Jacques Tilly stellt seine Karikaturen in Oberhausen aus

Jacques Tilly hat mit seinen satirischen Figuren gegen den Brexit gekämpft. „Leider vergebens“, wie der Karikaturist und Wagenbauer des Düsseldorfer Karnevals sagte. In Oberhausen ist seine erste Ausstellung zu sehen. Foto: lettmann

Oberhausen – Jacques Tilly hat Stress. Nur noch 24 Tage, dann ist Rosenmontag und dann rollen zwölf dreidimensionale Karikaturen durch Düsseldorf, die Karnevalswagen. Jacques Tilly hat mit seiner Satire dem Karneval in Düsseldorf politische Schärfe gegeben. Eine Pause legt Tilly kurz in Oberhausen ein, wo er im Schloss seine erste Ausstellung präsentiert: „Jacques Tilly. Politik und Provokation – Karikaturen XXL“. Comiczeichner Ralf König hatte die Idee zur Schau, sagte Direktorin Christine Vogt.

Es ist eine Chance, den Wagenbauer des Karnevals am Rhein kennenzulernen. Der 56-jährige Düsseldorfer hat Kommunikationsdesign in Essen studiert. Weil er in der Schülerzeitung gut Lehrer karikieren konnte, hatte ihn ein Freund 1983 zum Karneval geholt. „Es wurden Wagenbauer gesucht“, sagte Tilly in Oberhausen, und er war fortan dabei. Wie er von großen Formen spricht, auch an Aufgaben im Messebau denkt, da wird einem klar, weshalb er seinen Beruf nicht mehr ausübt. Er pointiert lieber seine Analysen zur politischen Lage. „Trump ist eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für Karikaturisten wie Franz-Josef Strauß damals“, sagte Tilly. Ein Blatt von 1988 zeigt den bayerischen Ministerpräsidenten (CSU), Johannes Rau (SPD) und Helmut Kohl (CDU), wie sie mit einer grünen Schlange ringen. Wurden die Grünen schon damals den Volksparteien gefährlich? Wohl kaum. Aber die Zeichnung belegt, dass Tilly zwar für den Rosenmontag arbeitet, aber den Anspruch hat, ein Thema zu illustrieren, dass über den Tag hinaus reicht. Heute hat die „grüne Schlange“ eine ganz eigene Macht entwickelt. Tilly freut diese Langlebigkeit seiner Ideen. Er hat das Gespür.

Aber woher? „Ich lese mehr, als ich zeichne“, sagte Tilly. Man müsse ein breites Wissen haben, das in die Tiefe gehe, so Tilly. Ihn interessieren Wirtschaft, Politik, Religion, Wissenschaft und Philosophie. So abonniert er mehrere Tageszeitungen und studiert Fachzeitschriften. „Ich habe den Koran gelesen“, sagte Tilly, „ob die Gewalt dort manifestiert ist?“ Er arbeite in der Tradition der Aufklärung, er sei ein Humanist, und es sprudelt aus ihm heraus, wenn es um „Leid, Krieg und Religion“ geht. Diese Themen waren im Karneval der 80/90er Jahre verpönt. Mit Tilly änderte sich das. Er ging die Mächtigen an, ließ Helmut Kohl 1988 mit Penis auffahren – bis der Rechtsanwalt anrief – und hatte die Chefs des Düsseldorfer Karnevals letztlich hinter sich. Tilly interessiert das Anarchische am Karneval, „ein uraltes Menschenfest“ und „ein Ventil“, wie er sagte.

Aktuell gibt es einen Wagen im Karneval, der erst am Rosenmontag gezeigt wird. Die übrigen elf Motive sind bekannt. „Die Gesellschaft ist liberaler geworden“, so Tilly, der eben kein Spaßmacher ist. Es geht um mehr.

In Oberhausen sind 29 Fotos, 194 Skizzen, Drucke und Bauzeichnungen ausgestellt. Sie sind mit Blei- oder Filzstift gezeichnet. Aber autonome Zeichnungen im eigentlichen Sinn sind es nicht. Tilly macht Vorstudien für die großen satirischen Figuren aus Holzlatten, Karnickeldraht und ganz dünnem Papier. Wasserlösliche Farben werden aufgetragen. Alles sei umweltfreundlich, betonte der Karikaturist.

Es gibt viele Beispiele in der Schau. Neben dem Themenkomplex Donald Trump findet sich unter „Religionskritik“ eine herrlich pfiffige Studie. „Leuchtturm, Aufklärung“ (2005) blendet einen Kirchenfürsten, der sich im Dunkeln ganz wohl fühlt. Es gibt Zeichnungen zu gebauten Wagen. In „Selber Schulz!“ (2018) dreht sich Martin Schulz (SPD) durch den Fleischwolf – gruselig sieht das aus. Und 2015 legt ein Grieche mit einer Zwille auf das eine Auge des Zyklopen Merkel an. Aua, das schmerzt beim Hinschauen.

Tilly wirkt. Er ist über Deutschland hinaus bekannt. 2019 war sein Wagen mit der Premierministerin Theresa May, die die britische Wirtschaft mit ihrer Brexit-Nase durchbohrt, der Renner. 654mal war der Motivwagen in der internationalen Presse abgebildet. Davon 510mal zur Demonstration in London. Tillys No-Brexit-Wagen unterstützten die „Remainer“-Bewegung. Er musste die Figuren „Brexit is a Monstrosity“ (Brexit ist eine Missgeburt) wetterfest machen. Sie widerstanden dem Regenwetter in England und stehen nun im Innenhof des Schlosses. Tillys wasserfeste Theresa May rollte 2017 auf Demos von London über Manchester bis Newcastle („Let’s Stop It“). Vergebens. „Die Boulevard-Presse beherrscht die Szene“, sagte Tilly zum Brexit.

Greta Thunberg ist sein zweites Erfolgsthema 2019. Er lässt sie nach den Ohren der Politiker greifen: „Tut endlich was gegen die Klimakatastrophe“. 188 Medien zeigten die Karikatur weltweit. Tillys Bildsprache hat Konjunktur. 2014 wurden die Motivwagen aus Düsseldorf in 130 Publikationen weltweit gedruckt, 2019 schon 1264mal. Auch ein Film-„Making-of“ läuft in Oberhausen.

Tilly zielt genau. Nazis schicken Hass-Mails an ihn. Er liest ihre Pamphlete, um zu verstehen, wo sie am besten zu treffen sind. Er kämpft gegen Populisten, Rechtsnationale und Protofaschisten. Es ist ernst, weiß Jacques Tilly.

Eröffnung Sonntag, 15 Uhr, bis 14. 6.; di-so 11 – 18 Uhr, Katalog 14,90 Euro; Tel. 0208/41249 ; www. ludwiggalerie.de

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