Hermann Schmidt-Rahmers Jelinek-Abend am Schauspielhaus Bochum

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Und wieder ein Guss mit Babypuppen: Szene aus der Bochumer Inszenierung der „Schutzbefohlenen“ mit (von links) Xenia Snagowski, Veronika Nickl, Dennis Herrmann, Kristina Peters, Roland Riebeling und Matthias Eberle.

BOCHUM - Erst sind es nur wenige. Kleine Babypuppen, die die Darsteller im Schauspielhaus Bochum auf der Sofalehne tippeln lassen. Aber in immer kürzeren Schüben regnet es Puppen über Puppen, bis die Menschen nicht mehr wissen, wo sie hintreten sollen. Das Publikum begreift natürlich, dass dies die Flüchtlinge symbolisiert, die nach Europa strömen.

Mit solch bösen Kinderzimmerbildern gibt Regisseur Hermann Schmidt-Rahmer in den Kammerspielen Elfriede Jelineks 2014 uraufgeführtes Stück „Die Schutzbefohlenen“ Präsenz. Wobei Stück das falsche Wort ist für die Arbeit der österreichischen Literaturnobelpreisträgerin. Sie schreibt ihre Texte ständig fort. Das Schauspielhaus bezieht Erweiterungen ein, auch die aktuellste, „Epilog auf dem Boden“, die hier uraufgeführt wird.

Die Autorin setzt sich mit dem auseinander, was über die Medien auf sie eindringt. Es gibt keine Rollen, keine definierten Personen, dafür einmontiert eine Fülle von Originaltönen, die sich auf der Folie der antiken Tragödie „Die Schutzflehenden“ des Aischylos zu einem Kommentar der aktuellen Zustände entwickeln. Das Schauspielhaus widmet der Flüchtlingsproblematik gerade den Themenmonat „Das Eigene und das Fremde“. Der fast dreistündige Jelinek-Abend ist darin ein Höhepunkt.

Schmidt-Rahmer findet eine Form für die Suada der Autorin, die abschweift und assoziiert. Sie setzt nicht nur die Einbürgerung der Starsopranistin Anna Netrebko gegen die Abweisung von Syrern, sie bringt auch den Diesel-Skandal von Volkswagen mit den Booten der Schlepper zusammen. Es sind Monologe einer Einsiedlerin, die ihr Bild der Welt über Bildschirme gewinnt. So stellt Schmidt-Rahmer an den Anfang eine Art Stafettenlauf. Xenia Snagowski betritt die Bühne in einem weit ausschwingenden Spitzenkleid. Sie kommt aus dem Kunstnebel, findet eine Brille, setzt sie auf und kommentiert Bilder auf zwei großen Monitoren. Bilder von Schwimmenden ohne Aussicht auf Rettung. Ihr folgt Roland Riebeling, aufgemacht als Nachfahre des Mozart-Rockers Falco mit grauweißer Mähne und Glitzersakko, der Brille und Text übernimmt. So führen sich sieben Darsteller ein, seltsame Untote zwischen Opernball und Rokoko-Horror-Show, die selten miteinander sprechen, sondern abwechselnd monologisieren, manchmal von Satz zu Satz in wechselnde Rollen schlüpfen. Jürgen Hartmann irrlichtert zwischen dem verunsicherten Flüchtling und dem „Ey-guckstu“-Antänzer, der einen Mann aus der ersten Reihe zum Selfie bittet mit dem Handy, das er sich „von der Domplatte geholt“ hat.

Das zu großer Form auflaufende Ensemble spielt mit der Komik des Schreckens und vermeidet vorbildlich plane Eindeutigkeit. Man weiß ja, sagt Riebeling, dass die Leute, die sich Jelinek im Schauspielhaus anschauen, keine AfD-Wähler sind. Und Jelinek (gesprochen von Snagowski) spricht von ihrer Verunsicherung: Es sind so viele. Und nicht alle sind nett, manche schnallen gar Sprengstoffgürtel um. Die Zwiespältigkeit wird nicht weginszeniert, sondern zugelassen.

Der Abend folgt den Stationen der Flucht: Am Anfang steht die gefährliche Bootsfahrt, dann der Kontakt mit der Aufnahmebürokratie, die „Welle der Hilfsbereitschaft“ und die protestierenden Wutbürger. Zum Bild- und Textpuzzle gehört ein Video, bei dem Hartmann und Veronika Nickl eine Babypuppe vor der Handykamera köpfen. Dennis Herrmann hält als österreichischer Bürokrat eine Powerpoint-Präsentation über europäische Werte, arbeitet wunderbar die sacht rassistischen Untertöne heraus. Sie suchen den „Refugee Of The Year“, als wär’s der Eurovision Song Contest: „Albanien – zero points.“ Kristina Peters mimt Helene Fischer. Matthias Eberle spricht im Tragödienton vom Umgang von Daimler mit Zuwanderern.

Nach der Pause sind die Puppen wie eine Flutwelle angeordnet, die gegen einen Zaun schwappt. Grenzen zu. Riebeling sagt, das Problem sei doch gelöst, eigentlich könnten wir ein Bier trinken gehen. Die Vorurteile der „verunsicherten Bürger“ werden als groteske Sex-und-Gewaltfantasien grandios im Bild des Stiers eingefangen, den Hartmann mit einem gehörnten Tierschädel als Maske und mit einem mächtigen Kunstphallus verkörpert. Wie eine antike Gottheit bannt er seine Mitspieler, drückt jedem von ihnen aus dem Gummiorgan eine Puppe in die Hand wie eine Hostie beim Abendmahl. Dann schließt sich der Bunker, in dessen Fenster die Darsteller auftauchen wie Figuren einer Spieluhr, die mechanisch rechte Parolen hersagen.

Lösungen bietet der Abend nicht. Aber er spiegelt Wut wie Ratlosigkeit einer Empfindlichen, der man allemal lieber zuhört als rechten Hetzern mit kalten Herzen.

17., 27.4., 14., 17.5.,

Tel. 0234 / 33 33 55 55, www.schauspielhausbochum.de

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