Josef Stoffels' Fotografien im Ruhr Museum Essen

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Ein Dokument der Industriekultur im Revier: „Zeche Prosper IIIBottrop-Stadtmitte, um 1958“ fotografiert von Josef Stoffels.

ESSEN Der Förderturm reckt sich in den blauschimmernden Himmel. Die Zeche ist mit Kokerei, Kohlebändern, Wirtschaftsgebäuden und Schornsteinen eine prächtige Firmenlandschaft. Josef Stoffels fotografierte die Schachtanlage Consolidation 1/6 mit dem Fördergerüst in Gelsenkirchen-Schalke aus einer klassischen Perspektive. Auch die niederländischen Genremaler feierten einst auf diese Weise Landschaftsansichten. Stoffels bildet 1954 sein goldenes Zeitalter ab. Der Fotograf aus Essen wollte alle Zechen festhalten und damit die Wirtschaftskraft der Region sichtbar machen.

Es sind Fotografien voller Stolz, die ein bisschen Ewigkeit atmen. Dabei war der Höhepunkt des prosperierenden Bergbaus bereits 1958 dahin. Importkohle war billig zu haben und Erdöl auf dem Weltmarkt verfügbar. Kleinere, unrentable Zechen wurden schon geschlossen. Heute findet der Strukturwandel sein Ende: 2018 machen in Bottrop und Ibbenbüren die letzten Zechen dicht.

„Es geht ein Zeitalter zu Ende“, sagt Heinrich Theodor Grütter. Der Direktor des Ruhr Museums in Essen startet mit der Ausstellung „Josef Stoffels. Steinkohlezechen – Fotografien aus dem Ruhrgebiet“ eine Veranstaltungsreihe zum Bergbauende. „Glückauf Zukunft“ heißt das kess, aber im Ruhr Museum ist auch Wehmut zu spüren, lässt man Stoffels Bilder wirken. Wie das Schwarzweißfoto „Zeche Prosper III, Bottrop-Stadtmitte, um 1958“, das akurat die Zechenanlage samt Schienenverbindung und Ausbauholz dokumentiert. Stoffels zeigte gern Fördertürme und Eingangsbereiche auf seinen Bildern, aber streng methodisch ging er nicht vor. Ob mit Kleinbild, Mittelformat oder Großbild, Stoffels technische Idee, welche Kamera zu welcher Zeche, ist uneindeutig. Von 1952–54 fotografierte er farbig, um die Modernität dieser Industrie zu unterstreichen. Ab 1957 wählte er Schwarzweißmaterial, weil Farbfotos doch zu teuer waren. Insgesamt lichtete Stoffels 141 Zechenanlagen ab. Eine Karte in der Ausstellung macht das punktuell sichtbar. Ganz im Osten ist „Westfalen“ in Ahlen verzeichnet. Von der Zeche Radbod, Bockum-Hövel (Hamm), ist die Gesamtanlage und ein Fördermaschinist (1954) in der Schau zu sehen. Die Zeche Sachsen in Heessen (Hamm) wird in sehr sachlichen Aufnahmen mit Förderturm berücksichtigt. Außerdem sind die Fördermaschine der Schachtanlage 1/2 (1958) und die Schaltzentrale zu sehen; Monopol (Bergkamen), Haus Aden (Bergkamen) und Königsborn (Kreis Unna) finden sich auch in Essen.

Josef Stoffels durchquerte das ganze Ruhrgebiet, bis zu den Bergwerkskotten, wie der „Schürfstelle der Familie Felsch“ in Witten. Im südlichen Muttental, wo die Kohleflöze an die Erdoberfläche stießen, lohnte sich die Förderung wieder. Seit der Montanunion 1951 wurde Kohle europaweit per Festpreis eingekauft. Auf Stoffels Bildern wirken die Kleinstzechen agrarisch. Sie sind oft von Fachwerkhäusern umgeben.

In jeder Fotografie erscheinen die Industriegebäude wie eigenständige Erhebungen, die Land und Leben Struktur geben, selbst wenn es manchmal öde ausfällt, wie eine Aufsicht auf die Zentralkokerei Prosper, Bottrop-Welheim 1952. Doch was dampft und raucht kann für die Ökonomie nicht schlecht sein, war Stoffels Credo. Der Bildband „Die Steinkohlezechen. Ruhr, Aachen, Niedersachsen. Das Gesicht der Übertageanlagen in der zweiten Jahrhunderthälfte“ erschien 1959.

Rückblickend betrachtet ist Stoffels Werk mit 40 000 Fotoabzügen, Diapositiven und Negativen das größte Fotokonvolut zum Revierbergbau. 1985 war sein Nachlass mit Hilfe der Kulturstiftung Ruhr für das damalige Ruhrlandmuseum gesichert worden. Es bildet den Anfang des heutigen Foto-Archiv Ruhr. Zur Ausstellung ist Stoffels Werk komplett gesichtet und geordnet worden.

Im Zug dieser Arbeiten tauchten bisher unbekannte Diapositive auf. Die Ausstellung zeigt neben 160 Fotografien von 60 Steinkohlenzechen noch 250 Bilder, die in den Kapiteln Berglehrlinge, Durchgangslager Heising, Betriebliche Sozialfürsorge, Wohnheime- und -siedlungen präsentiert sind. Sie ergänzen die menschenleeren Industriebilder auf angenehme Weise. Hier kümmern sich Bergwerkseltern um Lehrlinge im Pestalozzi-Dorf, da wird Unterricht im Streb gegeben und im Kindergarten Mathias Stinnes, Essen-Karnap, strahlen die Mädchen mit ihren Butterbrottaschen. Es ist eine heile Bergwerkswelt. Nur die Silikose-Abteilung, Duisburg-Homberg 1952, lässt einen kurz an Staublunge denken.

Stoffels (1893–1981), der Polsterer gelernt hatte, verdiente seit Mitte der 30er Jahre sein Geld mit Fotos. Für das Haus Heimat, das die Nationalsozialisten in Essen initiierten, fotografierte er, war Mitglied der NSDAP und im Krieg bei der Fried. Krupp AG angestellt. Bei einem Unfall in Belgien 1940 verlor er ein Auge und war fortan gehbehindert. Seine Tochter Irmgard und Projektpartner Heinrich Grewe, ehemaliger Leiter des Haus Heimat, halfen ihm bei den Steinkohlezechen. Stoffels war ein Auftragsfotograf, der aus der Sicht der Bergwerksgesellschaften arbeitete. Aber das die Industrie auch eine Landschaft bestimmte, die gleichzeitig Heimat war, dass habe er schon begriffen, meint Theo Grütters, Direktor des Ruhr Museums.

Bis 2. 9.; täglich 10 – 18 Uhr; Katalog 29,95 Euro, im Klartext Verlag Essen erschienen; Tel. 0201/24681 444; vom 30. 9. bis 31. 3. 2019 in Teilen im Deutschen Bergbaumuseum Bochum zu sehen. www.ruhrmuseum.de.

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