Jan-Christoph Gockel inszeniert Kafkas „Verwandlung“ in Bochum

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Gregor Samsa verdoppelt: Szene aus „Die Verwandlung“ nach Kafka am Schauspielhaus Bochum mit Nils Kreutlinger und Puppenführer Michael Pietsch.

BOCHUM - Nils Kreutlinger rollt sich zusammen, so dass er in das Puppenbett passt. Nur einen Schwenk der Drehbühne braucht es, um die „Verwandlung“ sichtbar zu machen. Nur dass Gregor Samsa äußerlich unverändert bleibt. Die Welt ist ihm auf einmal zu klein geworden.

Jan-Christoph Gockel kommt für seine Bühnenfassung von Franz Kafkas wohl bekanntester Erzählung am Schauspielhaus Bochum ohne Käferkostüm aus. In seiner Inszenierung verwandelt sich die Welt auf der Bühne unaufhörlich. Eine Gaukelei ohnegleichen, fast zuviel für einen gut anderthalbstündigen Theaterabend.

Regisseur Gockel arbeitet mit Puppen. Michael Pietsch hat sie gefertigt, detaillierte Doubles aller Akteure in Holz. Am Anfang singt Luana Velis (Gregors Schwester Grete) von der Bühnenseite her Jon Brions Song „Little Person“, und Pietsch führt dazu eine Gregor-Marionette, die morgens aufsteht, aus dem Haus geht, eine Drehung der Bühne mitmacht, sich wieder hinlegt. Währenddessen werfen Uwe Zerwer (Vater) und Katharina Linder (Mutter) mal Laub, mal Federn vor eine Windmaschine. So einfach zaubert man einen Jahreslauf hin, das traurig-graue Leben des Angestellten.

Gockel nimmt den Titel „Die Verwandlung“ grundsätzlich. Hier findet sich nicht nur der Protagonist Gregor eines morgens in ein ungeheures Ungeziefer verwandelt. In dieser Inszenierung wird die Realität unvermittelt aller Sicherheiten beraubt. Julia Kurzweg baute für die Drehbühne Gregors Zimmer gleich viermal: In Normalmaß, aber auch zur Puppenstube geschrumpft, dann wieder vergrößert, dass man nur den unteren Teil der Tür und etwas Wand erblickt. Michael Pietsch spielt den Prokuristen, aber vor allem eine Art Moderator, der anfangs eine Truhe auf die Bühne bringt, der die Familienmitglieder ihre Doppelgänger entnehmen. Ständig spielen Puppen mit Menschen, und die verrutschten Maßstäbe zeigen, dass etwas aus der Ordnung geraten ist.

Gockel erzählt die Geschichte auch nicht linear, was ihn der Not enthebt, sich auf eine Deutung festlegen zu müssen. Immer neue Anläufe, immer neue Aspekte von Verwandlung. Natürlich eine Schauergeschichte, der Einbruch des Unheimlichen in die Welt. Aber auch eine Fluchtgeschichte, Gregors Käfer-Sein ist eine Art Krankheit, um nicht mehr die Verantwortung für die ganze Familie tragen zu müssen. Wie Kreutinger sich da in die unterschiedlichen Versionen des Schlafzimmers drückt, wie er sich auf das Bettschränkchen hockt, wie er sich auf alle viere auf Augenhöhe mit den Puppen duckt, wie er sich in zu kleine Türen quetscht, wie er mit einer schlichten grauen Polster-Regenjacke zum unförmigen Klumpen in der Raumecke wird, das drückt auch Entfremdung von bürgerlicher Normalität aus.

Aber der Rest der Familie ist auch nicht so ohne, anfangs eine schlaffe Bande am Frühstückstisch. Grete schmatzt Apfelschnitze, Mutter schlürft Kaffee und schmaucht asthmatisch röchelnd Zigaretten, Vater schnarcht lethargisch über der Zeitung. Und jeder führt dabei sein Stabpuppen-Double. Aus ihrer Bequemlichkeit gerissen, müssen sie aktiv werden. Und auf einmal springt Zerwer als Vater in ausfransender Uniform auf die Bühne, der Mensch, trumpft kasperlehafter auf als alle Puppen. Auch das werden Phantasien sichtbar: Unter dem Boden der Puppenstube kopulieren die Puppen von Grete und dem Prokuristen. Auch die Schwester verändert sich ja, sie blüht auf, wie es bei Kafka heißt. Und so handelt der Abend auch von Emanzipation und von der Gier des Vaters, der in einer Szene Geldtaschen beiseite schafft.

In Bochum wird aus der Erzählung ein Mosaik aus Mikrodramen, manchmal unterlegt von einem live gesungenen Pop-Song. Wenn der Vater Äpfel auf die Gregor-Puppe schleudert, dass das Fruchtfleisch spritzt, ist es beinahe Slapstick. Wenn die Familie berät, dass Gregor nicht mehr zu ertragen sei, dann meint man in den Formeln („Weg muss es!“) enthemmte Wutbürger zu hören. Dann wieder wird ein Bild von der Wand genommen und aus einer Nische blickt der gedemütigte Gregor.

Am Ende tragen die Familienmitglieder Lederriemen mit einem Stab am Hinterkopf, sie mutieren zu Spielfiguren, und Kreutinger hat die Bühne für sich. Nun führt er die Menschen wie Puppen, spricht alle Rollen, trägt auf einmal die ganze Last. Bis er die Gregor-Marionette nimmt und niederlegt, zum Schlaf, zum Tod. Und noch eine kleinere Puppe. Und noch eine winzigere Version. Und am Ende mit leeren Händen eine Flohversion andeutet.

Dieser sehenswerte Abend vereint humoreske Momente mit verspielter Melancholie. Bei Gockel ist Kafkas Erzählung nicht die vertraute Pflichtlektüre der Oberstufe. Der Regisseur findet Bilder im kanonisierten Text, die beim Zuschauer unerwartete Gedanken frei setzen. Großer Beifall.

2., 6., 11., 26.11., 6., 17., 25., 31.12., Tel. 0234 / 33 33 55 55, www.schauspielhausbochum.de

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