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„Amphitryon“ von Heinrich von Kleist am Musiktheater im Revier in Gelsenkirchen

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Von: Achim Lettmann

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Amphitryon (Daniel Jeroma, links) in der Inszenierung des Musiktheaters in Gelsenkirchen zu Kleists gleichnamigen Stück.
Amphitryon (Daniel Jeroma, links) in der Inszenierung des Musiktheaters in Gelsenkirchen zu Kleists gleichnamigen Stück. © Jung

Kleists Spiel um die menschliche Identität wird in Gelsenkirchen mit großen Handpuppen zu einem intensiven Theaterabend mit Art-Pop-Musik.

Gelsenkirchen – „Amphitryon“ (1807) von Heinrich von Kleist wird an Schauspielhäusern selten inszeniert. Das Musiktheater im Revier (MiR) in Gelsenkirchen hat einen zeitgemäßen Zugang gefunden. Kleists Tragikomödie ist ein Verwechselungsspiel um die menschliche Identität, die von Göttern auf die Probe gestellt wird. Am Ende fokussiert Kleist auf das Liebesvermögen einer Frau. Ihr „Ach“, mit dem sie die Ränke quittiert, ist inszenierungsgeschichtlich immer eine vieldeutige Schlusspointe gewesen.

In Gelsenkirchen setzen Regisseur Nis Søgaard und das MiR-Puppentheater auf andere Momente. Es gelingt, Kleists Identitätsfragen, wie schnell Menschen den Bezug zu ihrem Selbst verlieren, in unsere Zeit zu übertragen. Der Ort für dieses Erkenntnisspiel wirkt wie ein Messeaufbau, wo Plattformen, Schauarchitektur sowie Steh- und Sitzmodule eine situative Beweglichkeit bieten. Jelena Nagorni (Bühne) und Mario Turco (Licht) schaffen auch eine Kulisse für das Pop-Art-Duo „We Will Kaleid“, das mit Elektro-Rhythmen die Szenerie auflädt.

Als Amphitryons Diener Sosias vor der Stadt Theben auf einen Doppelgänger trifft, der ihn abweist, kommt es zur Schlägerei, die mit kurzen Rohrstücken eine anschauliche Choreografie wird – kein Gebalge. Merten Schroedter gibt Sosias gutwillig und standesbewusst im grünen Umhang und glänzender Maske. Als er dem Feldherrn Amphitryon erklärt, weshalb er Alkmene nicht vom Sieg und Ankunft ihres Gatten berichten konnte, dominieren fortan Irritationen. Zumal auch die Titelfigur später auf eine Ehefrau trifft, die ihren Mann schon bei sich hatte – und untreu war? Johanna Kunze stellt Alkmene in steifen Posen aus. Sie erinnert mit ihrem voluminösen Faltenrock an eine exaltierte Modenschau. Auch ihr Selbstbild bekommt Risse, verunsichert sie doch Amphitryons Vorwürfe und die Erfahrung, ihn vor Stunden schon empfangen zu haben. Missverständnisse und Ärger greifen um sich. Daniel Jeroma spielt den Feldherren als Machertypen im silbrig schimmernden Mantel mit Schulterpolstern. Die Kostüme von Amit Epstein bilden gesellschaftliche Rollen ab und werden Menschen unbequem, die ihren Sinnen nicht mehr trauen. Was macht sie noch aus?

Die großen Puppen von Lili Laube werden von Hand ganz ruhig und verlässlich geführt. Diese Wesen fordern heraus: Es sind Götter bei Kleist, die hier durch einen hörbaren Hauch die Identität wechseln können. So spielen sie auf die mehreren Erscheinungsbilder des Einzelnen in unserer Leistungsgesellschaft mit ihren digitalen Nebenwelten an. Wie zeigt sich noch die eigene Persönlichkeit?

Alkmenes Zofe Charis, die Gloria Iberl-Thieme herrlich kess und voller Eigenliebe bewegt, fällt ergeben zu Boden, weil sie hofft, dass Sosias ihr Auskommen sichert. Anpassung ist für Amphitryon natürlich keine Option. Im Schlussbild tanzt er ausgelassen zu Elektropop. Die Welt als Danceflor. Spektakel statt Selbstfindung ist die Losung einer souveränen Inszenierung, die Gedankenspiele mit Showelementen dramatisiert und insgesamt überzeugt.

24.4.; 14.,15., 28.5.;

Tel. 0209/4097 200; www.

musiktheater-im-revier.de

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