„Im Irrgarten des Wissens“ von Arnarsson am Schauspiel Dortmund

Entdeckung der Gemeinsamkeit: Das Ensemble des Schauspielhaus Dortmund spielt „Im Irrweg des Wissens“. Foto: hupfeld

Dortmund Sie sind viele, mit weitgeschnittenen Hemden stehen sie da und erinnern sich an Lilli, die zum Chor des Schauspiel Dortmund gehörte, bevor sie starb. Es ist eine kraftvolle Erinnerung, in der präzise beschrieben wird, was die Lehrerin, die ohne Zigaretten, Rotwein und Lakritz nicht auskam, getragen hat. Das Bild von ihr vereint den Chor, und Jochen Herings Trauerrede lädt die Zuhörer im Schauspielhaus Dortmund ein, teilzuhaben an dieser Biografie. Lillis Beschreibung wird als gemeinsame Fürsprache mit wechselnder Rede zu einem starken Moment „Im Irrgarten des Wissens“: „Das Gute stärken“ heißt es in der Produktion, und als Merle Wasmuth mit weißer Lockenperücke „Non, je ne regrette rien“ von Edith Piaf singt, schwebt sie in den Bühnenhimmel und unter ihrem voluminösen Rock passt der ganze Chor.

Nun werden Ultraschallbilder auf den Rock projiziert und eine schwangere Darstellerin hat ihren Bauch ein wenig freigelegt. Die neue Produktion in Dortmund setzt auf schrittweise entwickelte Bilder, die vor allem zum Ende des fünfeinhalbstündigen Bühnenspektakels gefallen. Frieder Langenberger ruft im Chanson „Je suis malade“ der Welt seinen Schmerz entgegen. Dagegen arbeitet Caroline Hanke den Stammbaum ihrer Familie ab, singt später Udo Lindenbergs „Sonderzug nach Pankow“ und führt so Andreas Becks sehr persönliche Geschichte ein, wie einst der Oberste Sowjet dafür sorgte, dass er sein Abi und die Schauspielausbildung in der DDR machen konnte, obwohl er den „Sonderzug“ auf einer Klassenparty abgespielt hatte. Das amüsiert, und lässt einen am Alltag im Arbeiter- und Bauernstaat teilhaben. Als Uwe Schmieder und die Schauspieler „Allen die Welt und jedem die Sonne“ singen, geht einem das Herz auf. Das engagierte Ensemble beatmet das abgenudelte FDJ-Lied und stößt etwas Befreiendes an: eine soziale Tugend. Oder leiden wir an Über-Individualisierung?

Thorleifur Örn Arnarsson und Mikael Torfason setzen auf das ganze Team, auf die Persönlichkeiten und – wer wollte – auf ihre Texte. Hier steht das Theater auf und gibt sich zum Besten. Intendant Kay Voges hat die Spielflächen in Dortmund erweitert. Sein Regie-Duo Arnarsson/Torfason entwickelt noch für die Volksbühne in Berlin gemeinsam „Die Odyssee“. In Dortmund allerdings ist erstmal Kevin Wilke für den Running Gag zuständig, wenn er problematisiert, eine Figur zu spielen und Schauspieler zu sein, dann ist das Definitionschaos einfach gewollt („Mein Name ist Kevin Wilke“).

Also ganz so ernst wird die Rezitations- und Musikshow in Dortmund dann doch nicht genommen. „Im Irrgarten“ soll die Zeit angehalten werden. Statt Frontaltheater wird das ganze Bühnenhaus bespielt. Geräuschinstallationen im Obergeschoss, ein Biergarten vor der Tür, Aufgaben zur Selbsterfahrung („Meet Yourself“), wandfüllende grafische Bildzeichen und Videos (Uwe Schmieder ist schwarz bemalt und beklagt den Demokratieverlust in eine Handkamera hinein) bieten Kunst oder lenken nur ab. Natürlich drängt es den Theaterbesucher zur Bühne, wo in der Pause – 90 Minuten, wie jeder will – eine mehrgeschossige Weltenorgel gebaut wird. Daniel Angermayrs Karussell (Bühne, Foyer) ist mit skurrilen Symbolen, Selbstdarstellern und Zivilisationskitsch („That what we call creation“) überfrachtet. Eine Maschine vor der ein Teilvorhang auf und nieder geht, wo Bilder flackern, Friederike Tiefenbacher von ihrer Schauspielzeit in Wuppertal erzählt, ein Clown rumsteht, eine Posaune ertönt und Gundermanns Lied vom „Fliegenden Fisch“ so fragmentarisch hörbar bleibt, wie alles andere. Dieses Bimborium raunzt aus dem Unterbewusstsein „des Wissens“, das einem immer fern bleiben wird. Und es erweitert nicht nur das Bewusstsein sondern ermüdet und ist banal. Denn das Konzept des Theaterprojekts hat Melancholie getankt. „Sobald wir zu leben anfangen, beginnen wir bereits, zu sterben“ schreibt Alexander Kerlin zur Einführung des Stücks. Und der Ort vom Kommen und Gehen ist das Theater, wo sich ein Kosmos zwischen Anfang und Ende zeigen soll.

Zu Beginn tauchen kahlköpfige Wesen mit ihren weiten Hemdchen als Figuren vieler Schöpfungsmythen auf. Nebel wabert, eine Off-Stimme erzählt („Am Anfang war das Nichts“) und ähnlich simpel, wie die Mythen klingen, wird Zivilisation inszeniert. Eine Orgel sinkt vom Himmel, da helfen alle mit, bis der Zampano an den Tasten böse wird. Kein Strom? Der Stecker muss rein. Das ist niedlich, zum Schmunzeln, aber auf Dauer fehlt die dramaturgische Dichte.

Nonsens, Klamauk, Übertreibungen und sehr viel Wissen („Bedeutende Dortmunder“...) bleiben einzelne Sprechnummern. Marlena Keils „Sommerfrau“ wird immerhin mit Wind wuchtig dramatisiert. Als der Winter verdrängt ist, muss man durchatmen, so stimmgewaltig war Keils Auftritt. Anderes geht unter. Vielleicht ist bei der Vielzahl der Auftritte einfach das Timing missraten? Die Dagebliebenen applaudieren kräftig.

Das Stück

Große Leistungsschau einer Sprechtheaterbühne, die mit einzelnen Vorträgen fesseln kann, aber letztendlich keine szenische Bindung findet für die heterogenen Texte.

Im Irrweg des Wissens am Schauspielhaus Dortmund.

7., 8., 26., 27., 28. 6.; 6., 7. 7.; Tel. 0231 / 5027 222 www.theaterdo.de

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