Jost Hermand erzählt in „Verlorene Illusionen“ vom Nationalismus

Von Elisabeth Elling ▪ Jost Hermand bekennt sich als Nationalist. In seinem Buch „Verlorene Illusionen“ präzisiert der Germanist und Kulturforscher, was er damit meint: Die Industriestaaten degenerierten zu gleichförmigen Konsumgesellschaften, mit austauschbaren Vorlieben in Kultur, Musik, Mode und Sprache („verkümmertes Pidginenglisch“). Gegen diese Folgen des Kapitalismus richte globaler Widerstand nichts aus – wohl aber ein solidarischer Nationalismus, der gesellschaftliche Verantwortung pflege.

Hermands Analyse ist streckenweise dünkelig, und die Schlussfolgerungen sind wenig zwingend: Warum braucht Solidarität einen „eigenstaatlichen Rahmen“? Die Stärke seines Buches ist jedoch die zupackende Art, mit der er die Ideengeschichte des Nationalismus sortiert. Besser: die Geschichte der deutschen Nationalismen. Denn was der Begriff der Nation meinte, war nicht annähernd so standfest wie die Germania von 1848, die mit Schwert und schwarz-rot-goldenem Banner den Einband ziert.

Hermand beginnt seine Spurensuche bei den Sachsenkönigen des 10. Jahrhunderts. Die sahen sich keineswegs als deutsche Herrscher, sondern als Erben der römischen Cäsaren. Erst das 19. Jahrhundert unterstellte ihnen die eigenen kleinformatigen Motive. Aus mittelalterlichen Wurzeln speiste sich der Nationalismus also nicht, eher schon aus Reformation und Literatur, die seit dem 16. Jahrhundert in zwischen den zahllosen deutschen Territorien sprachliche und kulturelle Zusammengehörigkeiten erspähten und sich gegen den Katholizismus abgrenzten. Hermand schreibt über den Pietismus, die Französische Revolution, Napoleon und das Kaiserreich von 1871 mit Bismarcks bärbeißigem Pragmatismus.

Hier verortet er das Entgleisen des deutschen Nationalismus: So habe der Sieg über Frankreich 1870/71 der militaristischen Überzeugung Vorschub geleistet, dass sich politische Ziele „nicht auf demokratischem Wege, sondern nur durch kriegerische Auseinandersetzungen erreichen“ ließen. Hermand zeichnet ein gruseliges Bild vom wilhelminischen Staat, in dem sich eine reiche völkische Szene entfaltete. „Blut und Boden“ oder „Volk ohne Raum“ waren keine NS-Ideen, sondern bewegten vor 1933 schon Generationen von Zivilisationskritikern und Lebensreformern.

Hermand hantiert griffig mit Mentalitäten und Verständnishorizonten, benennt Motive und soziale Gegebenheiten. Je näher er aber der Gegenwart kommt, umso eigentümlicher werden seine Befunde. So hält er der Adenauer-CDU vor, mit ihrer West- und Wohlstandspolitik in der Bundesrepublik „keinen nennenswerten Nationalismus“ ermöglicht zu haben. Ulbrichts DDR dagegen habe, so lobt er, immerhin ein „anderes, besseres Deutschland“ propagiert. Schäbigerweise hätten deren Bürger aber bloß auf den Konsumgütervermangel geschielt.

Jost Hermand hat offenbar ein paar Illusionen behalten.

Jost Hermand: Verlorene Illusionen. Eine Geschichte des deutschen Nationalismus. Böhlau Verlag Köln, 390 S., 34,90 Euro

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