Helios Theater und die Corona-Pandemie

Theaterleiterin Barbara Kölling mit der Diesellok einer Modelleisenbahn, die zum Bühnenbild der neuen Produktion „Früh Stück“ gehört. Foto: mross

Hamm – „Die Sehnsucht ist groß, zu spielen“, sagt Barbara Kölling mitten im Corona-Lockdown. Die Leiterin des Helios Theaters in Hamm sitzt mit Anna-Sophie Zimniak im Foyer des Bühnenhauses. Zum zweiten Mal in diesem Jahr musste der Spielbetrieb gestoppt werden. Die neuerliche Zwangspause wegen der Pandemie ist besonders hart. „November und Dezember sind die Theatermonate“, sagt Kölling. Das schmerzt. „Ich war ein Woche wütend und traurig“, sagt Zimniak, die alle Vorstellungen terminiert hatte.

Stillstand im Theaterhaus? Nein, irgendwie auch nicht, weil die Arbeit von der Hoffnung getragen wird, wieder zu spielen. Es gibt gleich drei neue Stücke im Repertoire. „Wir mussten umstellen“, so Kölling, um mit den „Gästen“ zu arbeiten. Die freien Mitarbeiter konnten nicht in Kurzarbeit gehen, so wurden Proben vorgezogen. Köllings neue Produktion „Früh Stück“ soll am 24. Januar Premiere feiern – ein Stück über den Klang für alle Menschen ab 4 Jahre. Für diese Spielform ist das Kinder- und Jugendtheater aus Hamm landesweit bekannt. 2019 krönte der Theaterpreis des Bundes die zahlreichen Auszeichnungen des Helios Theaters.

Doch erstmal bleibt es ruhig. „Vorhang auf!“, eine Koproduktion mit dem Katkatha Puppet Arts Trust aus Delhi, sollte öfter gespielt werden. „Der Elefant im dunklen Haus“ war nach den Sommerferien so nachgefragt, das Doppelvorstellungen verabredet wurden. Das Hygienekonzept des Hauses deckte sich mit den Maßnahmen in den Hammer Schulen. „Und die Termine wurden dankbar angenommen“, sagt Anna-Sophia Zimniak. Noch im September begeisterten sich die Kinder im Theaterhaus. „Sie sind wahnsinnig gerne da“, sagt Barbara Kölling – auch mit Abstand.

Nun fallen wegen der Corona-Pandemie 26 Vorstellungen aus. Insgesamt fehlen 2500 Theatergäste und fünf Euro pro Karte. Ein Tiefschlag für den Bühnenetat. Aber das Helios Theater ist nicht allein. „Die Stadt Hamm hat Fördergelder gesichert und uns unterstützt“, sagt Barbara Kölling, und das „von Anfang an“ in der Pandemie. Das Land NRW habe nachgefragt, wie das Theaterhaus zurechtkommt, um das Interesse an Kultur in der Region aufrecht zu erhalten. Kölling ist sehr angetan. „Das Theaterreferat in Düsseldorf hat alle Hebel in Bewegung gesetzt“, sagt die Theaterleiterin. Der Ausfall der Karteneinnahmen von 12 500 Euro sei mithilfe der institutionellen Förderung ausgeglichen worden. Der Regisseurin ist anzumerken, wie wohltuend diese Absicherung einfach ist – auch für die Mitarbeiter. Außerdem haben die Kulturstiftung in Düsseldorf und das Land bereits die Gelder für das internationale Festival „hellwach“ zugesagt. Es musste vom November auf 2021 verlegt werden – 5. bis 13. Juni.

„Wenn wir ein bisschen deprimiert sind“, sagt Kölling und lacht, „dann denken wir ans Festival. Da stellen wir uns vor, dass die Sonne scheint, die Gäste sind da.“ Eine Gruppe aus Mexiko habe schon zugesagt, auch wenn die Gefahr droht, 14 Tage in Quarantäne zu gehen. Wieviel Quarantäne wirklich notwendig sein könnte, ist aktuelle Organisationsarbeit.

Ab dem 24. Januar gibt es bis einschließlich Februar 22 Vorstellungen in Hamm. Anna-Sophia Zimniak ist guten Mutes, dass es dabei bleibt. Das Kinder- und Jugendtheater bietet Bildungsveranstaltungen an. Das Haus ist keine Freizeiteinrichtung und zählt nicht zum Unterhaltungsbetrieb wie viele Theaterhäuser. Das Helios Theater hat einen anderen Status. Beispielsweise habe das Junge Schauspiel Düsseldorf zwei Vorstellungen im Dezember genehmigt bekommen als außerschulische Bildungsveranstaltung, sagt Kölling. Dies sei auch im Februar und März eine Perspektive für das Helios Theater, meinen die Theatermacherinnen – als „schulinterne Veranstaltungen“.

Digitale Formate zählen seit der Corona-Zwangspause zum Instrumentarium. Es gibt digitale Proben über die „Zoom“-Technik. Die Teams der Kinder- und JugendTheaterWerkstätten agieren gemeinsam, und die europefiction-Gruppe hat den Film „Shared Distance“ gedreht. Allerdings dürfen sich die zehn- bis 14-Jährigen des Kulturrucksack-Projekts mit Maske und Abstand sogar im Haus treffen. Die Gruppe zählt zehn Personen.

Aber das Live-Erlebnis bleibt natürlich das Herzstück aller Bühneninitiativen. „Unsere Stücke stellen wir nicht als Video ins Netz“, sagt Anna-Sophia Zimniak, „Vorstellungen werden nicht gestreamt.“ Dennoch sind digitale Formate interessant geworden. Das Haus werde bekannter und die Reichweite für eigene Produktionen steige, weiß Barbara Kölling. Fürs Festival „hellwach“ sind digitale Formate geplant. Alles im Sommer.

Und wie geht es nach Corona weiter? Barbara Kölling ist zuversichtlich. „Junges Theater ist im Aufwind“, sagt die Regisseurin, das schlage sich auf die Förderung nieder. Das „Neue-Wege“-Programm des Landes habe in Bochum dazu geführt, dass eine Spielstätte für junges Publikum in der ehemaligen „Zeche Eins“ entstehen konnte. Unabhängig vom Schauspielhaus. Und in Paderborn sei eine eigene Sparte an der städtischen Bühne für junges Theater entstanden. Barbara Kölling wird ihr Stück „Ton“ für Bochum entwickeln. Die Proben mit der Schauspielerin Karin Moog sind für den 9. Februar angesetzt. Premiere ist am 1. März. Karin Moog hatte vor ihrer Schauspielarbeit bildende Kunst studiert. Sie soll ihre Erfahrungen mit dem erdigen Material sichtbar machen. Dann kann es sein, dass Moog morgens im Theaterrevier „Ton“ spielt für Menschen ab zwei Jahren und abends am Schauspielhaus im Horváth-Stück „Geschichten aus dem Wiener Wald“.

Das Helios Theater hat in den letzten Monaten erfahren, wie wichtig es für Hamm und die Region geworden ist. Am 15. Dezember will der Rat der Stadt beschließen, das Gebäude am Bahnhof zu kaufen. „Der Zuspruch kommt von allen Parteien“, sagt Kölling, „als Antwort auf unsere ganze Arbeit.“ Und im Vertrag der neuen Koalition stehe diese Absicht ohnehin, so Kölling: „Das ist sehr gut und sehr schön.“

Das Theaterhaus am Bahnhof wird ein Stadttheater. Eine Institution für Kinder- und Jugendtheater ist es schon lange.

www.helios-theater.de

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