Hermann Schmidt-Rahmer inszeniert „Volksverräter!!“ nach Ibsen in Bochum

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Endlich an der Macht: Szene aus Hermann Schmidt-Rahmers Inszenierung „Volksverräter!!“ am Schauspielhaus Bochum mit Raphaela Möst, Roland Riebeling, Eva Hüster und Elwin Chalabianlou (von links).

BOCHUM - Wenn der Regisseur Hermann Schmidt-Rahmer eine Inszenierung schon mit „Volksverräter!!“ betitelt, dann erwarte niemand eine „werktreue“ Fassung von Henrik Ibsens Drama „Ein Volksfeind“. So gibt es im Schauspielhaus Bochum, bevor sich der Vorhang hebt, Spott über einen Politiker der AfD, der vom Theater fordert, dass es zur Identifikation mit Deutschland anrege. Man habe sich ja bemüht, ätzt Schauspielerin Eva Hüster, aber nichts gefunden.

Drei Tage vor der Bundestagswahl startet die Bühne in die Spielzeit mit einer Positionsbestimmung. Ibsen schrieb sein Stück als Rechtfertigung gegen verständnislose Kritiken zu seinen Werken. Er erfand den Badearzt Stockmann, der vor vergiftetem Wasser warnt. Aber das Establishment, die Politik will nichts davon hören, weil der Kurort von den Touristen abhängt. Ibsen macht aus seinem alter ego keinen reinen Helden, Stockmann scheitert schließlich an gesellschaftlichen Widersprüchen. Nicht zuletzt wird die Sache so spannend, weil sein Gegenspieler der eigene Bruder ist.

Das alles behält Schmidt-Rahmer durchaus bei. Auch in Bochum erlebt man einen Familienkonflikt. Hier ist Roland Riebeling der Arzt, der in altdeutschem Eichenmobiliar haust, die Milch frisch gemolken aus dem Eimer ins Glas kippt und zum Rindsbraten braune Soße auftragen lässt. Veronika Nickl ist die smarte, linksliberale Bürgermeisterin Petra Stockmann, die sich vor einem poppigen Agitpropgemälde gern ans Klavier setzt. Die Bühne von Thilo Reuther ist exakt geteilt: Pikanterweise links (für das Publikum) die „rechte“ Seite, die exakt der Wohnung des Rechtsintellektuellen Götz Kubitschek nachgebildet wurde, rechts die „linke“, angeblich authentische Kopie des Wohnzimmers eines Linksliberalen aus Berlin. Bei Ibsen hat nur Thomas Stockmann Familie. Hier sind beide Seiten parallel besetzt, mit Ehefrau Kathrine (Raphaela Möst), einer blonden deutschen Musterhausfrau, und Ehemann Kathro (Jürgen Hartmann), einem mit langem Grauhaar und -bart ausgestatteten, schwäbelnden Alt-68er. Mit der BdM-Maid Paula (Eva Hüster) und der aufmüpfigen Studentin Pauline (Paula Kober). Die prachtvollen Kostüme schuf Michael Sieberock-Serafimowitsch. „Plakativer geht’s ja gar nicht“, mault Möst denn auch nach wenigen Minuten.

Schmidt-Rahmer nimmt Ibsen als Rohmaterial für eine furiose Abrechnung, weniger mit dem Rechtspopulismus. Wozu? AfDler besuchen nicht solche Inszenierungen. Sie verstehen nichts von Kultur, nicht mal von deutscher. Das Stück zielt vielmehr auf eine sich als aufgeklärt verstehende Mehrheitsgesellschaft, die sich die Spielregeln von rechten Ideologen vorgeben lässt. Also auf die Anwesenden. Bei Ibsen scheitert Stockmann mit seinem Kampf um reines Wasser und bleibt als ungebeugter Idealist zurück. In Bochum ergreift er die Macht. Und das Wasser ist ihm fortan gleichgültig.

Bis es so weit ist, geht es fast drei Stunden lang durch einen wilden Mix aus Show-Einlagen, Liedern (überwiegend vom Ensemble gesungen und instrumental begleitet), Tänzen, Videoeinspielungen, Improvisationen. Einmal spielt Raphaela Möst die Wutbürgerin, ruft „Merkelnutte“ und „Volksverräterin“ (übrigens authentischer Text von einer Demo, wie eine Videoeinspielung belegt). Und dann ruft Eva Hüster, das sei doch Kabarett. Aber es ist mehr. Das Szenenmosaik verhandelt rechte Strategien zur Übernahme der Themenführerschaft und das Versagen einer selbstgerechten Elite, die folgerichtig entmachtet und marginalisiert wird.

Mit großer Wucht wird da eine Bürgerversammlung zur Wasserfrage simuliert, die von rechten Störern übernommen wird, indem sie den mit ihnen sympathisierenden Redakteur Hovstadt (Daniel Christensen) als „neutralen“ Moderator installieren. So darf Akif Ripincci (Elwin Chalabianlou als Karikatur von Akif Pirincci) gegen den „Toleranzfaschismus“ hetzen. Später gibt es eine Rap-Choreografie, die alle in den Gleichschritt bringt: „Tanz den Björn Höcke“. Und Dennis Herrmann besingt die „Schwächen des postheroischen Managements“ in einem mitreißenden Folksong. Höhepunkt ist freilich die Familiendebatte bei Petra Stockmann über die Gründe ihres Scheiterns, die als moderne Oper gesungen wird. Was könnte Verpeiltheit, Orientierungs- und Hilflosigkeit besser charakterisieren?

Gewiss setzt Schmidt-Rahmer auf alle Momente von Spektakel. Aber er zeigt, was die Rechte gefährlich macht. Und bricht vielleicht die Lethargie. Großer Jubel.

24., 30.9., 13., 28.10.;

Tel. 0234/ 33 33 55 55, www.schauspielhausbochum.de

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