Dortmund kauft Fotografien von Ingmar Björn Nolting

Die Grenze zwischen Konstanz und Kreuzlingen am 18. April 2020 fotografierte Ingmar Björn Nolting. Das Bild zählt zur Serie „Measure and Middle“ (Maß und Mitte), die zur Corona-Zeit entstanden ist. Foto: ingmar Björn nolting

Dortmund – Ingmar Björn Nolting ist in Leipzig gestartet. Der Fotograf hatte Angela Merkels Corona-Rede am 18. März gehört, einen Tag vor dem Lockdown zur ersten Pandemie-Welle. „Ein historisches Ausmaß“ spürte Nolting bei der Rede. Er musste los, stieg in seinen VW-Polo und legte in zwei Monaten rund 9000 Kilometer in Deutschland zurück. „Wie geht die Gesellschaft mit Corona um?“ war die Kernfrage. Seine Fotografien überzeugen als präzise Dokumente, die unaufgeregt Menschen im Corona-Alltag zeigen. Zeitungen wie das Time Magazine, Die Zeit, The Sunday Times, Neue Züricher Zeitung und das Magazin „Stern“ publizierten die Aufnahmen des 25-jährigen Fotografen, der an der Fachhochschule in Dortmund studiert hatte. Nun hat das Museum für Kunst und Kulturgeschichte (MKK) der Ruhrmetropole 27 Fotografien für seine Sammlung erworben.

„Es muss nicht immer ein Bezug zu Dortmund vorliegen“, sagte Sammlungsleiter Christian Walda. Der Kunsthistoriker ist zufrieden, dass das Thema Corona nun im Haus vertreten ist. Aufgrund der zweiten Corona-Welle muss er auf eine Ausstellung verzichten. Allerdings wird das Medium Fotografie im MKK aufgewertet. Die Dauerausstellung wird neu konzipiert. Und mit MKK-Direktor Jens Stöcker ist verabredet, einen Kabinettraum für Fotografie freizuhalten, um wechselnd den Bestand zu zeigen. Dazu zählen die Aufnahmen von Ingmar Björn Nolting. Seine doku-ästhetische Position wird als erste präsentiert werden, wenn die Corona-Maßnahmen es zulassen. Aktuell ist das Museum bis 10. Januar geschlossen.

„Ich habe Deutschland sehr geeint erlebt“, sagte Nolting bei der Vorstellung des Ankaufs in Dortmund: „Vielleicht gab es die Hoffnung, wenn wir zusammenhalten, dann ist der Lockdown von kurzer Dauer.“ Heute erlebt er die Menschen anders.

Nolting, der in Aalen (Baden-Württemberg) geboren wurde, trug immer eine Maske, während er fotografierte. Seine Aufnahmen sind Kompositionen aus der Distanz. Der Fotograf kommt dazu, wenn sich Jugendliche an der „Grenze zwischen Konstanz und Kreuzlingen am 18. April 2020“ getroffen haben. Dem Grenzübergang zwischen Deutschland und der Schweiz sind sie fern geblieben und haben ein Privatgrundstück gewählt. Hier gab es nur einen Zaun. Am Übergang waren zwei gezogen, um die Abstandsregel zu garantieren. Spürbar ist, dass Nolting dem Abstand an sich eine fotokünstlerische Bedeutung passend zum Thema gibt.

Noltings Bilder wirken nüchtern. Sie entfalten eine Wirkung, die vom Moment lebt, ohne eine Kommentierung zu forcieren. Mal ist es der Organist Cameron Carpenter, der allein im Konzerthaus Berlin für eine Streaming-Veranstaltung des Senders Arte spielte. Mal sind es rumänische Saisonarbeiter, die Handwagen für die Spargelernte im Brandenburgischen Staffelde bewegten. Ein Vorarbeiter ist zu sehen, schwarze Folien bedecken aufgeworfene Hügelbeete. Die pastellfarbene Tönung in allen Bildern dämpft Kontraste. Die Fotoserie heißt „Measure and Middle“. „Maß und Mitte“ sagte Angela Merkel in einer Rede vom 28. Februar, so wolle sie der Corona-Pandemie begegnen. Nolting selbst vermeidet eine zugespitzte fotografische Aussage.

Der Fotograf arbeitet mit einer Mittelformatkamera analog. Vor allem ist er Langzeitdokumentarist. In Göttingen hat er das Iduna-Zentrum, einen sozialen Brennpunkt, und seine Bewohner über zwei Jahre begleitet und porträtiert. Der Norden Somalias interessiert ihn, weil sich dieser Landesteil vom ostafrikanischen Staat in den 90er Jahren abgetrennt hatte.

In Deutschland buchte Nolting Online-Abos von Lokalzeitungen, um über Corona-Themen informiert zu sein. Deshalb konnte er den ökumenischen Gottesdienst in einem Düsseldorfer Autokino am Karfreitag ablichten.

„Ich bin wie in einer anderen Welt aufgewacht, nachdem ich eingeschlafen war“, sagte Nolting. Seine Bilder fühlen sich wie reale Erscheinungen an, die man sich nicht sofort erklären kann.

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