Der Band „Der fremde Ferdinand“ erinnert an einen vergessenen Bruder Grimm

Ferdinand Grimm im Alter von 20 Jahren, gezeichnet von seinem Bruder Ludwig Emil. Foto: aus dem besprochenen Buch

Vom wohligen Schauder verstand der Autor etwas: „Ein nebelgraues Gewand hüllte ein menschliches Gerippe, dessen Haupthaar in der Farbe des Sees, grün und lang, über ein todtes Antlitz, über schlaffe Wangen, welke Lippen herabhing; glanzlos stierende Augen öffneten und wandten sich nach dem Starrenden – und mit einem Schmerzensschrei, der gellend die weiten Schloßhallen durchlief und die blauen Geisterflämmchen und das Erdgewürm des Bodens in Aufruhr setzte, fuhr die Gestalt mit Heftigkeit auf den Jüngling zu, indem ihre gelben Knochenarme sich um seinen Nacken schlangen...“

So schildert Ferdinand Grimm in der Erzählung „Die Felsenbraut“ die wahre Gestalt jener Hexe, die den jungen Anton betörte und seiner Brunilde entfremdete. Dieses Märchen muss böse enden, wie andere auch, die Heiner Boehncke und Hans Sarkowicz in dem Band „Der fremde Ferdinand“ vorstellen.

Wenn von den Grimms die Rede ist, denken die meisten Leute an Wilhelm und Jacob, die Märchensammler und Wörterbuchautoren. Dabei war die Familie größer. Der malende Bruder Ludwig Emil Grimm ist noch bekannt. Aber die Schwester Charlotte, Carl und eben Ferdinand (1788-1845) sind allenfalls Germanisten ein Begriff. Was, so die Herausgeber, besonders in Ferdinands Fall ungerecht ist. Er sammelte wie Jacob und Wilhelm Märchen und Sagen, gab Bücher heraus, und er buhlte um die Anerkennung seiner Brüder. Um ihnen nicht als Konkurrenz zu erscheinen, publizierte er unter anderen Namen. Was ihn nicht vor dem boshaften Urteil der beiden schützte: „ungenau“, „mittelmäßig“, „zuweilen seltsam“, „unrichtig“. Keins der drei Bücher von Ferdinand war ein Erfolg. Der Sammelband soll ihn aus dem Schatten der Brüder holen, ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen.

Dass Ferdinand vergessen ist, führen Boehncke und Sarkowicz auch darauf zurück, dass Ferdinand offenbar homosexuell war und sich beim Weihnachtsfest 1810 geoutet hatte. In der Literatur ist nur von einem „Geheimnis“ des Bruders die Rede. Offenbar hat er es am ersten Feiertag verraten und einen Skandal ausgelöst. Ferdinand, den seine Brüder oft als Faulpelz schalten, hatte keinen Erfolg mit seinen Anstellungen. Er blieb auf Unterstützung der Familie angewiesen.

Seine Texte wiederum stehen denen seiner Brüder nicht nach, sie sind anders. Zuweilen findet man nur kurze, nicht einmal eine halbe Seite füllende Skizzen. Dann wieder ausgearbeitete Erzählungen wie eben die „Felsenbraut“. Oft genug gehen die Geschichten übel aus, und Ferdinand zeigt auch eine Neigung zu Außenseitern, zu einem Meisterdieb, der sogar den Trauring der Königin entwendet, und zum Zauberer, der verbrannt werden soll, sich aber durch eine magische Pfeife rettet, die alle zum Tanze zwingt.

Besonders ein Text aber wird seinen Brüdern wenig Freude bereitet haben, die Erzählung „Tante Henriette“, in der er seine biederen Brüder satirisch porträtiert als „Rath Onkel Johann“, der eine „schnupftabacksfarbige Papaweste“ trägt, und Onkel Willibald („ein Patriot von Unermüdlichkeit“). In dem Band ist die Erzählung erstmals seit 1835 wieder ungekürzt zu lesen. Die Titelfigur ist Wilhelms Gattin Dorothea, und wie er ihre „Untugenden“ skizziert, das zeigt die Liebe, die in der Ironie stets mitschwingt: „Sie küßt zu viel, läßt zu oft kehren, hält eine Menge Menschen für gut, die nichts sind als Klatschrosen und Schmarotzerpflanzen, und dutzt sich mit zu vielen Herren und Damen.“ Zwei Seiten später zeigt er Henriette als eine Frau, die selbst dem Tratsch nicht abgeneigt ist und mit einer Freundin über die Nachbarschaft herzieht: „Wie das Mädchen dahin witschelt; das Rosakleid sitzt ihr aber allerliebst, sie hat einen hübschen, dicken ...“

Heiner Boehncke/ Hans Sarkowicz (Hgg.): Der fremde Ferdinand. Die andere Bibliothek, Berlin. 448 S., 44 Euro

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare