Gent präsentiert den flämischen Meister Jan van Eyck

Spiel mit dem Licht: Die restaurierte Marientafel des Genter Altars von Jan van Eyck. Fotos: Provost © Lukasweb.be, photo KIK-IRPA

Gent – In diese Bilder kann man eintauchen. Neben dem Engel der Verkündigung öffnet sich ein Fenster auf eine Stadtansicht. Darin erblickt man Passanten, die sich unterhalten, ein Paar, das aus einem Fenster schaut. Die Giebel werfen ihren Schatten auf die sonnendurchflutete Straße. Auf wenigen Quadratzentimetern öffnet sich ein detailliert ausgearbeitetes Panorama.

Das Wunderbare ermöglicht die Ausstellung „Jan van Eyck – eine optische Revolution“ im Museum der Schönen Künste in Gent. Hier sieht man die Außentafeln des Genter Altars wie noch nie. Auf Augenhöhe, ganz nah. Und frisch restauriert. Das ist auch der Anlass der Ausstellung: Seit 2012 wurden die Außentafeln des mittelalterlichen Meisterwerks im Genter Museum gereinigt, von Übermalungen befreit, die originale Farbe gefestigt und das Werk gründlich erforscht. Zum Abschluss des ersten Abschnitts der Kampagne gibt es in ganz Flandern ein Van-Eyck-Jahr um die Ausstellung, die als „Once-in-a-lifetime“-Ereignis angepriesen wird. Ausnahmsweise ist das einmal nicht übertrieben.

Sonst hängen die Altartafeln in einigen Metern Höhe in einer abgedunkelten Kapelle der St. Baafs Kathedraal. Selbst bei bestem Licht könnte man nicht erkennen, dass Jan van Eyck (ca. 1390-1441) sogar die Rahmen des Altars bemalt hatte, als ein Mauerwerk, das die Szenen architektonisch einfasst. Dass ist die erste Sensation dieser Schau: Die acht äußeren, fertig restaurierten Tafeln und (auf den Rückseiten der Stadtansicht und des Stilllebens) die noch nicht bearbeiteten Darstellungen von Adam und Eva, die frühesten Akte der abendländischen Malerei, darf man im Museumskontext bewundern, gut ausgeleuchtet, besucherfreundlich präsentiert. Hinzu kommt ein Dutzend weiterer Werke des Meisters sowie drei Gemälde, an denen seine Werkstatt beteiligt war. Das ist ungefähr die Hälfte des heute bekannten erhaltenen Oeuvres. Man sollte also nicht nörgeln, dass Meisterstücke wie die Arnolfini-Hochzeit aus London oder die Madonna des Kanonikus van der Paele nicht hier gezeigt werden. Zumal man die Van-der-Paele-Madonna leicht im wenige Kilometer entfernten Groeningemuseum in Brügge besuchen kann.

Zugleich stellt die von einem Team um Maximiliaan Martens und Till-Holger Borchert kuratierte Schau den Künstler in einen umfassenden Kontext. Sie zeichnet in einem Eingangskapitel die Nachwirkung nach bis zur Schwelle des 20. Jahrhunderts mit einem Männerporträt von Gustave van de Woestyne, bietet Vergleiche zu italienischen Renaissance-Malern wie Fra Angelico, Masaccio, Benozzo Gozzoli.

Unter dem Stichwort der optischen Revolution soll van Eycks Schlüsselstellung in der abendländischen Kunst herausgearbeitet werden. Ausgeblendet bleibt die Rolle von Jans älterem Bruder Hubert, der am Genter Altar beteiligt war, über dessen Beitrag dazu man aber so wenig weiß wie über sein Leben.

Jan van Eyck hat die Ölmalerei nicht erfunden, aber wesentlich verfeinert, unter anderem, indem er der Farbe Sikkative beimischte, die sie schneller trocknen ließen. So erreichte er eine bis dahin unbekannte Leuchtkraft. Die italienischen Renaissance-Meister malten zu Jans Zeit noch mit Tempera, ihre Bilder wirken stumpf und flach neben seinen. Zugleich kannte sich van Eyck mit den Regeln der Optik aus. Im Genter Altar zum Beispiel hat er die Maria in der Verkündigungsszene so gemalt, dass sie von schräg vorne beleuchtet ist, als fiele das Licht auf sie durch das Fenster in der Kapelle, wo der Altar ursprünglich stand. Zugleich lässt er im Hintergrund Licht durch ein Fenster fallen, das auf der Wand hinter Maria aufleuchtet. Virtuos stellte van Eyck Details dar wie den Wasserkrug auf der Fensterbank hinter Maria. Ähnlich brillant zeigt er die Fenster und den Stab aus Bergkristall in der Hand des Engels in der kleinen Verkündigungstafel aus der National Gallery in Washington. Und in der kleinen Madonna am Brunnen aus Antwerpen fängt er präzise ein, wie die dünnen Strahlen in die Wasseroberfläche stoßen und Tropfen aufwerfen. Er spielt mit dem Raum, täuscht das Auge, indem er Adams Fuß über den Rahmen ragen lässt, wie auch das Buch eines Propheten im Fach über Maria.

Die Kuratoren sprechen van Eyck eine perfekte Auge-Hand-Koordination zu, so dass er nicht nur die Natur genau beobachtete, sondern auch Stofflichkeit präzise wiedergab. Man vergleiche nur van Eycks Tafel „Stigmatisierung des Hl. Franziskus“, wo der Fels mit geologischer Präzision abgebildet ist, mit dem Bild Fra Angelicos, in dem der Stein abstrahiert wirkt.

Und erst die meisterlichen Porträts. Schon die Stifter Jodocus Vijd und Elisabeth Borluut hat er unbestechlich mit Warzen und Falten wiedergegeben. Bei der Restaurierung legte man feine Spinnweben frei, die van Eyck in der Nische, in der er Vijd abbildete, gemalt hatte. Vielleicht ein Anhauch von Humor beim Meister.

Bei der Restaurierung entdeckte man, dass der Altar übermalt worden war. Bis zu 70 Prozent der Fläche hatten um 1550 Jan van Scorel und Lancelot Blondeel verändert. Das entpuppte sich als Glücksfall: Die damaligen Restauratoren hatten auf den nachgedunkelten Firnis frische Farbe aufgetragen. Jan van Eycks Original wurde so gleichsam mit einer Schutzschicht versehen. Die brauchte der Altar auch: Im Lauf der Jahrhunderte war er auseinandergenommen und vor fremden Truppen versteckt worden, Napoleons Truppen hatten die Mitteltafeln geraubt und nach Paris gebracht, die Seitenflügel wurden an den preußischen König verkauft und kamen erst nach dem 1. Weltkrieg wieder zurück. Durch die Restaurierung ist also nach Jahrhunderten erstmals wieder das zu sehen, was der Meister einst malte.

DIE SCHAU

Bis 30.4., tägl. 9.30-19, mo bis 23, mi bis 18, fr/sa im wöchentlichen Wechsel bis 23 Uhr

Tel. 0032/9/323 67 00

www.mskgent.be

www.vaneyck2020.be

Katalog mit Handbuch-Charakter und opulenter Bebilderung, deutsche Ausgabe Belser-Verlag, Stuttgart, 64,50 Euro

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