Jette Steckel inszeniert Palmetshofers „Vor Sonnenaufgang“ in Recklinghausen

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Familienumarmung: Szene aus „Vor Sonnenaufgang“ in Recklinghausen mit Maike Knirsch, Felix Goeser und Franziska Machens (von links).

RECKLINGHAUSEN - Im Zentrum dieses Abends steht das Duell zwischen zwei alten Freunden. Thomas Hoffmann hat in die Firma Krause eingeheiratet und tritt jetzt für eine rechtspopulistische Partei an. Alfred Loth blieb den Idealen der Studentenzeit treu und schreibt jetzt für eine linke Wochenzeitung. „Wir driften auseinander“, meint er. Thomas entgegnet, dass er nur ein Geschichtenerzähler sei, der die Wahrheit etwas verbiege, um das Gefühl der Leute zu treffen.

Damit beschreibt der Dramatiker Ewald Palmetshofer ganz gut die Haltung des idealistischen Teils etwa der AfD. Sie schwindeln und tricksen, aber für einen guten Zweck. Palmetshofer hat – im Auftrag des Theaters Basel – Gerhart Hauptmanns Drama „Vor Sonnenaufgang“ neu bearbeitet. Nun zeigen die Ruhrfestspiele die Premiere der deutschen Erstaufführung. Jette Steckel inszeniert die Produktion des Deutschen Theaters Berlin.

Hauptmanns Drama ist ein Schlüsselwerk des Naturalismus. Die Krauses sind eine schlesische Bauernfamilie, durch den Bergbau reich geworden, aber von Völlerei, Alkoholismus und inzestuöser Sexualgier zerfressen. Loth ist ein sozialistischer Weltverbesserer, allerdings zugleich ein Sozialdarwinist, der an Erbkrankheiten glaubt. Viel Zeitgeist des 19. Jahrhunderts steckt in dem Werk. Da mag eine Auffrischung not tun.

Der österreichische Dramatiker hält in seiner Version den Ball flach. Die Ausgebeuteten kommen nicht mal mehr in den Dialogen vor. Wenn die alten Freunde hier streiten, dann wie im Politikseminar, etwas abgehoben, etwas abstrakt und irgendwie nicht ganz so aufregend. Vage spricht Loth einmal von dieser „Krise“. Aber wo der Rechtspopulismus nun verführt, täuscht, hetzt, das lässt Palmetshofer ungesagt. Die Sprache hingegen ist fein austariert, mit vielen unbeendeten Sätzen, was einiges an Andeutungen ermöglicht. Aber auch mit Wortspielen, deren Offensichtlichkeit zuweilen mitthematisiert wird: „als Hoffmann hofft man“.

Der alte Egon Krause säuft weiter ordentlich was weg, und auch Schwiegersohn Thomas Hoffmann verachtet den Champagner nicht. Aber auch Fredi, bei Hauptmann rigider Asket, gönnt sich noch einige Gläser Whiskey. Dafür tritt hier die depressive Tochter Martha auf, die auf einer Hausgeburt besteht, damit man in der Klinik nicht ihre Krankheit entdeckt und ihr das Kind wegnimmt. So kommen der Neufassung des Dramas die Konflikte abhanden. Nichts mehr, was nicht ein paar ordentliche Entziehungskuren und vielleicht Psychopharmaka heilen könnten.

Jette Steckel inszeniert trocken, nüchtern, auf einer fast leeren Bühne (Bühnenbild: Florian Lösche), die beherrscht wird von einem kreisrunden Podest, das sich dauernd dreht, langsam und quietschend. Bis hier die Tragödie durchschlägt, ist der Ton geradezu heiter, wie bei einer Sitcom. Das eingekaufte Paket, das der alte Krause ins Zimmer wuchtet, ist schrankgroß, bleibt aber immer unausgepackt. Der Karton ist mal Esstisch, mal Ruhebank für den posierenden Firmenchef Thomas.

Da sieht man streckenweise gern zu, vor allem wegen der starken Darsteller. Zum Beispiel in den Streitgesprächen zwischen Thomas Hoffmann, den Felix Groeser überraschend sensibel anlegt, gewiss ein Machtmensch, aber eher nachdenklich als skrupellos. Alexander Simon spielt den Loth zunächst beherrscht und distanziert. Erst später legt er emotionales Feuer in seine Vorwürfe, soweit der Text ihm das erlaubt. Schön auch die spröden Liebesszenen mit der jüngeren Tochter Helene, deren Verletzbarkeit Maike Knirsch unter burschikosen Posen verbirgt. Das ganz große Drama wird Helene versagt: Auch hier verlässt Loth sie, weil er fürchtet, dass sie wie ihre Schwester depressiv sein könnte. Aber sie bringt sich nicht um. Den tragischen Part hat Franziska Machens als depressive Martha, die mit viel Körpereinsatz und Pathos leidet.

Michael Goldberg interpretiert den alten Egon Krause, der bei Palmetshofer weniger Familientyrann als Waldschrat ist, mit einiger Würde, selbst wenn er vom Morgenstuhlgang spricht. Regine Zimmermann lässt Krauses zweite Gattin Annemarie beinahe normal aussehen, resolut, lebenslustig. Wenn sie etwas mehr Raum hätte, hätte die Familie vielleicht noch eine Chance.

Bei allen spielerischen Qualitäten ist aber der Gewinn der Aktualisierung überschaubar. Die Ruhrfestspiele haben als Motto „Heimat“. Palmetshofer aber hat „Vor Sonnenaufgang“ den Ort ebenso genommen wie das Motiv des Strukturwandels. Ein geschrumpftes Drama.

12.5., Tel. 02361/ 92 180

www.ruhrfestspiele.de

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