Johan Bargums Roman „Nachsommer“

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Johan Bargum

Es ist erstaunlich, wie klar und sortiert Johan Bargum von der Familie Axelsson erzählt, die mit dem Tod der Mutter auf Konflike stößt, die eigentlich in der Zeit versunken waren. Was kehrt zurück?

Bargum lässt Olof zu Wort kommen. Ein Musikrezensent, der sich nach dem Tod des Familienoberhaupts wertlos fühlt und neuen Halt sucht. Sein jüngerer Bruder Carl wird ihm nicht helfen.

Der schwedisch-finnische Autor lässt seine Figuren in Olofs Rückschau auftreten, um am Ende des kurzen, sehr dialogischen Romans mit einer schönen wie warmherzigen Wendung der Sehnsucht nach Einklang und Anerkennung zu entsprechen. Es ist aber vor allem Bargums Erzählhaltung zuzuschreiben, dass bei allen Überraschungen, Erinnerungen und Abrechnungen immer das Gefühl bleibt, hier wird sich jeder finden. Es geht um das Zutrauen in eine Welt, die eigentlich dem Individualismus alles hergibt: Familie, Liebe, Existenz, Zukunft. Was bleibt?

Fragen stellt Bargum in einfachen Szenen. Als Olof ins Wasser fällt, zieht ihn Carl an einer Leine wie ein Surfbrett hinter dem Boot her, das er selbst steuert. Voller Scham und pitschnass hält Olof die Demütigung aus, die seine Schwägerin Klara miterlebt. Er hatte ein Verhältnis mit ihr, konnte sich aber nie offenbaren, das heißt, sich für sie entscheiden. Wieviel Familie kann man noch zu lassen, wenn die Beziehungen sich so kreuzen?

Klara und Carl sind mit den Kindern aus den USA nach Finnland gereist, um die erkrankte Mutter zu sehen. Gertrud Axelsson stirbt an diesem Abend, während die Brüder ihre Positionskämpfe erneuern. Sie haben einfach kein anderes Verhältnis zueinander gefunden als Rivalität.

Solche Konstellationen sind so alt wie die Menschheitsgeschichte selbst. Der bürgerliche Roman und das moderne Drama haben das Unausweichliche in Familiengeschichten herausgearbeitet. Deshalb muss sich Johan Bargum daran auch nicht mehr abarbeiten. Als Klara den Brief zeigt, den Olofs Mutter an Carl geschickt hat, um den jüngeren Sohn mit dem Verhältnis seiner Frau zum Bruder zu kränken, wird ein Puzzle-Teil ins Familienstammbuch gedrückt, das letztlich nichts mehr ändert. Und könnte es nicht sein, dass Carls Sohn Sam eigentlich das Ergebnis der Liason zwischen Klara und Olof ist?

In dem Roman werden solche Konfliktzonen gekonnt eingerichtet, ohne psychologisch in die Tiefe zu gehen oder neuerliche Zerwürfnisse zu entwickeln.

Vieles hört sich allzu bekannt an und wirkt im Sommerhaus in den finnischen Schären kurz aufgeschäumt. Als nach der Testamentseröffnung Sam vermisst wird, weiß niemand, was der Junge über seinen Vater mitbekommen hat.

Johan Bargum, 1943 in Helsinki geboren, zählt zu den prominentesten Autoren seines Landes. Er schreibt Erzählungen, Drehbücher, Hörspiele und Theaterstücke, die um die Welt gehen. Mit „Nachsommer“ ist ihm ein kleines Kunststück gelungen, das wie eine leichte Fingerübung daherkommt, aber substanziell bleibt. Vielleicht lässt sich das mit der nordischen Lebenshaltung und ihrem Langmut erklären oder einfach damit, dass Bargum ein richtig guter Erzähler ist.

Johan Bargum: Nachsommer. Roman. Aus dem Schwedischen von Karl-Ludwig Wetzig. Mare Verlag.142 S., 18 Euro

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