Ikonen der Sammlung Zerlin in der Kunsthalle Recklinghausen

Der segnende Jesus nach dem Urbild des Christus Pantokrator (Byzanz, 15. Jahrhundert) ist in der Kunsthalle Recklinghausen zu sehen. Fotos: ikonenmuseum /Spiller

Recklinghausen – Die Farbe des segnenden Christus ist auf der linken Seite bis aufs Holz verloren. Der Rand der byzantinischen Ikone aus dem 15. Jahrhundert ist unregelmäßig abgebrochen. Das Bild hat im Lauf der Jahrhunderte viel durchgemacht, bis nur noch das Fragment übrig blieb. Und doch vermittelt sich die Ehrfurchtsgeste, die Erhabenheit der Darstellung unmittelbar.

Der Christus Pantokrator gehört zu den Besonderheiten in der an Schätzen reichen Sammlung des Sammlers Reiner Zerlin. Der 1939 geborene Jurist, der lange als Jugendrichter in Düsseldorf gearbeitet hat, hat schon seit seiner Jugend Ikonen gesammelt. Rund 250 Werke der ostkirchlichen Sakralmalerei hat er zusammengetragen, und dabei hat er sich auf die besonders kostbaren Arbeiten des 15., 16. und 17. Jahrhunderts konzentriert. Im vergangenen Jahr hat er den kompletten Bestand dem Ikonnmuseum in Recklinghausen geschenkt. Auf dem Kunstmarkt hätten die Arbeiten mehr als 2 Millionen Euro gebracht, ein Ankauf läge jenseits der Möglichkeiten des Hauses.

Seit 1956 besteht das Museum, entstanden sozusagen als Ableger der Kunsthalle auf Anregung von deren damaligen Leiter Thomas Grochowiak. Das Museum verfügt mit nahezu 4000 Objekte über eine der grüßten Sammlungen außerhalb der orthodoxen Länder. Trotzdem rundet die Schenkung die Bestände wesentlich ab. Von Samstag an kann man die neuen Bilder in der Kunsthalle sehen. Der Ausstellung „Über dich freuet sich die ganze Schöpfung“ ist von einer Ikone übernommen, so Museumsdirektor Lutz Rickelt, aber er bringt natürlich auch die Dankbarkeit über die großzügige Gabe zum Ausdruck.

Die Ausstellung wurde vorgezogen: Eigentlich hätten Werke der irischen Künstlerin Mariechen Danz gezeigt werden sollen als Beitrag zu den Ruhrfestspielen. Nach der Absage des Festivals wurde diese Schau auf das kommende Jahr verschoben.

Nun also die Ikonen. Der Besucher begegnet einer fremden Bildwelt. Die Sakralbilder suchen nicht den individuellen Ausdruck, innovative Lösungen. Es geht den meist anonymen Künstlern darum, ein Idealbild möglichst genau wiederzugeben. Das führt zu klar festgelegten Bildtypen, zum Beispiel bei den Mariendarstellungen. Bei der Muttergottes von Kazan ist das Brustbild Mariens zu sehen, Christus steht zu ihrer Linken und hat die Hand segnend erhoben. Bei der Muttergottes Glykophilusa (die süß Küssende) hingegen soll das liebevolle Verhältnis zwischen Mutter und Kind ausgedrückt werden, sie schmiegen ihre Wangen aneinander. Viele Darstellungen gehen auf ein Urbild zurück, wie die Muttergottes von Kazan und die von Vladimir, deren erste Version Moskau 1395 vor einem Angriff der Tartaren bewahrt haben soll. In der Sammlung Zerlin gibt es eine besonders qualitätvoll ausgeführte Fassung aus dem 16. Jahrhundert.

In der Ausstellung bewundert man die ästhetische Qualität dieser so stilisierten Bilder. Ursprünglich sind sie für die konkrete religiöse Praxis geschaffen. So kann man in der Ausstellung sehen, wie Ikonen im Kirchenraum zu großen Bildwänden kombiniert wurden, in deren Darstellungen die Heiligen anwesend sind. Festtagsikonen thematisieren die liturgischen Feste im Kirchenjahr. Zerlins Sammlung umfasst aber besonders viele kleine Ikonen, die oft zur privaten Andacht benutzt wurden. Für sie gab es in Wohnungen die „schöne Ecke“, in der die Ikonen präsentiert und von Gästen Begrüßt wurden. Eine solche Ecke ist in der Kunsthalle nachgestellt.

Angesichts der strengen Vorgaben verblüfft die Vielfalt der Bilder. Da gibt es einerseits die konzentrierten Bilder der Muttergottes oder von Heiligen, die mit eindringlichem Blick den Kontakt zum Besucher suchen wie der Heilige Jakobus auf einer kretischen Ikone aus dem 16. Jahrhundert oder der Heilige Nikolaus in einer russischen Tafel (um 1500). Von Nikolaus, einem der beliebtesten Heiligen in der Ikonenmalerei, gibt es auch Szenen aus seinem Leben, zum Beispiel die Darstellung einer Dämonenaustreibung (Russland, Ende 16. Jahrhundert) mit einem kleinen Teufel, der rechts oben entflieht. Und auf kleinem Format findet man auch himmlische Heerscharen wie bei der russischen Ikone, die der Schau den Titel gab (Russland, Ende 16. Jahrhundert), mit der thronenden Gottesmutter, die von Engeln umgeben ist, mit einer Kirche im Hintergrund und der Schar der Gläubigen zu Mariens Füßen.

Man kann sich auch über die Herkunft der Ikonen informieren. Ein Viertel kommt aus dem griechischen und kretischen Raum, drei Viertel aus Russland und sind in Eitemperatechnik auf Holz ausgeführt. Manchmal wurden Ikonen in Metallrahmen gesteckt, Zeichen besonderer Wertschätzung und ein Schutz vor Verschmutzung. Aber auch einige Hinterglasbilder aus Rumänien zu sehen. Ein faszinierender Streifzug durch die Bildwelt der Ostkirche.

6.6.–30.8., di – so 11 – 18 Uhr, Tel. 02361/ 501 935, www.kunsthalle-recklinghausen.de, www.ikonen-museum.com

Wissenschaftlicher Katalog in Vorbereitung

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