In Haltern sollen 2022 spektakuläre Funde zur Landesschau ausgestellt werden

Der Römerdolch aus der augusteischen Zeit war 2019 in Haltern samt Gürtel gefunden worden.
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Der Römerdolch aus der augusteischen Zeit war 2019 in Haltern samt Gürtel gefunden worden.

Die Spitze des Römerdolchs weist eine rautenförmige Verdickung auf. Die Angriffswaffe des Legionärs ist damit stabil genug, um ein Kettenhemd zu sprengen. Der Dolch war 2019 in einem Kreisgrab in Haltern gefunden worden. Hier stand von 12 v. Chr. bis 14. n. Chr. das Militärlager Aliso an der Lippe, der größte rechtsrheinische Stützpunkt Roms in Germanien.

Haltern – Details zur Stichwaffe werden nachvollziehbar, wenn die Archäologische Landesausstellung NRW „Roms fließende Grenzen. Rom in Westfalen 2.0“ am 25. März 2022 im Römermuseum eröffnet wird. Erstmals werden dann die spektakulären archäologischen Funde des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe (LWL) ausgestellt. Neben dem Dolch mit zwei militärischen Gürteln werden im Museum in Haltern noch zwei Helme aus der augusteischen Zeit präsentiert. Die Fundstücke sind in den Werkstätten des LWL restauriert worden. Außerdem wird 2022 das Fragment eines römischen Schienenpanzers aus Kalkriese (Niedersachsen) in Haltern zu sehen sein.

Es geht einmal mehr um die Niederlage des römischen Feldherrn Varus. Im Jahr 9 n. Chr. verlor er drei Legionen in Germanien. Dies sei die Voraussetzung gewesen, dass die Römer entlang des Rheins einen Limes errichtet haben, sagte LWL-Direktor Matthias Löb in Haltern. Der niedergermanische Grenzwall soll einen Eintrag in die Weltkulturerbeliste erhalten, wenn es nach den Antragstellern aus NRW, Rheinland-Pfalz und den Niederlanden geht. Seit 2020 begutachtet die Unesco-Kommission die Initiative. Der Obergermanisch-Raetische Limes in Süddeutschland zählt seit 2005 zum Weltkulturerbe.

Für Matthias Löb sind die Militärlager in Westfalen, Aliso (Haltern), Oberaden (Bergkamen) und Anreppen (Delbrück), eine Vorgeschichte zum Limes-Bau. So sicherten die Römer ihre Provinzen. Die Ausstellung im Römermuseum, die rund eine Millionen Euro kosten wird, soll die Frühphase der Eroberungsversuche Roms thematisieren: Angriffspläne, Aufbau des Lagers, Ausrüstungsstandards. Denn nach einigen Rachefeldzügen gab die Militärmacht 14 n. Chr. das Lager Aliso auf und zog sich hinter den Rhein zurück.

Aber noch immer stoßen Archäologen auf Spuren. Bei Grabungen 2013 fanden sich Erdverfärbungen, die von Holzpfosten stammen. Die LWL-Archäologen legten einen Grundriss frei, der auf ein Gebäude am Westtor des Lagers Aliso zurückgeht. Dass dieses Gebäude parallel zur Holz-Erde-Mauer der Umwehrung platziert war, verwunderte die Wissenschaftler. Der Gebäudetyp fand sich auch in Anreppen und Oberaden, aber nirgends sonst im Imperium Romanum. Deshalb geht man davon aus, dass dieses Haus nur in einer frühen Besiedlungsphase bestand. Seitdem mit Steinbauten römische Städte errichtet wurden, ist der Gebäudetypus nicht mehr nachweisbar. Mit Unterstützung von Schweizer Forschern konnte ein Wachhaus für Legionäre bestimmt werden. In Vindonissa in Brugg, Kanton Aargau, gibt es Beispiele für die Ausstattung.

Das 105 Quadratmeter große Holzhaus in Aliso bot Schlafplätze für Wachsoldaten (Stockbetten), Platz für Verpflegung und großes Gerät, wie Stein- und Pfeilschleudern, sowie die Schreibstube mit Holzboden und -decke für einen Offizier. Ein Vordach erleichterte den Zugang. Im Sommer werde das Wachhaus rekonstruiert, sagte Museumsleiter Josef Mühlenbrock. Der Lehm für das Fachwerk könne mithilfe von Freiwilligen aufbereitet werden, wenn es die Corona-Lage zulasse, so Mühlenbrock.

Dass das Museum dazu Familien einlädt, gehört zur Marketingstrategie des Hauses. Auch die Idee, aus dem Wachhaus einen Escape Room zu machen, belegt, wie der LWL auf trendige Konzepte zugreift, um neue Besuchergruppen anzusprechen. Auch nach der Ausstellung „Rom in Westfalen 2.0“ bleibt der Escape Room offen und steht Rätselfreunden zur Verfügung. Es ist der erste Römer-Escape-Room in Deutschland. Thematisiert werden „Die letzten Stunden von Aliso“, denn nur durch eine List konnten die Römer das Militärlager verlassen. Für die Rekonstruktion des Wachhauses hat der LWL bis zu 500 000 Euro veranschlagt. Jährlich werden rund 40 000 Besucher im Römermuseum gezählt.

Seit 1899 wird nach römischen Überresten in Westfalen gegraben. Im letzten Jahr sind Hinweise auf einen Wasserturm außerhalb des damaligen Lagers in Haltern entdeckt worden. Möglicherweise wurde über einen Aquädukt (aus Holz) die Versorgung von Aliso gesichert. Zeitweise waren hier 5000 Legionäre stationiert. Das Feld- und Hauptlager sollte erweitert werden. Varus’ Niederlage stoppte dieses Vorhaben. Museumsdirektor Mühlenbrock geht davon aus, dass sich weitere Gebäude finden lassen.

Aktuelle Fundstücke machen Mut. An einem Gürtel, der mit dem Dolch entdeckt worden war, fanden sich noch Reste von Leder (Schaf oder Ziege) und Faden (Flachs). Der Fund überraschte, weil Soldaten in dieser Zeit noch keine Grabbeigaben erhielten. Dies wurde dem Legionär erst später zugestanden.

www.roemer.nrw, www.lwl-roemermuseum-haltern.de

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