30 Jahre Helios Theater

„Holzklopfen“ zählt zum Repertoire des Helios Theaters in Hamm – Michael Lurse (rechts), Marko Werner. Foto: breuer

Hamm – 30 Jahre sind in der Theaterwelt eine sehr lange Zeit. Barbara Kölling und Michael Lurse haben 1989 das Helios Theater in Köln gegründet und seit 1997 in Hamm weiterentwickelt. Mit internationalen Preisen (Assitej 2009) ausgezeichnet, vom Land NRW und vom Bund unterstützt, hat der Name „Helios“ an Strahlkraft gewonnen. In diesem Jahr kam der Theaterpreis des Bundes dazu. Das Theater zählt zu den innovativsten in Deutschland. Das Spektrum reicht von den „Allerkleinsten“ ab 2 Jahren bis zu jungen Erwachsenen. Das große Geburtstagsfest findet am 7. Dezember ab 16 Uhr im Theaterhaus statt. Vorher sprach Achim Lettmann mit dem Leitungsteam über internationale Erfahrungen und neue Ziele.

Sie sind vor kurzem aus Nigeria zurückgekommen, wo Sie auf Einladung des Goetheinstituts einen Workshop geleitet haben. Was haben Sie aus Lagos mitgebracht?

Barbara Kölling: Aufgerufen waren Theatermacher allgemein. Wenn überhaupt die Möglichkeit besteht, in Nigeria Theater zu machen, dann geht es von Null bis 99. Ausgeschrieben war es auf den Fokus Kinder. Es gab 14 Teilnehmer, Männer und Frauen ganz ausgeglichen. In Nigeria bedeutet Kindertheater Theater mit Kindern. Also Kinder befinden sich auf der Bühne. Es geht von großen Gruppen, die folkloristisch arbeiten, bis in den letzten Jahren zu Themenstücken, in denen auch Probleme angesprochen werden. Für Kinder arbeiten ist relativ neu. Es gibt eine große Neugier, neue Formen auszuprobieren.

Gibt es Spielerfahrungen vor Ort, also Traditionen, die dem Theater im Weg stehen, also Ihrem „Materialtheater“ zum Beispiel.

Kölling: Zunächst mal ja. Es gibt die Tradition des Storytellings, was ich als Form sehr interessant finde. Diese Form des Redens, dabei noch zu tanzen und auch noch temperamentvoll Bilder herzustellen, allein oder zu zweit, ist eine Form, die ich interessant finde. Von da aber zum Materialtheater zu kommen, was ohne Worte ist, was stark aus der bildenden Kunst kommt, ist natürlich ein Schritt. Es verlangt immer praktisches Arbeiten und praktische Erfahrung. Und dann geht es aber sehr schnell. Dieses Erleben von Naturmaterialien zum Beispiel und die Möglichkeit, dadurch auch schnell ein szenisches Spiel entwickeln zu können, überzeugt alle.

Ihre Bühnenarbeit wird mit Kinder und Jugendlichen entwickelt. Haben sich die jungen Menschen verändert, muss man anders reagieren?

Michael Lurse: Ich würde nicht sagen, dass man anders reagieren muss. Bei den kleinen Kindern ist der Unterschied gar nicht groß, bei älteren merkt man natürlich, dass die einen anderen Medienhintergrund haben, beschäftigt mit Inhalten aus dem Internet, die irgendwo zusammengesucht werden.

Kölling: Was interessant geworden ist, ist YouTube und Liveformate, die aber zweidimensional bleiben – auf dem Bildschirm. Das ist eine neue Variante. Vor zehn Jahren hat man gesagt: Ja wird es nicht immer schwieriger für das Theater? Aber jetzt erlebe ich, dass das Grundinteresse, live irgendwelche Menschen zu sehen, eigentlich steigt; man guckt sich gegenseitig und potentiell bei allem zu. Und was ist beim Theater so besonders? Diese Livesituation.

Lurse: Auch für die Zuschauer meine ich. Wenn ich was sage, reagiert jemand. Dieses Wechselspiel, diese Gesamtsituation im Theaterraum, die ist aufgeladener als vor ein paar Jahren.

Inwieweit hat sich das Interesse von Jugendlichen in den letzten Jahren am Theater verändert?

Kölling: Grundsätzlich ist diese Echt-Frage sehr wichtig. Also auch als etwas Kurioses. Dann wird das Theaterstück Film genannt. Kann ich den Film noch mal sehen, höre ich dann? Ich bin manchmal verwundert, dass diese Live-Situation nicht klar ist. Es gibt da so eine innere Infragestellung: Vielleicht ist das doch ganz anders.

Lurse: Ja, die Jugendlichen kommen hier an mit der Erwartung, ins Kino zu gehen. Und dann merken sie, das ist etwas ganz anderes. Und die werden dann ganz wach und neugierig. Und ein großer Teil ist auch begeistert. Das ist verrückt, zu sehen, wie denen die Augen und Ohren aufgehen.

Über ein Jugendprogramm gibt es einen Austausch mit einem Gymnasium in Budapest. Stoßen Sie dabei auch auf den politischen Nationalismus eines Viktor Orbán?

