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Hans-Christian Schink zeigt Fotografien im Wuppertaler Von-der-Heydt-Museum

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Von: Achim Lettmann

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Transparent wirkt die Fotografie „Bach Ma (iA)“ aus der Serie „Vietnam“ (2005) von Hans-Christian Schink.
Transparent wirkt die Fotografie „Bach Ma (iA)“ aus der Serie „Vietnam“ (2005) von Hans-Christian Schink. Sie ist Teil der Ausstellung „Freundschaftsanfrage No.1“ in Wuppertal. © Hans-Christian Schink

Ein neues Ausstellungsformat in Wuppertal verbindet die Fotografien von Hans-Christian Schink mit Gemälden aus der Sammlung des Von-der-Heydt-Museums.

Wuppertal – Undurchdringlich ist der Dschungel nicht. Die dunklen Grüntöne in Hans-Christian Schinks Fotografie hellen sich im Hintergrund des Baum- und Buschwerks auf. Vom weißlichen Licht überstrahlt wirken Blätter und Zweige transparent und vom Naturbild wie entrückt. Die Atmosphäre der Aufnahme „Bach Ma (iA)“ aus Schinks Serie „Vietnam“ (2005) führt einen durch das sichtbare Dickicht hinaus in eine spürbare Simulation.

Im Wuppertaler Von-der-Heydt-Museum sind vier dieser großflächigen Fotografien mit Gemälden der klassischen Moderne präsentiert. Die Ausstellung „Hans-Christian Schink. Freundschaftsanfrage No. 1“ ist ein neues Format des Hauses. Namhafte Künstler sollen sich mit Bildern der Wuppertaler Sammlung auseinandersetzen und die mit ihren Exponaten ausstellen. Der Fotograf aus Erfurt macht den Anfang. Zu seinen „Vietnam“-Fotografien ist Otto Modersohns „Mondaufgang im Moor“ (um 1898) gehängt. Während sich der Himmelskörper in der Freilichtmalerei nur knapp am Horizont zeigt, sind die Baumstämme im Vordergrund erhellt, so dass die Naturszenerie stimmungsvoll aufgeladen wird. Auch dieses Licht überführt das Naturbild – hier vom Moor – in eine vieldeutige Assoziation. Modersohn und Schink haben mit ihren künstlerischen Mitteln eine neue bildnerische Aussage geschaffen. Die Ausstellung macht beides augenfällig.

Schink, der in Leipzig (1986–1993) studierte und seine fotografische Position auf der Grundlage des Dokumentarischen entwickelt, hatte vor zweieinhalb Jahren das Angebot von Museumsdirektor Roland Mönig angenommen: „Freundschaftsanfrage“. Der Aufruf zur Bildarbeit kokettiert mit Social-Media- Routinen, führte aber tatsächlich zu einem Bildertausch, als die Kooperation zwischen Schink und der Kunsthistorikerin Beate Eickhoff begann. Welche Werke kamen in Betracht?

Schink begeistert vor allem Edvard Munchs Gemälde „Schneeschmelze bei Elgersburg“ (1906). Der Fotograf erkennt hier die Balance zwischen „Konkretheit und Abstraktion“, wie er in Wuppertal sagte. Zu sehen ist eine hügelige Landschaft mit Feldern. Auf den Flächen schimmern rote, blaue, gelbe und grünliche Farbzustände als eine frühe Erscheinung abstrakter Farbmalerei.

Solche Schlaglichter aus der Malereigeschichte sind immer wieder Eckpunkte dieser spannenden Ausstellung. Insgesamt werden 33 Landschaftsbilder des 19. Jahrhunderts – inklusive acht Grafiken – und 93 Fotografien ausgestellt. Zu den 21 Malern zählen unter anderen John Constable, Vincent van Gogh, Ferdinand Hodler, Alfred Sisley, Claude Monet, Gustav Courbet und Oswald Achenbach.

