Jonathan Meese zeigt seine „Lolita (R)evolution“ am Theater Dortmund

Kunstdiktator Jonathan Meese in Dortmund mit Lilith Stangenberg. Foto: JAN BAUER . NET / COURTESY JONATHAN MEESE . COM

Dortmund – Manche Erwartungen erfüllt Jonathan Meese zuverlässig. Er hat den Arm schneller oben, als man „Hitlergruß“ sagen kann. Und er ruft natürlich auch im Schauspiel Dortmund die Diktatur der Kunst aus und kündigt an, Deutschland zu entdemokratisieren. Auf einer der großen Kunstfahnen, die auf die Bühne herabgelassen werden, sieht man Bildnisse von Hitler und Stalin. Und eins seiner Lieblingskostüme ist die SS-Uniform, nur echt mit der Hakenkreuz-Armbinde.

Dass Dortmunds scheidender Schauspielintendant Kay Voges den Anarchokünstler Jonathan Meese für eine Inszenierung ins Revier geholt hat, wirbelt ordentlich Staub auf. Zwischen den Reihen des ausverkauften Hauses stehen Fernsehkameras. Meese, so heißt es, will sich in „Lolita (R)evolution (Rufschädigendst) – ihr alle seid die Lolita eurer selbst!“ mit Vladimir Nabokovs skandalösem Pädophilie-Roman auseinandersetzen. Aber ein Meese lässt sich nicht auf so etwas wie eine durchlaufende Handlung festlegen. „Theatert mich nicht zu!“, lautet eine seiner Beschimpfungen.

Der 1970 in Tokyo geborene Künstler, Spezialist für Performances und Provokationen, eignet sich Nabokovs Titelfigur an. Lolita steht für die unverstellte, unschuldige, komplett freie Selbstverwirklichung. So steht Meese mit sechs Schauspielern auf der Bühne und zieht eine Mischung aus Verkündigung, Appell und Happening auf, alles improvisiert und offen für plötzliche Richtungswechsel. Wer hier Sinn sucht, ist selbst schuld. Gleich am Anfang kommt Bernhard Schütz in einem Maulwurfskostüm mit deutlich phallisch ausgeformter Nase auf die Bühne und ruft: „Es muss einen Maulwurf geben.“ Sie variieren in Wiederholungen, dass es eine undichte Stelle in Deutschland geben müsse, was mutiert zu: „Ich habe einen undichten Maulwurf gefunden.“

Dieser bärtige Mann scheut vor nichts zurück, um Furcht, Schrecken, Heiterkeit zu verbreiten. Er schultert die formidable Lilith Stangenberg und liefert sich mit ihr Wortduelle. Sie ruft ihm zu: „Nicht der Arm!“ Aber das hält Meeses Rechte nicht unten. Sie hüpft auf einem Bett, wälzt sich auf dem Boden, haut Schütz auf den nackten, braun beschmierten Hintern und ruft: „Ich verbiete dich, du deutscher Skandalregisseur!“ Meese zieht sich die Maske des Fantomas über und den Helm von Darth Vader, er pumpt sich im Luftanzug zum Michelinmann auf, er schwitzt und malocht und nimmt seine Mitakteure ins Kreuzverhör. „Sag es deutscher“, bedrängt er Schütz, der sich brüstet, er sei der einzige Schauspieler, der jede Masken tragen könne.

Was für Protest gut ist, das bringen sie auf die Bühne: Beleidigungen, Erniedrigungen, Schmutz, Nazi-Symbole. Dabei verwandelt Meese Wutbürgerauftritte in einen Kindergeburtstag. Hier toben sich alle aus. Uwe Schmieder tanzt mit nichts an außer einer transparenten Strumpfhose. Er schaut vorn hinein und entdeckt ein Geschlechtsteil, das er triumphierend vorzeigt. Sie verkleiden sich, sie laufen mit Trommel und Trompete herum, sie machen Krach und Quatsch. Ja, Meese arbeitet sich an den Mythen der finstersten Zeit ab. Immer wieder kündigt er an, im Teutoburger Wald die „Alraune des Führers“ finden zu wollen. Aber das Nationale wird lustvoll dekonstruiert: Es werde ein Riss durch Deutschland gehen, verkündet der Prophet. Und er beschwört nicht nur den „Führer“, sondern verneigt sich auch vor der Kinderbuchfigur Mumin.

Manchmal blitzt so etwas wie Bedeutung auf. Bevor das Ensemble loslegt, liest in einem Video Meeses Mutter eine Inhaltsangabe von „Lolita“ vor. Damit das schon mal abgehakt ist. Meese arbeitet auf vielen Ebenen mit Verweisen, sei es der dystopische Film „Zardoz“, der auf einem Bildschirm läuft, sei es Musik von Schumann-Liedern über Peter Maffays „Josie Josie“ bis zu Rammsteins „Sonne“, das ein Dutzend Mal eingespielt wird, wobei die Darsteller mitgrölen und aus „Sonne“ mal „der Führer“, mal „die Mutter“ machen. Angesichts der Ankündigung, der Abend sei offen, ohne festgelegte Spieldauer, darf man die Ankündigung als Drohung nehmen: „Wir haben das Recht, 31 Mal ,Sonne‘ zu hören.“ So weit kommt es nicht.

Das hat streckenweise absurde Komik. Sie albern herum, sagen „Fletcher Christian“ (nach dem Helden aus der „Meuterei auf der Bounty“) durch die Zähne, bis nur noch ein Knurren bleibt. Und am Ende wird der Wüterich Meese ganz besinnlich und bittet seine Mutter, die in der ersten Reihe sitzt, auf die Bühne. Die alte Dame versucht, ihn am Hitlergruß zu hindern, streift die SS-Jacke ab, schaut einer Tortenschlacht eher distanziert zu. Sie amüsiert sich nicht, aber sie erduldet die zudringlichen Kapriolen ihres Sohnes.

Und wenn er auch unsere Geduld durch Egomanie und penetrante Wiederholungen sehr strapaziert: Am Ende kommt der große Kindskopf doch erstaunlich sympathisch über die Rampe. Zwar gehen eine Reihe Zuschauer vorzeitig. Wer bleibt, applaudiert aber heftig. Auch wenn es keine Verbeugungen gibt.

21.3., 3., 25.4., 16.5.,

Tel. 0231/ 50 27 222,

www.theaterdo.de

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