„Die Kassierer und die Drei von der Punkstelle“ am Schauspiel Dortmund

Da singt er wieder: Wolfgang Wendler und Gitarrist Nikolaj Sonnenscheiße von den Kassierern vor Anke Zillich im Video am Theater Dortmund. Foto: Hupfeld

Dortmund – Das Wichtigste ist natürlich die Musik: Lange schon wurde der alte Schlager „Ein Freund, ein guter Freund“ nicht so beseelt gegrölt wie im Dortmunder Schauspiel. Wenn die Kassierer auf der Bühne stehen, ist Stimmung garantiert. Da ist es eigentlich ziemlich egal, was irgendwelche Schauspieler oder sogar die Musiker um Wolfgang „Wölfi“ Wendland gerade machen. Die Fans, von denen manche den schönen Iro von grau auf grün gefärbt haben, geben den Ton vor mit Parolen, die eine Philosophie enthalten: „Ausziehen, ausziehen!“ und „Arbeit ist scheiße!“

Die Punker aus Wattenscheid haben schon vor fünf Jahren das Schauspiel aufgemischt, damals in einer kruden Version von Johann Nestroys Stück „Häuptling Abendwind“. Jetzt sind sie wieder am Start mit der „Punk-Operette“ unter dem Titel „Die Kassierer und die Drei von der Punkstelle“. Mehr als die Titelanspielung und der Schlager „Ein Freund, ein guter Freund“ ist aber vom Filmklassiker mit Lilian Harvey, Heinz Rühmann und Willy Fritsch nicht übrig bei diesem erstklassigen Krach- und Quatsch-Spektakel.

Andreas Beck und Thorsten Bihegue, die auch Regie führen, haben sich eine ziemlich wüste Story mit krassen Logiklöchern ausgedacht, die vor allem zu einem dient: Den Kassierern die Einsätze für ihre Songs zu liefern. Zunächst geht es darum, dass Sänger Wölfi von Außerirdischen zum Planeten X entführt wurde. Aber aufgrund seiner überragenden Intelligenz und seines Charismas gelingt es ihm, das Raumschiff zu übernehmen und zur Erde zurückzukehren. Was bei ihm nur einen Tag dauerte, kam den Kollegen der Band wie ein Jahr vor. Um die nötigen Grundnahrungsmittel zu bekommen, haben sie ausgerechnet den bekanntesten Song der Kassierer an einen finsteren Kapitalisten verschachert: „Das Schlimmste ist, wenn das Bier alle ist“. Das dürfen sie nun nicht mehr selber krakeelen, sondern sie müssen sich die softe Version im Werbespot des finsteren Konsuls anhören. Der hat zugleich alle Brauereien übernommen und den Markt mit einer ungenießbaren Plörre überschwemmt. Da ist Widerstand angesagt. Die Kassierer beschließen, ihr eigenes Bier zu brauen.

Wie gesagt: Über die Handlung sollte man nicht zu lange nachdenken. Hier geht es darum, dass die Kassierer Klassiker vortragen können wie „Großes Glied“ (das als Aufblasrohr gleich auf der Bühne geschwungen wird) und „Blumenkohl am Pillemann“. Wolfgang Wendland ruht allerdings zen-mäßig im Zentrum des wilden Treibens, präsentiert in seinem Video-„Internet-Imbiss“ als Stargast Jürgen Klopp bei der Bier-Zubereitung, posiert als Bürgermeister und macht vor Einspielvideos mit Anke Zillich als Schreckschraube vom Amt die allerbeste Figur, selbst wenn er diesmal nicht blankzieht.

Man darf sich auch über eine Fülle von Ideen freuen, die über den anderthalbstündigen Abend ausgeschüttet wurden. Da gibt es eine ziemlich bekloppte Nachrichtenpersiflage am Anfang über den entführten Wölfi. Caroline Hanke spielt eine grünhaarige Außerirdische, die sich mit Wölfi einen furiosen Gesangswettstreit liefert. Und sie konkurriert mit verfremdeten Operettenschlagern wie „Liebling, mein Herz lässt dich grüßen“ kraftvoll mit dem Kassierer-Krach. Herrlich ihre abgehackte Automatenstimme, das mechanische und hämische „Hehehe“, ihre „kchchchzzz“-Geräusche, wenn sie die mechanischen Glieder bewegt. Andreas Beck und Uwe Schmieder spielen Wölfis Bandkollegen. Besonders Schmieder zeigt sich wie entfesselt, wuselt unentwegt über die Bühne, spielt Luftgitarre auf einem großen Leberwurstbrot aus Pappe, lässt ein fahrbares Chemielabor qualmen, schmiegt sich an Wölfi. Immer macht er was, reißt sich das Hemd vom Leib, ein Springteufel mit ADHS, völlig aufgekratzt. Ekkehard Freye spielt den Konsul, einen fiesen Kapitalisten in rosa, der den Punk missbraucht, um Quartalsbilanz, Nettodividende und Hang Sung Index zu besingen. Schön verpeilt gibt Christian Freund den Sohn des Konsuls. Jens-Guildo im weißen Fransenkostüm spricht keine Dialoge, sondern lauter Zitate aus Schlagern wie „Es geht ein Zug nach Nirgendwo“.

Muss man noch extra sagen, dass auch die größten Katastrophen bei den Kassierern harmonisch enden? Man gönnt sich einen kühlen Hopfentrunk und genießt ein weiteres Tonkunstwerk, das den Weltzustand auf den Punkt bringt: „Besoffen sein.“ Kein Zweifel: Der Alkoholkonsum ist nicht Voraussetzung, um diesen Abend zu genießen. Aber er hilft.

9., 30.4., 20., 30.5., 6.6., Tel. 0231/ 50 27 222, www.theaterdo.de

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