Kinofest Lünen eröffnet mit Christina Ebelts „Sterne über uns“

Im Wald zuhause: Melli (Franziska Hartmann) geht mit Sohn Ben (Claudio Magno) zu ihrem Nachtquartier. Szene aus dem Film „Sterne über uns“ von Christina Ebelt. Eröffnungsfilm des Kinofest Lünen. Foto: zdf/rottenkolber

Lünen – „Klein, hässlich, schlecht gelegen, teuer“ – nicht mal so eine Wohnung haben Melli und Ben. Mit einem orangfarbenen Rollkoffer und auf Stöckelschuhen steuert die alleinerziehende Mutter auf einen Wald zu, der nahe einer S-Bahn-Station bei Köln liegt. Was sie und ihr Sohn ertragen müssen, weil sie keine Mietwohnung haben, thematisiert der Film „Sterne über uns“. Das Kinofest Lünen eröffnete mit der 2Pilots Produktion sein 30. Festival im Cineworld Kino.

Regisseurin Christina Ebelt erzählt ein Alltagsdrama aus Deutschland. Allerdings verdichtet sie die Not nicht mit Großstadtbildern, sondern schafft mit dem Weg in die Natur eine Gegenwelt: ruhig, grün, entspannend. Während Ben dem Dickicht etwas Abenteuerliches abgewinnt, ist Melli genervt. Franzika Hartmann zeigt eine Mutter unter Zugzwang. Wenn das Jugendamt ihre Obdachlosigkeit herausbekommt, wird ihr der Junge „weggenommen“. Mellis Leben ist ein Ausnahmezustand. Die Kröte zwischen den Schlafsäcken und der Schneckenschleim auf der Isomatte sind nur zweitrangig. Als Stewardess in Probezeit muss sie neuen Anforderungen genügen: immer Lächeln, flexibel und top gekleidet sein. Wer hält das aus?

Die halbdokumentarische Kameraarbeit von Bernhard Keller („Western“, „Alle anderen“) stellt Szenen mit distanziertem Blick nebeneinander: Als Ben krank wird, nächtigen beide unter einem Vorwand bei der dementen Oma im Pflegeheim, Mellis Sascha ist auch keine Hilfe und Bens Tagesmutter hat Angst, dass sie ihre Zulassung verliert, weil die Wohnung zu klein ist. Sie können hier nicht sein. Es bleibt der Wald.

Der Film (Drehbuch Christina Ebelt, Franziska Krentzien) ergreift nicht einseitig Partei. Melli ist eine ambivalente Figur, weil sie auch gegenüber Freunden nicht eingesteht, wohnungslos zu sein. Sie will die Ansprüche, die an eine junge Frau, Mutter und Angestellte in unserer Gesellschaft gestellt werden, erfüllen. Ben darf Freunde nicht einladen und niemandem erzählen, dass sie ohne Zuhause sind. Grob und laut wird Melli („Ich regle das, nicht du“), wenn der schöne Schein in Gefahr gerät und Ben dem Jugendamt zuviel gesagt hat.

„Sterne über uns“ ist bekemmend, anrührend und bedrückend. Regisseurin Ebelt gelingt diese Stimmung, weil ihre Figuren nicht offen zueinander sind. Emotionen zwischen Mutter und Sohn sind merkwürdig isoliert. Gleichzeitig wird Mellis Eigensinn weder psychologisiert noch biografisch hergeleitet. Diese Dramaturgie hat die sogenannte Berliner Schule entwickelt, die Filmfiguren mehr beobachtet als sie entschlüsselt. Christian Petzold („Yella“), Benjamin Heisenberg („Der Räuber“), Thomas Arslan („Gold“) und Angela Schanelec („Mein langsames Leben“) sind die Vertreter eines Kinos, das Gefühle verhandelt, aber nicht einsetzt, um den Zuschauer an den Filmstoff zu fesseln. Die sozialen Schieflagen dieser Dramen werden mehr skizziert als bedrohlich inszeniert.

So bleibt auch „Sterne über uns“ über weite Strecken sachlich und kühl. Jeder agiert in seiner Rolle: der Lehrer, die Sozialarbeiterin, die Freundin, die Kollegin bei der Airline. Claudio Magno spielt Ben als sensiblen Jungen, der neben seiner Mutter kleinlaut wirkt. Als er seinem Freund Max ein Geheimnis verraten will, weil er das Bedürfnis hat, ehrlich zu sein, verklausuliert er seine Lebensituation so extrem, dass Max nicht drauf kommen kann: „Wir sind Penner“, sagt Ben. Er übernachtet bei seinem Freund.

Die seelische Belastung, die vor allem Melli aushält, fließt in die Grundstimmung des Christina-Ebelt-Film ein – von Arte, ZDF und der Filmstiftung NRW finanziert. Als Ben doch in eine Pflegefamilie muss, bricht Mellis Selbstverständnis zusammen. Wie sich beide wiederfinden, ist ein dramatischer Höhepunkt, aber keine Lösung für ihr Wohnproblem.

www.kinofest-luenen.de

Der Film

Nüchternes Alltagsdrama, das Folgen der Wohnungsnot mit visuellen Mitteln der „Berliner Schule“ verhandelt.

Sterne über uns von Christina Ebelt. In Lünen am Sonntag, 13 Uhr, im Cineworld Kino. Bundesweiter Kinostart heute.

Dortmund, Sweetsixteen, 16. 11. zu Gast ist Christina Ebelt; Düsseldorf, Bambi, 15. 11. mit Ebelt; Köln, Filmpalette, 17. 11. mit Ebelt.

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