Kölling: Indirekt auf alle Fälle. Die Schülerinnen und Schüler waren dem Projekt gegenüber sehr schüchtern. Weil sie das Gefühl hatten, sie können nicht genug Englisch sprechen, weil das an den Schulen in Ungarn vernachlässig wird. Das Staatssystem findet es nicht wichtig, sich international verständigen zu können. Das war als Hauptpunkt von mir nicht erwartet worden. Bei den Jugendlichen, mit denen wir zu tun hatten, ist die Mehrheit nicht für das System, aber sie wissen für sich selbst auch keinen Weg daraus. Es gibt eine aufgeladene Wartesituation, auch mit familiären Streitigkeiten, weil es unterschiedliche Ansichten über Orbán gibt. Aufschlussreich in dem Zusammenhang war das europefiction Sommercamp. Bei dem Projekt sind viele Geflüchtete beteiligt, die nach Deutschland gekommen sind. Bei uns, wie in den Gruppen in Bochum und Gelsenkirchen. Da waren viele ungarische Jugendliche, die den Kontakt extrem gesucht haben.

Lurse: Hier haben die Jugendlichen ganz schnell Englisch gesprochen. Das Interessante ist ja, das findet man in Frankreich auch. Die Franzosen können auch keine Fremdsprachen. Deshalb ist der Nationalismus so stark, den ich dort immer wieder antreffe.

Welche Größenordnung haben politische Verhältnisse für Ihr Theaterhaus bekommen?

Kölling: Durch unsere starke internationale Arbeit wird das auf doppelter Ebene verstärkt. Aktuell haben wir im Ensemble eine Spielerin und einen Spieler aus dem Iran. Nach der Koproduktion mit dem Ishyo Arts Centre aus Ruanda war es für uns nicht mehr vorstellbar, zurückzugehen in ein Ensemble ausschließlich aus Deutschen. Das heißt, die Mischung, dass man mal Koproduktionen eingeht und mal guckt, welche Spieler aus anderen Ländern sind in unserer Nähe, ist für uns ganz wichtig geworden. Und wenn man dann auch noch in den Ländern so viel unterwegs ist und da arbeitet, wie ich jetzt mit diesen Mentoring-Projekten, dann entwickelt sich das von selber, dann verstärkt sich das von selber.

Der Bund fördert mehr Kultur. Das Land NRW tritt als verlässlicher Geldgeber auf. Im Jahr 2020 sind 40 Millionen Euro für Theater in NRW versprochen. Ist die Anerkennung für Ihre Arbeit gewachsen?

Kölling: Prinzipiell auf alle Fälle. Die Landesebene war damals schon sehr erfreut über unseren Umzug von Köln nach Hamm. Damit wurden wir in die institutionelle Förderung genommen. Das bedeutete Verlässlichkeit.

Lurse: Es waren 35 000 DM im Jahr, also keine große Summe, aber eine gewisse Sicherheit.

Kölling: Das hat sich regelmäßig gezeigt, wenn es um die Erhöhung der Zuschüsse ging. Gleichzeitig sind wir auch ein freies Theater geblieben. Ich will mal sagen, wir haben hier wirklich mit der Spielstätte und von dem Ausbau der Spielstätte profitiert. Und davon, dass die Stadt Hamm immer sehr stark dahinterstand. Auch jetzt, wenn es dazu kommt, dass die Bahn das Haus verkaufen will, springt die Stadt ein und will das Gebäude kaufen, weil das Helios Theater an diesem Standort bleiben soll. Und in unserem Rahmen haben wir auch mit viel kulturpolitischer Arbeit und mit viel Öffentlichkeitsarbeit einiges erreicht.

Eine Anerkennung ist in Hamm und in der Hellwegregion spürbar?

Lurse: Ja. „Hellwach“ ist als Kulturfestival quasi installiert. Man hat sich dafür ausgesprochen, dass es dauergefördert wird. Und von der Aufstockung des NRW-Kulturetats der neuen Kulturministerin, davon haben wir ein bisschen profitiert. Nicht wie ein Stadt- oder Landestheater, das sind andere Verhältnisse. Ich finde, im Vergleich zu den Vorjahren haben wir relativ gut profitiert.

Was sind die Ziele jenseits der 30 Jahre?

Kölling: Wir machen uns gerade auf den Weg, auszuprobieren, ob unser gesamter Spielbetrieb nicht noch internationaler sein kann. Wir fänden das sehr spannend, dass es das nicht nur in Berlin gibt, sondern auch hier am Rande des Ruhrgebiets, in einer Stadt wie Hamm. Wir merken das beim internationalen Festival, wenn wir das türkische Theater Tiyatro Tem zu Gast hatten. Das waren Vorstellungen, die man nicht vergisst. In die Richtung weiter zu arbeiten, ist unser großer Wunsch.

www.helios-theater.de

1989 in Köln gegründet.

1997 Umzug nach Hamm. Vorstellungen im Bürgersaal.

2002 Internationales Kindertheaterfestival „hellwach“. Alle                       zwei Jahre in der Hellwegregion.

2004 Eröffnung des Kulturbahnhofs in Hamm als fester Standort . Erfahrungen mit dem „Theater   für die Allerkleinsten“, erste eigene Produktion 2005.

2005 Schultheatertreffen „Applaus!“, fortan alle zwei Jahre

Ab 2006 drei EU-Projekte zu „small size“, Theater für Kinder.

Ab 2014 mehr internationale Kooperationen.

Ab 2015 Workshops zum „Materialtheater“ (Mentoring).

2016 Koproduktion „Our House“ mit dem Ishyo Arts Centre  aus Kigali/Ruanda.

2018 Mapping, ein EU-Forschungsprojekt zum Kindertheater von 0 bis 6 Jahren.

Außerdem „europefiction“, ein internationales Jugendkunstprojekt; die Jugendtheaterwerkstatt und das Kulturrucksack-Projekt, Theater im öffentlichen Raum; Schultheater-Kooperationen, Festivaleinladungen und Symposien.

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