Tanzabend mit Musik von Philip Glass

„Der Turm“ von Hans Henning Paar in Münster

Szene aus dem Tanzabend „Der Turm“
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María Bayarri Pérez und Adrián Plá Cerdán in der Choreografie „Der Turm“ in Münster.

Hans Henning Paar hat mit seinem Ensemble strenge und düstere Bilder zur Corona-Pandemie choreografiert. „Der Turm“ ist ein packender Tanzabend.

Münster – Nach dem Corona-Lockdown starten die Theaterhäuser des Landes in eine kurze und intensive Zwischenspielzeit, bevor die Sommerferien beginnen. Welche Botschaften gehen von den Bühnen aus?

In Münster haben Choreograf Hans Henning Paar und sein Ensemble über Erfahrungen aus dem Stillstand nachgedacht. Statt den Sommer mit Euphorie zu begrüßen, arbeitet der Tanzabend „Der Turm“ mit durchgehend strengen und düsteren Bildern. Es werden choreografische Reaktionen auf ein inneres Drama in Bewegung gesetzt, das die Pandemie bei vielen Menschen verursacht hat. Hans Henning Paar steuert mit seinen fünf Tänzerinnen und sieben Tänzern eine intensive bipolare Suche zwischen der Erfahrung Einsamkeit und der Sehnsucht Freiheit. Nach einem Brainstorming von Keelan Whitmore, der auf einem Stuhl sitzt, beugen sich alle Tänzer nach vorne, erheben sich von den Sitzflächen, um die hockende Pose aufzulösen. Weitere Stühle sind über die Bühne des Großen Hauses in Münster verteilt. Der Stuhl ist das Symbol für einen Ort, für einen Platz, den jeder einnimmt und einnehmen muss – in der Lockdown-Zeit. Eine Tänzerin haut aber einfach ab, kommt aber wieder. Mal wippelt jemand mit den Beinen, mal wird der Holzstuhl zweckentfremdet – ein Kampf gegen Zwang und Ordnung. Es geht um die Last, die so ein Leben sein kann, um Toleranz und Ablehnung in der Gruppe, wenn das Individuum am sozialen Gefüge zerrt. Es ist ein Kraftakt.

Nach theatralen Episoden um ein Kinderfingerspiel verlieren sich Irritationen. Heftige stakkatoartige Bewegungen bilden unrhythmische Momente in einer Choreografie, die einmal Bilder für eine innere Zerrissenheit sucht und zum anderen der modernen Musik von Philip Glass folgt. Vor allem die Streichquartette Nr. 1 – 4 des amerikanischen Komponisten werden zum Soundtrack eines Abends, der zum dramatischen Erzählen findet. Im Hintergrund der Bühne ist nun eine finstere Skulptur aus Stühlen zu sehen. Später tritt ein Vogelwesen auf, das dunkle Phantasien stimuliert und an quälende Träume denken lässt. Das Ensemble trägt schwarzgraue Trikots und Gewänder (Bühne, Kostüm: Hans Henning Paar, Sophia Debus). Die Stuhlskulptur wird in Licht und Schatten immer bedrohlicher. Ein Pas de Deux zweier Tänzer bleibt ein Treffen auf Abstand, Frau und Mann kämpfen fast akrobatisch um eine Zweisamkeit, die letztlich unvollendet bleibt. Es dominiert eine Unsicherheit.

Angesichts der formstrengen Choreografie und der Vergeblichkeit, die viele Bewegungsfiguren ausdrücken, ist es erstaunlich, wie spannend der gesamte Tanzabend bleibt. Ein weiterer Kosmos mit mythischen Wesen, wie einem Schlangenleib aus zwei Ensemblemitgliedern, wird von Glass’ Etüden für Klavier begleitet. Aber der Abend versinkt nicht im Mythos, sondern wird aktueller. An einem roten Seil ist Keeton Whitmore gefesselt. Sowie er den Turm verlässt, halten ihn mehrere Maskenwesen an der langen Leine. Sein Versuch, mit Maria Bayarri Pérez zu tanzen, wird zu einem Leidensweg, der sich bis zum Todeskampf steigert. Whitmore bewegt sich ekstatisch und schmerzverzehrt. Sein hörbares Atmen erinnert an George Floyd, der vor einem Jahr von einem US-Polizisten in Minneapolis ermordet wurde. Floyds Tod („I can’t breathe“) ging um die Welt. „Der Turm“ erinnert an die „Black-Lives-Matter“-Bewegung und spürt einer Allmacht nach, die zur Gefahr für unser aller Sehnsuchtsziel Freiheit werden kann.

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