Judith Kuckart reflektiert in ihrem Roman „Kein Sturm, nur Wetter“ über Liebe

Judith KuckartSchriftstellerinFoto: burkhard peter

„Was ist das eigentlich – Liebe?“, fragt die Erzählerin in Judith Kuckarts Roman „Kein Sturm, nur Wetter“. Eine Antwort auf diese Frage ist „Ein Fetzen Ewigkeit“. Und weil sich das Gefühl von Liebe in diesem Roman so gut mit der Erinnerung verbindet, schwingt bei der Frage immer das Zeitlose mit. Wer verliebt war, der kann an diese Empfindung denken – immer und ewig.

Zumindest kann das Kuckarts Erzählerin. Obwohl sie zwei Beziehungen beendet hat, begleiten beide Männer ihre Gedanken. „Was das eigentlich war mit ihm und ihr?“, und die Frage nach dem eigenen Ich steckt immer mit dahinter. Ihre Überlegungen zur Zweisamkeit trägt Kuckart in einer souveränen Reflexion von Gefühlen, Hoffnungen, Wünschen und Ängsten vor, wie sie selten zu lesen ist. Auch weil die Schriftstellerin die Versuchsanordnung Mann/Frau selbstironisch und ernüchternd skizziert, ohne das Bedürfnis nach Nähe zu verraten.

Zum Inhalt: Die 18-jährige Erzählerin hatte Viktor am Berliner Zoo kennengelernt. Beide waren dann 15 Jahre lang „Gefährten“. Sie küsste Johann mit 36 Jahren auf einem Silvesterfest, um irgendwann mit ihm in Düsseldorf-Wehrhahn eine Wohnung zu teilen. Dann entschied sie sich wieder für Berlin. Also gegen den Theaterdramaturgen, der als Vertreter und Putzhilfe sein Geld verdiente.

Der Schriftstellerin Judith Kuckart, geboren 1959 in Schwelm, geht es nicht darum, verpasste Chancen zu bedauern. Sie rekapituliert klug, unterhaltsam und lebenserfahren über das Glück zu zweit.

Kuckarts Erzählzeit dauert eine Woche. Ihre Romanfigur ist 54 Jahre alt und glaubt, dass sie nur mit Männern zusammenkommt, die 36 Jahre alt sind. So war es bei Viktor und bei Johann. Und am Flughafen Tegel in Berlin hat sie nun einen Robert Sturm kennengelernt, natürlich 36 Jahre alt. Er hat stahlblaue Augen und reist für eine Woche nach Moskau, wo er für die Ölindustrie Kompressoren verbaut. Dann kehrt er nach Berlin zurück. Zu ihr? Zu einer Frau, die sich verliebt hat und wie eine „Scheune brennt“? Oder kehrt er zu der Frau in Kreuzberg zurück, wo er wohnt und wo die Erzählerin nachts spioniert, und die schwangere Rivalin am Fenster gesehen hat? Aber warum sollte ein Familienvater eine 54-Jährige erwählen, wenn ihm ein erfülltes Leben winkt, das die brennende Scheune nie hatte? Kuckart entwickelt tragikomische Momente und steuert auf bittersüße Einsichten zu.

Selbstzweifel gehören zu der Hirnforscherin, wie ihr Abitur mit 0,9 und das Medizinstudium. Nach der Doktorarbeit praktiziert sie nicht, liest aber medizinisch-neurologische Fachliteratur gegen Honorar und nimmt eine Assistentenstelle in Berlin an. Nichts Halbes und nichts Ganzes.

Judith Kuckart füllt dieses Dazwischen mit nachfühlbaren Beobachtungen aus. Ihre Erzählerin denkt an Johann: Sieht er nicht wie ein Cowboy aus? Und ist der Platz auf der Motorhaube seines weißen Mercedes nicht unvergleichlich? „Ich liebe Dich, meine Schöne“ lässt sie den erinnerten Mann sagen, als ob ein Loverboy aus einer deutschen Beziehungskomödie anklopft. Bilder in diesem Roman spielen mit filmischen Arrangements, die Teil der Selbsttäuschung sind.

In kurzen Zwischentexten, die Kuckart nach einem Tagebuch aussehen lässt, wird die Erzählerin aphoristisch, kryptisch, surreal. Es sind Einlassungen, die sich gegen die Ohnmacht wenden, zu wenig im Leben selbst bestimmen zu können. „Ich weiß das, ich bin hier die Erzählerin“, ist zu lesen, und sie macht sich Mut, obwohl sie es eben nicht weiß. „Alles, alles kommt von früher, als man Kind war“ ist eine andere Phrase, die ins Leere läuft. Die Erzählerin klagt sich so selbst an, dem Ungewollten immer wieder nachzugeben. Diese Ambivalenz und Vergeblichkeit zieht sich durch den ganzen Roman.

Etwas Gültiges schenkt Judith Kuckart ihrer Romanheldin nur in dem Moment, in dem sie reflektiert. Die Autorin spielt mit dem erzählten Leben ihrer Romanfigur und dichtet ihr die Idee an, eine Autobiografie zu schreiben, ohne sich selbst dabei zu erwähnen. So spiegelt Kuckart ihr schreibendes Ich. Wieviel Biografie in „Kein Sturm, nur Wetter“ steckt, bleibt in der Schwebe.

Jeder hat etwas, was er nicht erreicht. Eine Erfahrung, die im Roman immer wieder aufscheint. „...schade, dass wir keine Kinder haben...“, sagt Johann irgendwann und gibt der Melancholie ein weiteres Motiv. Judith Kuckart behandelt dieses Thema wundervoll beiläufig. Es geht um eine Frau, die eine konturenreiche Identität anstelle des tradierten Frauenbilds verkörpert, aber unzufrieden ist. Kuckart macht daraus keine Debatte, sie verdichtet Gefühle.

„Wir haben beide Angst vor freilebenden Kühen, vor dem Wald und vor dem nächsten Funkloch“, sagt die Erzählerin, die nicht auf dem Land leben will. Solche Argumente entlarven eine Willensbildung, die längst klein und kläglich geworden ist. Kuckart demonstriert, dass das Entscheidende nicht ist, sich entscheiden zu können. Aber was ist es?

Die Autorin hat eine Selbstbefragung in ihrem Roman entwickelt, eine durchaus düstere Erinnerungskultur.

Judith Kuckart: Kein Sturm, nur Wetter. Roman. Dumont, Köln. 219. S., 22 Euro

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