Jugendstil wird in Dortmund zum „Rausch der Schönheit“

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Von der Weltausstellung in Paris 1900: Eine Prunkvase mit Kastanienblätter-Dekor, eine Irdenware, glasiert, produziert in Schweden. Zu sehen ist das Jugendstil-Objekt in Dortmund.

DORTMUND  Jeder wird in dieser Ausstellung ein Lieblingsstück finden, so hinreißend sind die Objekte. Vielleicht ist es die kleine „Tänzerin“, die am Saum ihren ornamentreichen Rock aufspannt. Albert Dominique Rosé wurde von der Tänzerin Ruth St. Denis zu dieser Porzellanfigur (1911) inspiriert. Oder es ist das linienbetonte Frauengesicht mit zwei Blüten, das Peter Behrens und Hans Christiansen auf einer Wandfliese um 1900 entwarfen. Wie ruhig doch auf die Mimik fokussiert wird, und wie modeliert das Konterfei wirkt. Die Frauenbilder des Jugendstils fallen markant aus.

„Rausch der Schönheit“ titelt das Museum für Kunst und Kulturgeschichte (MKK) nicht ganz uneitel diese opulente Schau. Ab Sonntag – Eröffnung 11.30 Uhr – werden 900 Exponate präsentiert, die zu 80 Prozent aus der eigenen Sammlung stammen. Das MKK feiert einen Schwerpunkt seiner Sammlungsgeschichte „Die Kunst des Jugendstils“ und den 135-jährigen Geburtstag des Hauses.

Verantwortlich ist dafür Albert Baum. Der erste Museumsdirektor machte aus der städtischen Einrichtung ein Kunst- und Gewerbemuseum, das „Vorbilder“ ankaufte, die Besuchern Schönheit vermitteln sollten und Handwerkern Inspiration boten. Wer sich anmeldete, konnte in Dortmunds Museum grafische Mappenwerke einsehen. Die Handwerkerschule (von 1904) nutzte das Angebot.

Die Gesellschaft sollte über eine Formen- und Farbensprache auch neue Qualitäten entwickeln. Kunst sorgte für humane Zuversicht. „Art nouveau“ sagten die Franzosen, die Angloamerikaner sprachen vom „Modern Style“ und in Deutschland sollte der Jugendstil reformerischen Ehrgeiz entwickeln. Der Mensch, sein Umfeld, seine Wohnung und seine Gesundheit (Ernährung) waren Thema.

Albert Baum (1862–1934) fand in Paris seine Lieblingsstücke. Auf der Weltausstellung 1900 kaufte er für die prosperierende Industriestadt ein. Gabriele Koller, Kuratorin der Ausstellung, greift diese Initiative konzeptionell auf und startet mit sechs Exponaten aus Paris den „Rausch der Schönheit“. Darunter die herrliche Prunkvase aus der Manufaktur Gustavsberg, nahe Stockholm. Die grüne Glasur (Sgraffito-Dekor) hebt das Blattwerk der Kastanie hervor. Wie der deutsche Jugendstil waren auch die Skandinavier weniger floral als die Künstler in Frankreich und Belgien. Sie verpflichteten sich der Natur.

Ein weiterer Richtungsgeber für den Jugendstil war Japan. In den sechs Kapiteln dieser Ausstellung werden auch Katagamis vorgestellt. Es handelte sich um Färbeschablonen für Textilien. Ende des 19. Jahrhunderts sammelten viele Museen japanische Kunst. Wie im Fernen Osten Natur visualisiert wurde, inspirierte Europa. Im gleichen Schaubereich hat das Gestalterteam um Antje Hassinger eine Vitrine („Blütenträume“) gebaut, in der Jugendstilgläser in einer Illusion aus Licht erstrahlen. Wo lassen sich Techniken, wie Schwarzlot- und Kaltmalerei, Facettenschlief, Gravuren, Email-Bemalung, und der metallische Schimmer der Blütenkelche von Louis Comfort Tiffany (New York) besser bestaunen?

Als Beispiel fürs ganzheitliches Leben steht ein Tisch von Frank Lloyd Wright in Dortmund – ganz aus Metall. Der amerikanische Architekt konzipierte für eine Versandfirma in Buffalo 1909 raumsparende Schreibtische für 1300 Angestellte. Auf Fotos ist der Unternehmer-Spirit „Intelligenz, Enthusiasmus, Kontrolle“ zu lesen – auch hier Reformergeist.

Die Jugendstil-Ästhetik griff planvoll ins Leben ein. Änne Klönne, Tochter eines Hofmöbelfabrikanten aus Darmstadt, hatte in Dortmund geheiratet. Ihr „Salon für eine Dame“ von Josef Maria Olbrich (Darmstädter Jugendstil von 1906) wurde selbst in Petersburg ausgestellt. Es ging um Schönheit im Alltag, und Ännes Vitrinenschrank hat dezente Blütendekore und zierliche Beine. Auch Silberbesteck von Olbrich ist zu sehen, neben einem sorgsam präsentierten Gefäß, einer Edelzinnware der Firma Huek aus Lüdenscheid. Das kostengünstigere Metall versprach aber mehr Schönheit für alle. Wie das Maschinenmöbelprogramm der Dresdener Werkstätten. 80 Prozent der Bretter und Leisten waren maschinell gefertigt. Karl Schmidt folgte dem Prinzip „sich einrichten“. Zerlegbar geliefert wurde das „Schlafzimmer Modell 79“ in Vollholz 1906 – nur der Bausatz-Vertrieb erinnert an heutige Möbelhäuser.

Ein Höhepunkt der Schau ist das Zimmer des Architekten und Designers Richard Riemerschmid. Selbst dem grünen Originalbezug (Mokett) auf den Sofas ist man mit einer bedruckten Variante bei der Restaurierung sehr nah gekommen.

Ein bisschen entdeckt sich Dortmund mit dieser Ausstellung auch selbst. Die Jugendstil erinnert an die Stärken der Museumssammlung und auf den Fotos von Jürgen Spiler ist er auch im Fassaden-Stadtbild zu finden.

Die Schau

Der Jugendstil wird in dieser Schau mit Liebe zum Detail präsentiert. Sehr sehenswert!

Rausch der Schönheit. Die Kunst des Jugendstils im Museum für Kunst und Kulturgeschichte Dortmund. Eröffnung Sonntag, 11.30 Uhr, bis 23.6.;

di, mi, fr, so 10-17 Uhr, do bis 20 Uhr, sa 12-17 Uhr; Katalog 39,80 Euro (in der Ausstellung); Tel. 0231/50 25522; www.mkk.dortmund.de

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