Das Josef Albers Museum in Bottrop zeigt das Spätwerk von Ulrich Erben

Wie Schemen hinter einer Milchglasscheibe: Ulrich Erbens Gemälde o.T. (2019) ist im Josef Albers Museum Bottrop zu sehen. Fotos: Schulz/ VG Bild-Kunst

Bottrop – Drei schmale Streifen in pastellenen Rottönen teilen das Hochformat ohne Titel. Bei den vier breiteren Streifen fällt auf, dass das Grau in ihnen in Bereiche mal heller, mal verschattet ausfällt. Fast, als bewege sich ein Schemen hinter einer Milchglasscheibe. Ulrich Erbens in diesem Jahr entstandenes Gemälde ohne Titel bekommt durch diesen Effekt Tiefe. Die Oberfläche wirkt durchscheinend, und hinter ihr öffnet sich ein Raum.

Erben hat in dem Bild alles extrem zurückgenommen. Sieben übereinandergestapelte schmale Rechtecke, Farbbänder. Dazu zwei in den Grauwerten nah beieinanderliegende Töne. Und doch atmet das Kunstwerk Weite. Das Licht spielt darin. Und man muss natürlich bewundern, mit welcher Meisterschaft die Übergänge zwischen hell und etwas weniger hell ausgeführt sind, so dass man an keiner Stelle genau sagen könnte, wo das Fast-Weiß endet und das Grau anfängt. Ganz weich gleitet der Blick.

Zu sehen ist Erbens Gemälde im Josef Albers Museum Quadrat Bottrop. Die Ausstellung „Ulrich Erben – Festlegung des Unbegrenzten“ ist eine Premiere, stellt sie doch eine Gruppe von Gemälden erstmals der Öffentlichkeit vor, die den Künstler in den letzten Jahren beschäftigt hat. Museumsdirektor Heinz Liesbrock spricht von einem „Spätwerk im echten Sinne“, in dem Erben zu einer besonderen Verdichtung seiner Ausdrucksmittel gefunden habe.

Erben, geboren 1940 in Düsseldorf und von 1980 bis 2005 Professor an der Kunstakademie in Münster, wird mal der konkreten Kunst zugerechnet, mal der Farbmalerei. Bekannt wurde er mit den „weißen Bildern“, von denen ein Beispiel von 1968 am Eingang der Ausstellung hängt. Geometrie ist ein prägendes Moment seiner Kunst. Auch das macht das Albers Museum zu einem idealen Ort, um die etwas mehr als 20 oft großformatigen Arbeiten vorzustellen. Zumal in unmittelbarer Nachbarschaft auch Werke von Josef Albers hängen und verdeutlichen, welche Variationsmöglichkeiten bei einer Kunst bestehen, die vermeintlich mit minimalen Mitteln arbeitet. Gerade der Blick auf die „Homages to the Square“ von Albers mit den geschlossenen Flächen, bei denen die unterschiedlichen Farben durch ihre Kontrastierung Spannung aufbauen, mag dem Betrachter das Besondere an Erbens Bildern aufschließen. In ihnen wird durch die feinen Helligkeitsabstufungen das jeweilige Feld selbst dynamisiert. Man hat die Wahrnehmung eines Lichteinfalls, als würde in dem Gemälde etwas abgebildet.

Liesbrock betont, dass Erben kein ungegenständlicher Maler im strengen Sinne sei. Erben bezieht sich auf eine lange Tradition von der italienischen Renaissance über Giorgio Morandi bis zu Edward Hopper. Seine Bilder könnte man als Landschaftsmalerei lesen, in der die Landschaft bis zum Äußersten zurückgenommen wurde. Zwei Frühwerke aus den 1960er Jahren zeigen die Ursprünge der geometrischen Bilder auf, zum Beispiel „Tiburtina“ (1963), eine Vedute in dunklen Grautönen mit angedeuteten Architekturformen. Vielleicht ist ein Gemälde wie „o.T.“ (2015), das drei Vierecke nebeneinander stellt, Nachhall einer solchen Stadtansicht. Aber mit dem gleichen Recht lässt sich das Bild auch einfach als eine Art Tanz betrachten. Die Vierecke haben weder rechte Winkel noch Parallelen, sie wirken ein wenig windschief, widersetzen sich dem ordnenden Blick und wecken so den Eindruck einer Bewegung.

Ein Gemälde, ausnahmsweise betitelt, heißt „Selinunt V“ (2016), wie die archäologische Fundstätte auf Sizilien. Wieder treffen Rottöne auf Grau, aber diesmal hat Erben nicht nur (diesmal vertikale) Streifen gesetzt, sondern er lässt rechts auch ein Quadrat ins Bild ragen.

Der Ausstellungstitel „Festlegung des Unbegrenzten“ formuliert natürlich ein Paradox. Zugleich benennt er ein Merkmal in Erbens Kunst, das Spiel mit Sichtbarkeit in den malerischen Übergängen. Man sieht es zum Beispiel in einem Bild ohne Titel von 2015, bei dem Trapeze auf einem rottonigen Grund stehen, eins davon ist mit Weißbeimischung dargestellt und nur als visueller Hauch wahrnehmbar.

Ulrich Erbens Malerei ist aber nicht auf ein Thema reduzierbar. In einem Bild (o.T., 2019) spielt er mit dünneren Streifen, mit dem Gegensatz von Linie und Fläche. Und ein weiteres Gemälde (o.T., 2019) überlagert dunkelgraue und schwarze Streifen zu einem faszinierenden Geflecht.

In dieser Ausstellung kann der Besucher erleben, wie Malerei das Sehen bewusst macht.

Bis 1.9., di – sa 11 – 17, so 10 – 17 Uhr, Tel. 02041/372 030, www.quadrat-bottrop.de, Katalog, Verlag der Buchhandlung Walther und Franz König, Köln, 28 Euro

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