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Julian Rosefeldts Video-Installation „Euphoria“ bei der Ruhrtriennale

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Von: Ralf Stiftel

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Szene aus der Installation „Euphoria“ von Julian Rosefeldt auf der Essener Zeche Zollverein.
Am Ende verabschiedet ein Tiger mit der Stimme von Cate Blanchett eine Menschheit, die sich selbst abschafft. Szene aus der Installation „Euphoria“ von Julian Rosefeldt auf der Essener Zeche Zollverein. © Foto: Katja Illner/Ruhrtriennale

Essen – Gerade noch haben die Menschen in den Hallen der Bank über die verbindende Kraft des Geldes nachgedacht. Plötzlich werden die Aktionen absurd. Hinter dem Schalter wirft eine Angestellte Banknote um Banknote vor die verdutzte Kundin. Daneben zieht ein Mann aus einer Kreditkarte immer neue Geldscheine wie ein Spielkartenmagier. Das Kapital überwuchert als Papierflut den Schalterraum. Die Menschen reagieren überraschend, erheben sich, ein Mann überspringt den Schalterkomplex, ein Paar bewegt sich zum aufkommenden Rhythmus. Was banales Finanzgeschäft war, schlägt um in eine bizarre Musicalchoreografie mit dem Wechselgesang über den Geruch des Geldes: „Money doesn‘t stink, money stinks!“

Schon die zentrale Filmerzählung in Julian Rosefeldts Installation „Euphoria“ hat große visuelle und erzählerische Qualitäten. Aber das Arrangement macht die Arbeit für die Ruhrtriennale zum Erlebnis. Die Halle 5 auf Zeche Zollverein in Essen wird zum Bildraum von Mehrfachprojektionen. Das Publikum ist umgeben von 150 Kindern und Jugendlichen des Brooklyn Youth Chorus, ein Fries aus Menschen, in Lebensgröße, die zuweilen zu uns sprechen, dann wieder singen. Wir sind mit Rosefeldts Geschichten nicht allein. Wie in der Antike gibt ein Chor Verständnishilfen. Über dem projizierten Streifen interpretieren fünf der führenden Jazzschlagzeuger – Terri Lyne Carrington, Peter Erskine, Yissy Garcia, Eric Harland, Antonio Sanchez – die Musik von Samy Moussa. Jeder hat mit seinem Drumset ein eigenes Bildfeld. Vor Kopf die große Leinwand, auf der der 1965 in München geborene Regisseur die Episoden seiner Erzählung laufen lässt.

Die Arbeit ist höchst anspruchsvoll. Man merkte es auch daran, dass die Premiere erst im dritten Anlauf gelang. Die Rechner litten unter der Sommerhitze, jedenfalls brauchte es Neustarts, um die Videospuren zu synchronisieren. Der Effekt ist unter anderem, dass Ton und Bildern präzise verbunden sind. Wenn Peter Erskine ein Becken anschlägt, kommt der Klang aus seiner Richtung. Der Blick wird zwar auf die Hauptleinwand fokussiert, aber man spürt die Präsenz von Chor und Drummern, auch wenn sie Pause haben. Da sind keine Standbilder, wie man an kleinen Bewegungen sieht.

Inhaltlich dreht Rosefeldt das ganz große Rad. „Euphoria“ handelt von den Zusammenhängen der globalen Ökonomie, von der zerstörerschen Macht von Habgier und Wachstumsideologie, von der drohenden Zerstörung der Erde durch den Menschen.

Gleich am Anfang zeigt Rosefeldt sein kunstvolles Spiel mit Kino-Versatzstücken. Wir sehen das nächtliche New York aus der Vogelperspektive, ein Muster aus dunklen Häuserblöcken und hellen Straßen. Die Kamera taucht ein. Wir sehen einen Taxifahrer, der einen späten Passagier aufnimmt. Einen Schweiger. Aber der Fahrer, eine Frohnatur, wundervoll gespielt von Hollywoodstar Giancarlo Esposito, übernimmt das Reden, philosophiert über den Konsum von Dingen, die wir nicht brauchen und kaufen mit Geld, das wir nicht haben, um Leute zu beeindrucken, die wir nicht mögen. Zuerst schlägt das Taxi einen Salto wie im Actionfilm, was der Fahrer nur mit einem „Ups“ kommentiert. Die Fahrt geht durch eine immer surrealere Gegend. Ein Pferd galoppiert vorüber, eine Schafherde läuft durch eine Gasse, ein Beerdigungsgesellschaft blockiert den Weg.

Es wird viel geredet in der rund zweistündigen Folge mehrerer Spielszenen. Rosefeldt nimmt Theorien aus 2000 Jahren Philosophie und lässt sie von Protagonisten vortragen, von denen man das nicht erwartet. Da versammeln sich fünf bärtige, in schmuddelige Jacken gehüllte Obdachlose um ein Feuer im Ölfass auf einer Abwrackwerft und streiten um das Konzept der „unsichtbaren Hand“ des liberalen Ökonomen Adam Smith, also den Gedanken, dass der freie Markt durch Angebot und Nachfrage für optimales Wirtschaften sorgt. Das ist hochkomisch, wenn ein Habenichts feurig für den Egoismus streitet, während die Rotweinflasche kreist. Dass im Hintergrund ein Kamel eine Rampe emporsteigt, ist eine fein apokalyptische Anspielung auf die Arche Noah.

Luftaufnahmen führen über Industriebrachen, über Containerlager und geparkte Panzer. Einer Gruppe Jugendlicher legt Rosefeldt die Vorstellung in den Mund, dass man den Kapitalismus zähmen müsse.

Das Ende ist eine grandiose Apotheose des Zynismus. Da fährt die Kamera durch einen menschenleeren Supermarkt, an Regalen entlang, die den Überfluss in Reihen von Chipstüten und Ketchup-Flaschen fassen. Eine Stimme aus dem Off höhnt über eine Menschheit, die sich selbst abschafft. Ein Tiger reißt im Konsumtempel die Dinge aus den Regalen, roter Saft fließt wie Blut. Das Tier redet, mit der Stimme von Cate Blanchett, erst rau grollend, dann immer auftrumpfender, rhythmisch wie ein Rap, am Ende eine düstre Hymne der Schadenfreude anstimmend: „We laugh with joy“, wir lachen vor Freude, den der Chor aufnimmt und zu einem rauschhaften Klangsturm verstärkt.

Bis 10.9., tägl. 12 – 19.30 Uhr, www.ruhrtriennale.de

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