Jelineks „Prinzessinnendramen“ im Stadtraum von Oberhausen

Der gläserne Sarg ist ein Schaufenster: Szene aus „Schneewittchen“ in Oberhausen mit Lise Wolle. Foto: Isabel Machado Rios

Oberhausen – Vor Berührungen muss man sich nicht fürchten. Schneewittchen sitzt im Schaufenster eines Perückenstudios, am Anfang mit künstlichem Glatzkopf. Dann setzt Lise Wolle eins der Ausstellungsstücke auf und wundert sich, frei nach Heidegger, warum sie noch ist und nicht nichts ist. So kann man das Überleben eines Giftanschlags auch umschreiben. Aber die Gefahr ist hier nur literarisch. Die Schauspielerin drin. Wir draußen. Dazwischen die Scheibe. Alles sicher.

Es gibt wieder Theater, trotz Virus-Lockdown. Paulina Neukampfs Inszenierung von Elfriede Jelineks „Prinzessinnendramen“ am Theater Oberhausen ist allerdings ein höchst exklusives Vergnügen. Gespielt wird nicht, wie ursprünglich geplant, auf einer Studiobühne in einem nachgebauten Wohnzimmer. Gespielt wird im Außenraum im Stadtzentrum. Im Zehn-Minuten-Abstand schickt eine Theatermitarbeiterin mit Mundschutz die Zuschauer, auf jeder Tour zwei, auf einen Spaziergang. Den Text hören sie von ihrem Smartphone über Kopfhörer.

Jelinek setzt sich in ihrem Dramenzyklus mit Märchen auseinander. Am ersten Abend also „Schneewittchen“. Vom Filmpalast Lichtburg geht es in eine kleine, an diesem Abend fast menschenleere Passage. Auf dem Kopfhörer zwitschern Vögel, summen Bienen. Und eine Frau spricht von der Suche nach Zwergen im Wald. Schneewittchen spricht über sich, wie sie von der Schönheitskönigin zur Wahrheitssucherin wurde. Jetzt fällt uns der Mann auf, der uns doch gerade schon entgegengekommen ist. Groß ist er nicht, aber als Zwerg kann man Daniel Rothaug auch nicht gerade ansprechen. Vielleicht ist er auch der Jäger, der zwischendurch auch das Wort ergreift. Er stellt sich vor dem Zuschauer auf, sucht Blickkontakt. Gerade hält er meinem Begleiter die Bonbontüte hin. Aber sonst hält er durchaus Abstand. Was geht ihm durch den Kopf?

Nach gut zehn Minuten markieren helle Piepsgeräusche das Ende dieser Station. Weiter geht es durch die Fußgängerzone. Den Weg weisen kleine gelbe Zwerge auf dem Bürgersteig. Über den Altmarkt – wo übrigens einst Christoph Schlingensief wohnte – geht es zum Hinterhof des Gdanska Teatr. Die Lesungen, Aufführungen, das Gitarrenfestival sind abgesagt. Nun gibt es zwei Stühle für das Publikum und eine Hollywoodschaukel, auf der Agnes Lampkin liegt. Und während vom Smartphone Schneewittchens Stimme mit Gedanken zu Äpfeln und Rivalität erklingt, steht Lampkin auf und hantiert mit einem Apfel, den sie hochwirft und mit einem Messer in der Luft aufzuspießen versucht.

Weiter geht es zum Perückenstudio, dann zum Stadtpavillon am Altmarkt, vor dem abends die Oberhausener ohne festen Wohnsitz gern ihr Feierabendbier genießen. Auch sie schauen Susanne Burkhard im Glaskasten zu. Gibt ja sonst nicht so viel zu sehen hier. Die Schauspielerin blättert im Sessel in einer Zeitschrift, neben sich ein Bügelbrett und einen Staubsauger. Später zieht sie sich eine Plastiktüte über den Kopf, scheint zu ersticken, steht dann aber wieder auf. Die Zaungäste hören nicht, was Jelinek das aufwachende Schneewittchen über Licht und erregte Zwerge sagen lässt. Aber immerhin applaudiert einer am Ende.

Die Aufführung funktioniert über Assoziationen. Der Besucher erfährt die Revierstadt verfremdet. Poetisiert. Was gehört zur Aufführung? Die Frau, die im Eingang des geschlossenen Ladens sitzt? Oder sitzt sie einfach zufällig da?

„Dornröschen“ beginnt am Stadtrand, an einer Eisenbahnunterführung. Auf der Straßenseite gegenüber sitzt Rothaug in den Büschen unter einer Anzeigentafel mit einem Strauß Rosen. Wie einer, dessen Verabredung nicht kommt. Ein dunkelhäutiger Mann kommt mit Einkaufstasche vorbei, fragt, ob das hier ein Film sei. „So was ähnliches.“ Er strahlt: „Ah, Youtube, sehr gut!“ Man kommt in ein Parkhaus. Am Ende geht es auf eine Wiese, wo zwei Frauen auf Stühlen in Zeitschriften blättern, sich eifersüchtig beäugen. Jelinek liest die Märchen als Erzählungen weiblicher Rivalität, mit stark sexualisierten Untertönen. Immer geht es darum, zu gefallen, und so klemmen sie eins dieser perfekten Werbemodelporträts unter ihre Brille, ein neues, optimiertes Gesicht.

Es gibt wieder Theater. Die Touren dauern eine halbe, vielleicht eine Dreiviertelstunde. Manches ist ungeplant. Und die stillgelegte Stadt wirkt schon lebendiger.

Schneewittchen: 30.4., 8., 15.5., 19.6., Dornröschen: 2, 9., 16.5., 20.6., Rosamunde: 3., 10., 17.5., 21.6.,

Tel. 0208/ 8578 184, www. theater-oberhausen.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare