens viel, unter anderem nach Nordafrika, Frankreich, Italien. Aber ebenso suchte sie offenbar die Ruhe, und so zog sie 1931 nach Murnau. Obwohl die Nazis die Werke ihrer Weggefährten als „entartet“ diffamierten, versuchte sie sich zumindest soweit zu mit den Verhältnissen zu arrangieren, als sie weiter ausstellte. Und sie schuf eine ganze Serie Bilder von Arbeiten im Straßenbau, ein Motiv, das in der NS-Kulturpolitik erwünscht war. Zwei Bilder aus dieser Serie hingen 1936 in der Schau „Die Straßen Adolf Hitlers in der Kunst“. Allerdings zog sie sich 1940 zurück und stellte erst nach 1945 wieder aus.

In der eigentlich stark besetzten Expressionismus-Abteilung des Museums Ludwig fehlt ein Werk von Münter. Das soll sich ändern: Der Verein der Freunde des Museums sammelt Spenden. Die Summe für den Ankauf des expressionistischen Bildes „Knabenkopf (Willi Blab)“ (1908) ist fast zusammen.

Bis 13.1.2019, di – so 10 – 18 Uhr, Tel. 0221/ 221 261 65, www.museum-ludwig.de,

Katalog, Prestel Verlag, München, 35 Euro

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