Hermann Kätelhöns Grafiken in Essen

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Als die Schlote noch qualmen sollten: Hermann Kätelhöns Blatt „Hochofen“ (um 1925) ist in Essen zu sehen.

ESSEN - Unverkennbar qualmen die Schlote in Hermann Kätelhöns undatierter, wohl um 1925 entstandenen Radierung „Hochofen“. Die Stahlgerüst, die wuchtigen Baukörper, die in den Himmel strebenden Schornsteine machen aus dem Blatt einen einzigen Sturm in die Vertikale.

Kunstvoll setzte der Grafiker weiße Schraffuren als Qualmwolken in die Szene. Die Struktur wird dadurch verunklart, der Eindruck einer gewaltigen Höllenmaschine unterstrichen. Einen Menschen erkennt man vorn am Schienenstrang, der Arbeiter wirkt ameisenhaft klein in der monumentalen Szene.

Das Blatt ist im Museum Folkwang in Essen zu sehen, in der Studioausstellung „Hermann Kätelhön. Ideallandschaft: Industriegebiet“. Mit der aus der eigenen Sammlung bestückten Schau beteiligt sich das Haus am Projekt „Kunst & Kohle“, bei dem 17 Museen im Ruhrgebiet das Ende der Steinkohleförderung begleiten. Hermann Kätelhön (1884–1940), aufgewachsen in Marburg, hatte die Kunstakademie Karlsruhe besucht. 1917 zog er auf den Rat des Essener Museumsdirektors ins Ruhrgebiet. Hier lernte er das Folkwang-Konzept von Karl Ernst Osthaus kennen. Und er begann sich mit der Industrialisierung auseinanderzusetzen. Die Montanindustrie erreichte gerade ihren ersten Höhepunkt, das Ruhrgebiet änderte sich radikal. Kätelhön begleitete den Strukturwandel mit Grafikblättern, von denen die Schau rund 20 vorstellt.

Sehr schön ist zu beobachten, wie sehr Kätelhön von der klassischen Landschaftsdarstellung ausging. Blätter wie „Blick von der Haar“ (um 1920) oder auch die Möhnetalsperre (um 1925) ähneln im Aufbau noch ganz der „Landschaft mit Kühen und einem Kloster“ (1789) des Schweizer Malers Adrian Zingg, das in Essen zum Vergleich hängt. Die Spannung entsteht durch die klare Staffelung des Bildraums in Vordergrund (bei Zingg wie Kätelhöns „Blick“ gibt es einen Baum vorn), Zentrum und Hintergrund. Ein anderes Blatt vom Möhnesee (wo sich Kätelhön 1938 eine Druckwerkstatt einrichtete, die bis heute besteht) zeigt die Staumauer als wuchtigen Bogenschwung, wie einen Buchstaben in der Natur.

Auf die Veränderung der Landschaft wie des Stadtraums reagiert Kätelhön, indem er diese Tiefenwirkung aufgibt. Nun erstrecken sich Industrieanlagen eher gleichförmig, oft gar nicht mit einem Blick zu erfassen, als Labyrinthe vor dem Betrachter. Ein Blatt wie „Industriestadt Essen“ (1918) wirkt moderner, von japanischen Holzschnitten inspiriert, nicht nur durch das flirrende Muster der blühenden Obstbäume im Vordergrund, sondern auch dadurch, dass das Motiv flächig aufgefasst wird. Der Grafiker lässt sich von den Industrieanlagen beeindrucken, versucht, den überwältigenden Eindruck wiederzugeben. In manchen Blättern klingt der Impressionismus nach, wie in der „Landschaft mit Industrieanlage“ (um 1925) mit den Heugarben, die im Vordergrund viel höher aufragen als die rauchenden Schlote am Horizont.

Neben zwei Blättern von Zingg bietet die Schau noch einige Fotografien der Neuen Sachlichkeit, die erstaunliche Parallelen zu Kätelhöns Bildauffassung aufweisen. Auch Albert Renger-Patzsch zeigt zum Beispiel in einer Aufnahme ohne Titel (Vorfrühling in Industrielandschaft, bei Essen, 1928) den Zeitwandel von Landwirtschaft zu Industrie, indem er im Vordergrund ein Fachwerkhaus und dahinter die typischen Stahlwerkschlote ablichtet.

Bis 5.8., di – so 10 – 18, do, fr bis 20 Uhr, Tel. 0201/ 88 45 000, www.museum-folkwang.de

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