„Der Hamiltonkomplex“ bezaubert in Bochum

So niedlich sind die 13-Jährigen in Bochum nicht immer: Szene aus dem „Hamiltonkomplex“ am Schauspielhaus.
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So niedlich sind die 13-Jährigen in Bochum nicht immer: Szene aus dem „Hamiltonkomplex“ am Schauspielhaus.

BOCHUM - Kreischalarm im Schauspielhaus Bochum. Ein Rudel uniformierter Mädchen rastet aus beim Namen Elyas M‘Barek, hüpft auf der Stelle, fällt auf die Knie, und gegen ihre höchsten Lust- und Sehnsuchtstöne kommt der Mann im Anzug selbst mit seiner Trillerpfeife nicht annähernd an.

Etwas wie „Der Hamiltonkomplex“, das die belgische Regisseurin Lies Pauwels 2015 für Hetpaleis in Antwerpen entwickelte, ist schwer vorstellbar, so lange man es noch nicht gesehen hat. 13 Mädchen, alle 13 Jahre alt, schlüpfen in verschiedene Rollen, meistens allein, manchmal mit dem Bodybuilder Stefan Gota als Gegenüber. Aber wenn man die Performance erlebt, kann man nicht anders sein als hingerissen. Schon von Anfang an, wenn die Darstellerinnen in Stewardessen-Uniformen auflaufen und dem Publikum eine Einweisung geben, als wäre dies ein Flug. „Dieser Saal hat vier Notausgänge“, und die Mädchen zeigen todernst nach rechts und links. Dass dies kein netter Abend für Kinder wird, ahnt das Publikum spätestens, wenn die niedliche Ansagerin am Mikrophon fragt: „Sind Pädophile im Saal?“

13 markiert eine Schwelle im Leben, findet Lies Pauwels. Mit 13 sind sie nicht mehr Kind, aber noch nicht erwachsen. „Der Hamiltonkomplex“ bringt die Hoffnungen, die Ängste, die Flausen, die Launen der jungen Menschen auf die Bühne. Das beginnt schon, wenn sie sich vorstellen. Die 13 auf der Bühne heißen Prudence, Patience, Precious, Lovely, Gift, Melody, lauter sprechende Künstlernamen, die vielleicht die Erwartungen der Eltern festhalten. In immer neue Verkleidungen schlüpfen die Mädchen, sind mal becircende Lolitas, mal trippelnde Geishas, aber auch unbeholfen dahinstolpernde Zombies, die in den Zuschauerraum tapsen, als suchten sie Beute.

Natürlich ist Körperlichkeit hier ein wichtiges Thema, und wenn Stefan Gota den Anzug ablegt und seine prachtvollen Muskeln spielen lässt, dann weiß man nicht, wie er zu den Mädchen steht: eher Vater oder doch böser Verführer. Die freilich folgen seinen seltenen Anweisungen widerwillig, und das letzte Mädchen in der Anfangssequenz trotzt besonders hartnäckig, so dass ihm all seine Kraft nicht weiterhilft. Wie symbolträchtig, wenn die Mädchen unter Kapuzen als Rotkäppchen einlaufen und Gota bedrängen.

Die Bühne von Chloe Lamford steht für das Dazwischen der dargestellten Lebensphase: Einerseits sieht man antike Säulen und ein Landschaftsgemälde, andererseits ist der Regenbogen darüber mit Luftballons und Teddybären gespickt. Und hinter dem Vorhang lugt ein Einhorn vor. Zwischen dem Discostar Stromae und dem Barockmeister Vivaldi spannt sich der Soundtrack, der ein Wechselbad der Gefühle begleitet. Die Welterkundung zwischen Marguerite Duras, dem Genozid von Ruanda, Wittgenstein, Nutella wird vom Kommando „Schau’s doch nach“ begleitet. Ein Mädchen ruft aggressiv englische Wörter ins Mikro, die sich manchmal zu Sätzen fügen („Day, after, day, same, shit“), ein Kommentar vielleicht zur den Anforderungen des Heranwachsens und ein Bravourstück der Darstellerin. Aus der Angst vor Entführung und Vergewaltigung wird ein Märchen, das ein Mädchen schluchzend dem anderen, nüchtern dazwischenfragenden, erzählt, die Geschichte des österreichischen Entführers Priklopil. Oder sie stopfen sich Ballons unter den Rock und erzählen, warum sie ihr Baby behalten.

Ein Mädchen heißt Queen. Sie kann nur laufen, wenn zwei andere sie stützen. Sie sagt mit schwerer Zunge ihren Namen ins Mikrofon. Einmal aber hebt Gota sie an den Händen, und da tanzt sie wahrhaftig mit dem Mann, und die unbeholfenen Schritte werden flüssig, und die Schönheit dieses Pas de deux raubt dem Besucher den Atem.

Der Überschwang dieses so fröhlichen und tief ernsten Abends ist mitreißend.

9., 10., 11., 16., 24.11., 1., 2., 7., 8., 14., 15., 16., 22., 23., 31.12., Tel. 0234/ 33 33 55 55, www.schauspielhausbochum.de

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