Das Josef Albers Museum zeigt das Frühwerk des Künstlers

Ausdrucksstark: Josef Albers’ Aquarell „Stillleben, Vasen und Krokusse“ ( um 1914), zu sehen in Bottrop Foto: Poehlmann

Bottrop – Ein leuchtendes Blau hinterfängt das grelle Blütengelb. Daneben spielen unterschiedliche Schattierungen von Weiß mit Sichtbarkeit: Wie soll man die Striche deuten, als Falten einer Tischdecke oder als Schatten? Die irdene Vase mit dem kräftigen Blaudekor hat gleichsam einen materialisierten Schatten, eine zweite, ganz weiße Vase, fast verdeckt. Dieses um 1914 entstandene Aquarell bewegte sich auf der Höhe der damaligen, gegenständlichen Kunst. Gerade auch darin, wie Josef Albers ganz in der Fläche arbeitete. Sein Bild täuscht keinen perspektivischen Raum vor.

Zu sehen ist das Werk im Josef Albers Museum Quadrat in Bottrop. Wo auch sonst, wie Museumsdirektor Heinz Liesbrock richtig fragt. Das Haus mit der inzwischen weltweit umfangreichsten Sammlung des Künstlers und Lehrers öffnet ein bislang unbekanntes Kapitel mit der Schau „Der junge Albers“.

Man kann sich fragen, wie das gehen soll. Vor einem Jahr erst war in der Villa Hügel die Ausstellung „Interaction“ zu sehen, die das Werk umfassend aufschlüsselte. Schon da sollte Albers (1888-1976), der gebürtige Bottroper, der in den USA eine prägende Figur der internationalen Kunst wurde, vom Nimbus des Quadrat-Malers befreit werden. Man sah, dass die 2000 Hommagen ans Quadrat, die er ab 1950 schuf, nur Summe eines Werks waren, das schon vorher ganz andere und reiche Ausformulierungen fand. Wer aber glaubt, danach alle zu wissen, der wird nun eines Besseren belehrt.

Kuratorin Ulrike Growe hat sich das Frühwerk angeschaut. Was sie mit rund 100 Werken von Albers sowie 50 Arbeiten anderer Künstler vorstellt, ist erstaunlich. Als Albers sich 1920 entschloss, ans Bauhaus Weimar zu gehen, war er 32 Jahre alt, hatte als Lehrer gearbeitet und an angesehenen Akademien studiert. Trotzdem resümierte er: „Ich war zweiundzwanzig … warf alle meine Sachen aus dem Fenster und fing noch mal von vorne an. Das war der beste Schritt, den ich im Leben gemacht habe.“

Dass er das Gefühl hatte, nicht weiterzukommen, bedeutet ja nicht, dass das Frühwerk belanglos wäre. Im Gegenteil: Die Arbeiten aus der Zeit zwischen 1914 und 1920 weisen Albers als einen reflektierten Künstler aus, der sich auf der Höhe der Zeit bewegt. Die farbstarken Aquarelle müssten sich in keiner Ausstellung des rheinischen Expressionismus verstecken. Seine oft sehr reduzierten Zeichnungen, in denen er mit ganz wenigen Linien zum Beispiel Gänse umreißt oder Schulmädchen skizziert, zeugen von großer Sicherheit der Gestaltung.

Albers, Sohn eines Malermeisters, stammte aus einfachen Verhältnissen. Bei seiner Ausbildung ging es auch darum, für materielle Sicherheit zu sorgen. Mit 21 Jahren arbeitete er als Volksschullehrer erst im Münsterland, dann in Bottrop. Er fühlte sich zum Unterrichten berufen und tat dies sein Leben lang. Aber er suchte auch nach Entfaltung. Und er trat künstlerisch an die Öffentlichkeit, wie ein Fund zeigt, eine Reihe von realistischen Landschaftsansichten, die er zwischen 1911 und 1915 für Postkarten und für den Westfälischen Heimatkalender „De Kiepenkerl“ schuf.

Die Ausstellung macht seine Suche, seine Entwicklung nachvollziehbar. Neben Albers‘ Werken sind auch Arbeiten von drei sehr unterschiedlichen Künstlern zu sehen, die seine Lehrer waren, außerdem Bilder, die ihn beeindruckten und so prägten. So war ein wichtiger Einfluss das Folkwang Museum, das Karl Ernst Osthaus 1902 in Hagen gegründet hatte. Dort begegnete Albers der Moderne, Meistern wie Cézanne, Matisse, van Gogh, den ersten Arbeiten der Expressionisten, aber auch Beispielen von Weltkunst aus anderen Kulturkreisen. Einige Beispiele sind zu sehen, sogar eine Serie von Akt-Tuschblättern von Matisse. Daneben hängen um 1919 entstandene Akte von Albers, denen man die Inspiration noch ansieht, die aber auch souveräne Fortschreibungen sind.

Drei Künstler, die heute weit weniger berühmt sind, rücken in der Schau in den Blick. Bei ihnen studierte Albers, in Berlin beim Post-Impressionisten Philipp Franck, in Essen und Hagen beim niederländischen Symbolisten und Glasmaler Johan Thorn Prikker, in München bei Franz von Stuck, einem der letzten Malerfürsten. Es fällt gewiss leichter, Nachwirkungen von einem Glasfenster oder von einem stark mit geometrischen Elementen arbeitenden Mosaik („Lautenspielerin“, 1914) Thorn Prikkers bei Albers anzunehmen als einen Zusammenhang zwischen Stucks erotisch aufgeladenem „Reigen“ (1913) aus vier leicht bekleideten Tänzerinnen und einer „Homage To The Square“. Aber auch ihm verdankt Albers etwas, wie er später einmal sagte, den Hinweis auf die Wechselwirkung von Farben.

Eine Abteilung widmet sich der Freundschaft zwischen Albers und dem Autor und Kritiker Franz Perdekamp. Kuratorin Ulrike Growe zitiert aus dem überschwänglichen Briefwechsel, bringt weiteres Material, das die Begeisterung von Albers für Theater und Literatur erschließt. Der Ballettabend „Die grüne Flöte“ wirkte in ihm nach und brachte ihn dazu, in immer neuen Anläufen zu zeichnen, knappe Bewegungsskizzen in wenigen Strichen. Von hier aus hätte Albers auch zu einer ganz anderen, expressiven Form der Abstraktion finden können. Es kam anders. Aber unterschätzen sollte man den frühen Albers auf keinen Fall.

Bis 12.1.2020, di – sa 11 – 17, so 10 – 17 Uhr,

Tel. 02041/ 372 030, www.quadrat-bottrop.de, Katalog, Hirmer Verlag, München, 38 Euro

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