„Hochdeutschland“ bei Ruhrfestspielen

Die Textsprecher Zeynep Bozbay (von vorne), Julia Windischbauer, Jannik Mioducki und Abdoul Kader Traoré in „Hochdeuschland“ bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen. Foto: neeb

Recklinghausen – Ein Multimillionär ist selten die Hauptfigur in einem deutschen Roman. Alexander Schimmelbusch hat ihn für sein Werk „Hochdeutschland“ erschaffen: 39 Jahre alt, Investmentbanker, unzufrieden, mit gesellschaftlichen Ambitionen, einem sozialen Gewissen und Parteigründer. Bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen taucht dieser Victor in einem weißen Schaumberg auf, mit dem Manuel La Casta (Bühne) ein zeitloses Areal füllt, das mit Windmaschinen, Gitterstäben und Lichtelementen eingegrenzt ist. Kalte Utopie oder materialisierter Identitätsverlust? Weder ein Ort, noch eine Person erhalten dauerhaft Kontur.

Die vier Schauspieler jedenfalls in Christopher Rüpings Inszenierung sprechen den Romantext wechselweise, auch als Chor, als inneren Monolog, als hörbaren Prosatext, als Beschreibung eines Multimillionärs, der etwas gegen die Gesellschaft unternehmen will, die ihn reich gemacht hat. Das Spiel will einen eigenen Wirkraum mit der Uraufführung konstruieren, die zuerst an den Münchener Kammerspielen zu sehen war. Ernsthaft und mit Ironie werden im Kleinen Haus der Festspielbühne in Recklinghausen, das Jahr 2017 und die Gegensätze in Deutschland verhandelt. Asylrecht, Panama-Papers, Populismus, Flüchtlinge, Despacitos Streamingrekord in der Musikbranche – alles giert nach Relevanz in der digitalen Medienwelt. Nur, wo soll es hingehen mit Deutschland, fragt sich Victor, während er von seiner Villa im Taunus auf die Frankfurter Skyline blickt – ein inneres Bild auch für die Zuschauer.

Die Inszenierung schärft die Sinne für Illusionen, für die politisch „Optionsräume“ gesucht werden. Wie lassen sich Entscheider beeindrucken („pitchen“), die am Rialto-Fischmarkt in Venedig Espresso trinken, die einen Ferrari fahren und das Luxusauto als „Businesstool“ qualifizieren? Wer die sahnetriefende Pasta der Restaurantkette Vapiano gabelt, gilt als Prolet.

Mehr als 25 Millionen Euro sollte niemand besitzen, ist Victors Ziel. Aber realistisch? Seine Partei soll Deutschland AG heißen. Sprachlich klingt vieles hyper reflektiert („Download aus seinem Gehirn“) und dem Start-up-Jargon entliehen. Victor selbst fühlt sich dagegen isoliert, spürt sich nur bei der Liebesmasseurin angenommen, während seine Selbstzweifel so paradox sind, wie die Ängste der Deutschen überhaupt. Die Regie arbeitet einen dramatischen Zwiespalt heraus, der auch nicht weicht, als der Schaum von Schauspielern und Bühne gespült wird. Deutschland wohin – die Beklemmung bleibt.

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