Hito Steyerl im Düsseldorfer K21

Inmitten der Installationsansicht „SocialSim“ von ergreift einen die Illusion, selbst Teil der Avatare (rechts) zu sein, die sich tanzend bewegen. Foto: kukulies

Düsseldorf – Das K21 ist keine Discothek in Düsseldorf sondern Teil der Kunstsammlung NRW. Wer dem dröhnenden Sound in eine Kellerhöhle der Museumseinrichtung folgt, steht aber zwischen drei Monitorflächen wie auf einem Dancefloor. Übergroß bedrängen einen Datenmengen in Form von tanzenden Polizisten und Avataren. Die Künstlerin Hito Steyerl nennt ihre Installation aus diesem Jahr „SocialSim“. Die Figuren erscheinen in zuckenden Bewegungen. Die 3D-Animationen faszinieren und verschwinden in effektvollen Farblichtstrahlen. Dies erinnert an Computerspiele, an Clip-Ästhetik und Collagen.

„SocialSim“ (18 Min.) ist eine coole und raumgreifende Installation in der Ausstellung „Hito Steyerl. I Will Survive“ (Ich werde überleben), die technisch auf dem neusten Stand ist. Kuratorin Doris Krystof unterstreicht das Knowhow der Künstlerin, die in Berlin lebt und arbeitet. In „SocialSim“ mimt Schauspieler Mark Waschke, „Tatort“-Kommissar, einen Polizisten. „Bei uns bei der Polizei kann es ja keinen Rassismus geben“, ruft Waschke in einem Video. Es klingt dramatisch, und Hito Steyerl mischt sich in die Debatte um Polizeigewalt ein.

Dann sind in „SocialSim“ wieder die US-Band Bee Gees und eine tiefe Stimme zu elektronischer Musik zu hören. Auf der Rückseite einer der Elektronikwände scheinen Messinstrumente („Timing Irritation“) auf, sind Datenmengen tabellarisch visualisiert und Videos auf Splitscreens eingeblendet. Die bildgebenden Elemente konkurrieren um Bedeutung. Gleichzeitig wird es unmöglich den Überblick zu behalten. Man gerät in die Defensive, so autonom agieren diese Einheiten. Die soziale Simulation von Hito Steyerl nährt den Vorgang, dass auf Basis von Algorithmen etwas definiert wird, bei dem das Individuum nur noch als Datenlieferant gefragt ist. Hier findet eine Degradierung des Menschlichen statt. Steyerl kritisiert Big Data.

„SocialSim“ überwältigt und zählt zu den Installationen der Künstlerin, die strategisch mit Überforderung arbeiten. Hito Steyerls Kunst passt bei aller Systemkritik unserer Zeit, die ihre Installationen aufladen, zu einer neuen medialen Dimension. Die Wahrnehmung des Einzelnen wird ausgereizt. Hito Steyerl geht in Grenzbereiche. Da lässt sich auch die Frage stellen, was soll diese Installationskunst vermitteln, was kann und soll man (noch) verstehen?

Hito Steyerl, 1966 in München geboren, zählt zu den interessantesten Künstlerinnen unserer Zeit. Die documenta-Teilnehmerin (2007) stellte auf der Biennale in Venedig 2015 aus. 2017 nahm sie an den Skulptur Projekten in Münster teil. Die britische Kunstzeitschrift „ArtReview“ hob sie 2017 auf Platz eins der Rangliste der wichtigsten Persönlichkeiten im Kunstbetrieb. Steyerl ist Medienkunstprofessorin in Berlin und promovierte im Fach Philosophie (Wien).

Steyerls Kunst ist technisch brillant. Es gibt Bezüge zur Gamer-Szene, die Wettbewerbe in großen Hallen ausrichten, und zu Kinofilmen wie Christopher Nolans „Tenet“, wo Sinn- und Zeitebenen wechseln, ohne tatsächlich eine konturierte Geschichte zu erzählen. Um welche Inhalte geht es im Cluster solch medialer Erzählhaltungen und digital-installativen Projektionen?