Das Von-der-Heydt-Museum, 1902 gegründet, hat von Anbeginn Landschaftbilder gesammelt – Werke von 1814 bis ins 20. Jahrhundert. Während das Genre vor allem in der Romantik zum Spiegel einer inneren Gestimmtheit wurde, dokumentiert die aktuelle Landschaftsfotografie einerseits Naturerscheinungen und andererseits Zivilisationsprozesse, die sich im Landschaftsbild niederschlagen: Bebauung, Nutzung, Zerfall. Wie in der Fotoserie „Hinterland“ (2012–2019). Während die Weidenbäume im Winterbild „Zwischen Hildebrandshagen und Bülowssiege“ zum Charakteristikum der regionalen Natur werden, spürt Schink an anderer Stelle Materialhalden, Speicherbehälter, Behausungen, entlegene Uferzonen oder einfach Buschwerk auf. Es sind verlassene Orte in der Landschaft, die er menschenleer und mit konturlosem Himmel zeigt. Die Motive erinnern in ihrer souveränen und gelassenen Präsentation an die romantische Landschaftsmalerei, die das Dargestellte im Bildraum zur Harmonie erhob. Wie beispielsweise die „Landschaft bei Étretat“ (1872) von Camille Corot, wo Frauen im bäuerlichen Ambiente vor Wald und Hügel gestellt sind. Mit Himmel und Ansicht aufs Meer ist ein Idyll entstanden.

In einem der Ausstellungskabinette ist „Die Érmitage in Pontoise“ (1881) von Paul Cézanne zu sehen. Der französische Maler überträgt mit der Rhythmik vor allem grüner und blauer Strichflächen den farbigen Glanz dieser Kulturlandschaft aus Gärten und Häusern auf die Leinwand. Hans-Christian Schink hat so einen Wechsel von Flächen in seiner Fotografie „Arasawa“ (2009) eingesetzt. Bei einem Aufenthalt in der japanischen Präfektur Niigata fesselte ihn das Vertraute und Exotische des Mittelgebirges. Es erinnerte den 60-Jährigen an den Thüringer Wald. In „Arasawa“ sind blaue Dächer, Schneeflächen, dunkler Wald und graue Straßen als Kennzeichen einer Kulturlandschaft ausgewiesen. „Ästhetische Eigenschaften“ nennt das Kunsthistorikerin Beate Eickhoff.

Hans-Christian Schink macht Wirklichkeit immer wieder sichtbar. Vor allem mit seiner umfangreichen Serie „Aqua Claudia“ (2014). Als Stipendiat der Villa Massimo dokumentiert er mit seinen Fotografien die letzten 13 Kilometer des 69 Kilometer langen Aquädukts, der zwischen 38 und 52 n. Chr. in Rom entstanden ist. Schink spürt mithilfe nüchterner Stadtfotografie die Überreste der Antike auf. Die Aquäduktbögen stoßen an schrundige Anbauten, ragen neben Treppen auf oder wirken zwischen billigen Fassaden wie eingeklemmt. Zugunsten eines Straßenverlaufs musste auch mal ein historisches Bauelement abgerissen werden. Die römische Architektur lässt sich bis ins Zentrum der ewigen Stadt verfolgen, sichtbar machen sie erst Schinks Fotografien.

Als Kontrapunkt lässt sich Carl Rottmanns „Italienische Landschaft“ (1826/27) lesen. In dem kleinformatigen Gemälde sind zwei winzige Wanderer zwischen Wald, und Gebirge arrangiert. Aus der klassischen Aufsicht wird das Naturschöne gefeiert.

In Wuppertal sind noch Schinks Langzeitbelichtungsprojekt „1h“ (2003–2010), die neue Serie „Unter Wasser“ (2020) mit Bildern aus Seen und Teichen zu sehen, sowie die Serien „Büro“ (1998) und „Autobahn“ (1998–2000).

Bis 10.7.; di – so 11 – 18 Uhr, do bis 20 Uhr; Tel. 0202/563 6231; Katalogbroschüre 12 Euro; www.von-der-heydt-museum.de

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