„Ich, Europa“: Migrantische Autoren schreiben über das Abendland

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Entflammt von Friedensliebe: Bettina Lieder als Aktivistin im Abend „Ich, Europa“ in Dortmund.

DORTMUND - Den Stier hat Europa zur Strecke gebracht. Friederike Tiefenbacher zerrt einen gewaltigen schwarzen Kadaver mit mächtigen Hörnern auf die Bühne des Schauspielhauses Dortmund. Als „alte dekadente Hure“ bejammert Tiefenbacher ihre Wehwehchen: „Ich habe Balkan!“

Die montenegrinische Autorin Nermina Kukic hält dem Kontinent einen Spiegel vor in ihrem Text „Europa Hipohondrija“. In dieser sarkastischen Selbstdiagnose deutet Europa Kriege, Völkerwanderung, Ängste als Krankheitssymptome: „Am Bauch bin ich übersät mit türkischen und saudischen Moscheen, am Unterleib ... eine Gürtelrose!“ Und dazu räkelt sich Tiefenbacher lasziv auf dem Rücken des Stiers, der mit einer klassenden Wunde in der Flanke manchmal zu ihrem Ansprechpartner wird.

Für das ambitionierte Projekt „Ich, Europa“ hat das Schauspiel Dortmund Autoren aus Südeuropa, Nordafrika und dem Nahen Osten gebeten, kurze Monologe über die gemeinsame Geschichte von Abendland und Morgenland zu schreiben. In elf Szenen der Uraufführung kommt zur Sprache, was zur Zeit viele bewegt, mal pathetisch, mal ironisch, mal brachial, mal verhalten.

Regisseur Marcus Lobbe spannt die naturgemäß sehr disparaten Texte in den Bogen einer Monologrevue. Vor zwei Projektionsleinwänden auf einem abfallenden Podest (Ausstattung: Pia Maria Mackert) interpretieren die Schauspieler ihre Vorlagen. Da bekommt die Empörung des algerischen Schriftstellers Yamina Khadra über die „monströse Schießbudenfigur“ im Weißen Haus eine ungewöhnlich poetische Anmutung, denn Alexandra Sinelnikova spricht das zurückgenommen als Wiedergängerin des Kleinen Prinzen vor Sternenhimmel und einer einsamen Rose.

Was vielleicht wirkungsvoller ist als der brachiale Auftritt von Uwe Rohbeck als zombiehaft auferstandener getöteter Krieger im Monolog von Yavuz Ekinci, der wortreich den Schmerz und den körperlichen Verfall beschwört mit dem Zitat „Nennt mich Ismael“ aus Herman Melvilles Roman „Moby Dick“ als Leitmotiv. Ähnlich fordert Uwe Schmieder das Publikum als grau uniformierter Soldat, der Ismail Küpelis Text druckvoll vorträgt, in dem der Mauerfall mit dem Bürgerkrieg gegen die Kurden in der Türkei zusammengebracht wird. Der Staat dort konnte die Waffen der DDR-Volksarmee einsetzen, die das vereinigte Deutschland nicht mehr brauchte und großzügig dem Nato-Partner überließ. Das wird in Dortmund zu szenischem Journalismus: Schmieder trägt die Fakten immer erhitzter, wütender, lauter vor, und die weißen Leinwände füllen sich mit grobkörnigen Fotos, Videos und Zeitungsartikeln. Und am Ende dröhnt eine krachende Musik (Sound Design: T.D. Finck von Finckenstein) in den Ohren.

Brüllen allerdings ist kein Argument. Christian Freund spitzt Anis Hamdouns Text über eine Prinzessin Europa, die zum Geburtstag Bilanz zieht, satirisch zu. Wie er beim verbotenen Wort „demokratisch“ sich „upps“ zurücknimmt, ein buddhistischer Mönch vor einer Klangschale, ist souveränes Kabarett. Aber viele Texte umkreisen eben den immer gleichen Motivkreis von Krieg, Blut, Flucht, Angst, Fremdenfeindlichkeit. In der Sicht der beteiligten Autoren scheint Europa vor allem durch sein Scheitern definiert zu sein.

Das Dortmunder Ensemble veredelt auch die schwächeren Beiträge, lässt all die gut gemeinten Appelle nicht zu flach rüberkommen. Björn Gabriel gibt Burhan Qurbanis Fantasie zwischen Mauerfall und Terroranschlag vom 11. September eine traumartige Stimmung. Marlena Keil verspottet als sprechender Hügel fast wie aus einem Beckett-Stück in Tanja Sljivars Text die Islamophobie: „Mein Verhältnis zum Islam ist sexuell.“

Ein Höhepunkt ist Bettina Lieders Auftritt als „Friedensbraut“ in Muzaffer Öztürks Stück, einer Erzählung über die italienische Aktionskünstlerin Pippa Bacca, die in den Nahen Osten trampte, um für den Weltfrieden zu werben, und in der Türkei ermordet wurde. Wie Lieder in dieser Figur das Brennen für eine große Idee mit goßer Naivität mischt, wie sie sie Philosophin und Kind zugleich sein lässt, das ist mitreißend. Diese Frau in Weiß bringt das Publikum zum Aufstehen („Man muss doch etwas für den Frieden tun“) und besudelt sich mit Kunstblut und schüttelt ungerührt mit ihrer rot triefenden Hand die einer Zuschauerin.

Eindreiviertel Stunden mit richtiger Haltung und mit sehenswerten Momenten. Solidarischer Applaus.

27.10., 17., 18., 25.11., 12., 20.12., Tel. 0231/ 50 27 222, www.theaterdo.de

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