„Hito Steyerl. I Will Survive“ ist eine Überblicksschau, die die NRW-Kunstsammlung zusammen mit dem Centre Pompidou realisiert hat. Im Februar geht die Ausstellung nach Paris. Die 17 Installationen dokumentieren Steyerls künstlerisches Schaffen von 1994 bis 2020. Sie sind in Düsseldorf klar geordnet. Absperrvorrichtungen und Wellblechwände umstellen im Zentrum der Schau drei Bildflächen der Arbeit „Hell Yeah We Fuck Die“ (2016, 4:35 Min.). Die fünf Worte kommen in englischsprachigen Musiktiteln zwischen 2010 und 2015 am häufigsten vor. Steyerl hat Bänke aus den Worten gebaut. Was sagen sie über unsere Zeit? In den 60/70er Jahren waren Love, Piece und Drugs in Musiktiteln zu lesen.

Wer auf den Wort-Bänken Platz nimmt, kann im zentralen Raum der Schau, der in Weiß und Grau gehalten ist, Videos zu Robotern sehen. Die Maschinen werden entwickelt, um die Arbeit von Menschen in problematischen Arbeitsfeldern zu übernehmen. Durch Stöße, Schläge und Tritte wird eine Künstliche Intelligenz geschult, die helfen soll, solche Störungen zu tolerieren. Der Roboter darf nicht umfallen. Die Animationen hat Hito Steyerl von Start-up-Firmen übernommen und neu zusammengesetzt. Die Roboter stürzen dann doch und fallen als humanoide Maschinen – menschenähnlich, dem Fortschritt geopfert.

Auch das Video „Robots Today“ (8:02 Min.) zählt zu der mehrteiligen Arbeit. Es zeigt Bilder aus der Provinz Diyarbakir in der Türkei, wo im 12. Jahrhundert ein arabischer Ingenieur geboren wurde, der Automaten erfand – Vorläufer heutiger Roboter. Dass in Diyarbakir auch Kurden gegen die türkische Armee kämpften, die das historische Zentrum der Stadt verwüstete, zählt zu den sachlich entfernten Themen, die Steyerl in ihrer Kunst aber kulturell anbindet. Irritationen zählen zu Steyerls Kunst, die initiiert, aufdeckt und kenntlich macht. Steyerls kulturpolitischer Ansatz deckt sich mit dem der NRW-Kunstsammlung und dem Centre Pompidou. Beide Institute stehen für eine Kulturpolitik, die Kunst und öffentliche Debatten verbinden will. Gegen kommerzialisierte Werte und Spekulationen, die auf dem Kunstmarkt zunehmen, verwahren sich die Ausstellungsmacher.

Ein Kernthema für Hito Steyerl sind Nationalismus und Rassismus in Deutschland. Eine Reihe ihrer früheren Filme aus den 90er Jahren bearbeitet diese Grundhaltungen und weist sie als Konstanten unserer Geschichte nach. Auch deshalb ist die Werkschau so aktuell. Steyerl hatte Dokumentarfilmregie in München studiert. Das Video „Die leere Mitte“ (1998, 16mm-Film, 62 Min.) erinnert an ein Beschäftigungsverbot für schwarze Musiker in der Weimarer Republik. Aus dem Off werden Analysen des Filmsoziologe Siegfried Kracauer eingesprochen. In harten Schnitten springt Steyerl zu Bauarbeitern im Nach-Wende-Berlin, die Konkurrenz fürchten („Scheiß Polen“). Zu hören ist auch Klaviermusik von Mendelssohn-Bartholdy. dem jüdischen Komponisten.

Aktuell widmet sich Hito Steyerl der Künstlichen Intelligenz (KI), dem digitalen Optimierungsprozess. In der Videoinstallation „This is the Future“ (2019, 16 Min.) erscheinen grell bunte Naturbilder, die sich permanent verändern. Zu elektronischer Musik erzählt die Kurdin Heja von einem Garten der Zukunft. Aber auch expressive Pflanzenbilder täuschen nicht darüber hinweg, dass es keinen Algorithmus gibt, der die Zukunft voraussehen kann, auch wenn Start-up-Firmen an solchen Prozessen arbeiten. Steyerl kritisiert Initiativen, ie Prognosen mit Hilfe von KI manifestierbar machen wollen – ohne einen Beweis zu liefern. Steyerls Kunst fordert ausdrücklich ein kritisches Bewusstsein im Datenrausch.

Bis 10. 1. 2021; di-fr 10 bis 18 Uhr, sa/so 11 bis 18 Uhr, Katalog in Vorbereitung. Tel. 0211/8381 204. Um die Ausstellung zu besuchen, ist ein Zeitfensterticket (eine Stunde) notwendig und eine Eintrittskarte. www.kunstsammlung.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare