Hans-Henning Paars Tanzabend „Der himmlische Spiegel“ in Münster

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Von Hieronymus Bosch inspiriert: Leander Veizi und María Bayarri Pérez in der Choreografie „Der himmlische Spiegel“ am Theater Münster

Münster – Das muss das Paradies sein! So viel Freiheit und Bewegungsfreude. Im Entengang watschelt ein Tänzer vorbei und dreht ein paar gewiss nicht kniefreundliche Pirouetten in tiefer Hocke.

Kana Mabuchi windet sich wie eine Raupe vorbei, gewiss nicht rückenfreundlich. Am Theater Münster beginnt der neue Tanzabend von Hans-Henning Paar mit Neugier. Viele Bewegungen sind tierhaft, ruckartig, vogelwild. Die pure Freiheit.

Paar hat sich für „Der himmlische Spiegel“ von Gemälden von Hieronymus Bosch inspirieren lassen. Deswegen folgt auf das Paradies das Erschrecken, die Erkenntnis. Adam und Eva aus Boschs „Irdischem Paradies“ werden zitiert und vervielfältigt, wie hintereinandergeschaltete Körperkopien. Keelan Whitmore wandert durch die Reihe wie Gott persönlich. Ein wolkiges Tuch (Bühne und Kostüme: Anna Siegrot) fällt und verschwindet. Danach ist die Bühne kahl, über den elf Tänzern schwebt ein kreisrunder Spiegel. Darin taucht ein Auge auf, das sich zu bewegen beginnt. Erdbeeren – Symbol für die Jungfräulichkeit und gleichzeitige Mutterschaft Marias – werden in Verzerrung gezeigt und beginnen im Zeitraffer zu faulen. Es gibt auch etwas seltsame Erscheinungen wie eine Art menschliche, schwebende Fruchtfliege mit Gasmaske.

Auf dem Boden erscheinen die Erdbeeren als seltsame Auswüchse an den Tänzerkörpern. Jemand wandelt mit einer Art transparentem Trichter auf dem Kopf vorbei. Die Weltkugel aus dem Triptychon „Schöpfung der Welt bis zum dritten Tag“ taucht als eine dieser durchsichtigen Luftkugeln auf, in denen man über Wasser gehen kann. Die Ideen schwanken zwischen Witz und Albtraum. Viele spielen mit den Elementen. Wasser wird auf den Spiegel projiziert. Alle Tänzer tragen enge Anzüge mit einem Muster wie trockene, aufspringende Erde.

Erzählt wird vom Verlust der Unschuld. Aus einem sich Beschnuppern und Erkunden entwickeln sich Neugier und Forschergeist, aber auch Grausamkeit und Kriegslust. Eine Tänzerin mit Gasmaske auf dem Kopf marschiert im Stechschritt, mit Grand Battement bis zur Nase. Kana Mabuchi wird mit Stangen gepiesackt, aufgehoben, hängt da wie eine Christusfigur. Am Ende hinkt sie weg, getragen von ein paar starken Männern und gestützt auf die Stangen wie auf Krücken. Bilder wechseln, Symbole tauchen manchmal ganz klar auf, funktionieren aber als anpassungsfähige Erzählelemente. „Der himmlische Spiegel“ verwandelt christliche Symbolik in verfremdete Effekte, um zu erzählen, dass die Welt keinen Sinn ergibt.

Weil das so ist, erfindet der Mensch Sinn. Der „himmlische Spiegel“ ist der Kosmos, den der Mensch für sich selbst entwirft. Er überträgt seine Erfahrungen. Dabei werden sie vergröbert und verzerrt. Es entsteht eine Geschichte – eine selbsterfundene, menschliche Welterzählung, die eine finstere Eigendynamik gewinnt.

Das ist mal eine Ansage. Dabei ist die knapp 80-minütige Produktion im Großen Haus zwar groß gedacht, aber schlicht gehalten. Die Bühne bleibt schwarz, nur das Licht wechselt von golden zu fahl. Die Musik stammt von dem Mainzer Komponisten Pierre Oser, es dirigiert Thorsten Schmid-Kapfenburg. Sie ist hektisch, mit jagenden Violinen und Bläsern. Gongs und Xylophon verfremden die Partitur leicht. All die Hektik verschwimmt aber zu einem Hintergrund für die Körper, die wie in einem großen Panorama gezeigt werden.

Streckenweise wirkt die Choreografie – verantwortlich werden im Programm neben dem Tanzchef diesmal auch die Tänzer selbst genannt – wie ein Versuchslabor. Zunächst sind keine eigenständigen Bewegungen möglich, jede ergibt sich aus einem Impuls, die von einem anderen kommt. Als würde das Bewegungsprogramm erst noch geformt. Langsam erobern die Tänzer den Raum, strecken sich aus. Nur selten kommt die Gruppe zusammen, wie um zu sagen: Die menschliche Welterzählung behandelt zwar gemeinsame Erfahrungen, muss aber von jedem ganz allen erlebt und bewältigt werden.

Die Panoramen funktionieren vor allem dank gewohnt starker Münsteraner Tänzer, die sich experimentierfreudig und risikofreudig in die Szenen geben.

16., 22., 25.1., 4., 15.2., 13.3., 2., 9.4.,

Tel. 0251 / 5909 100, www. theater-muenster.com

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