Heinrich Peuckmanns Gedichtband „Erinnern, Vergessen“ mit Grafik von Willi Sitte

Willi Sittes Blatt „Was ist aus dir geworden“ findet sich in Heinrich Peuckmanns Gedichtband.

Von Ralf Stiftel Gegen das Fieber des Knaben Heinrich Peuckmann brachte der Großonkel zwei Tauben vorbei, „eingewickelt in eine Zeitung/ mit blutigem Hals“. Die waren für eine stärkende Suppe bestimmt. Mehr als ein halbes Jahrhundert danach erinnert sich Peuckmann des Wohltäters in einem Gedicht.

„Erinnern. Vergessen“ handelt vom Einfachen, das so schwer sein kann, vom richtigen Gedenken. Der „Taubenonkel“ war überzeugter Nazi, hat versteckte Juden verraten. Die Oma wollte nicht mehr neben dem „Kerl“ sitzen. Auch Peuckmann möchte sich lieber der Opfer erinnern, den Täter vergesssen. „...wären da nicht / die Tauben mit dem blutigen Hals“.

Der Text steht im schönen Bändchen „Erinnern. Vergessen“, das Gedichte des Kamener Autors mit Grafiken seines Freundes Willi Sitte enthält. Die Lyrik Peuckmanns verzichtet auf die großen sprachlichen Gesten. Die meisten sind kurz, reimen nicht, klingen nüchtern. Und das passt sehr gut zu dem, was hier verhandelt wird. Viele Momente aus der Biografie des 1949 geborenen Dichters finden sich, Rückblenden auf die Kindheit im östlichen Ruhrgebiet, Zechenland, „wo mein Vater arbeitete / im dunklen Loch“. Peuckmann romantisiert das nicht. Aber man spürt bei ihm diese Mischung aus Wehmut und erlebtem Glück zum Beispiel in „Lass doch“, einer Rückblende auf Kinderspiele am Bahndamm, wo die Distel blüht. Am Schluss heißt es: „in meinen Erinnerungen ist es / immer Dienstag“. Und da spricht er hochverdichtet von dem, was Erinnerung ausmacht. Das Fragmentarische, das Unerklärbare, das er benennt und das der Leser nur nachfühlen kann.

Diese Lyrik erschließt sich gleichwohl, weil sie oft Erfahrenes und Gefühltes berichtet. Die Frau, die das Handy mehr beachtet als ihr Gegenüber: „Eben noch, als sie kam / hat sie mir gefallen“. Oder der demente Nachbar aus der Nachbarschaft, dem sich Peuckmann nahe fühlt, als er im Auto Mozart hört und mitdirigiert: „... wir beide, jeder/ einen Arm in der Luft“.

Diese nüchterne Empfindsamkeit korrespondiert mit den gut ausgewählten Blättern Sittes. Der im letzten Jahr gestorbene Künstler, in der DDR hochrangiger Kulturfunktionär, ist hier mit Arbeiten vertreten, die eher intime, kleine Momente zeigen als die großen Gesten. Und die „Ausfahrt mit Akt in der Kaue“ oder das Blatt „Was ist aus dir geworden“ mit den Tauben wirken, als hätte Sitte die Gedichte illustriert. Aber manchmal finden auch Dinge zueinander, die nicht füreinander gemacht wurden.

Heinrich Peuckmann: Erinnern, vergessen. Gedichte mit Grafiken von Willi Sitte. Lychatz Verlag, Leipzig. 85 S., 22,95 Euro

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