Haldern Pop begeistert als Entdeckerfestival

Vom blauen Spotlicht erfasst: Father John Misty auf der Bühne beim 36. Haldern Pop Festival. Foto: Zöllner

Haldern – Rap ohne Macho-Allüren vom freundlichen Loyle Carner, perückentragende Surfrocker, ein Sänger, der sein Publikum stalkt. Die 36. Auflage des Haldern-Pop-Festivals bot am vergangenen Wochenende viele Auftritte, die einen langen Nachhall bei den Betrachtern haben.

Energie ist der wichtigste Bestandteil der Musik von Daughters. Der komplett tätowierte Sänger Alexis Marshall schreit seine repetitiven Botschaften im alptraumhaften Elektropunk im Publikum stehend den Leuten ins Gesicht, schaut sie dabei entrückt an und umarmt immer wieder seine Gegenüber. Später wird ihm das Mikrophon gehalten und der Sänger steht auf dem Boxenturm. Ebenfalls von unbändiger Wut getrieben ist der Auftritt der in Punkrock-Kreisen schwer angesagten Idles aus Bristol, die mit ihrem aktuellen Album „Joy as an Act of Resistance“ Platz fünf der britischen Albumcharts erreichten. Im wilden Geschrei und den heftigen Riffs versinken ihre gesellschaftskritischen Botschaften – der Auftritt hat aber auf jeden Fall katharsische Wirkung.

Fast ebenso schmerzhaft, aber auf eine harmonische Weise, war der Auftritt der Österreicherin, Anja Plaschg alias Soap & Skin. Mit orchestraler Unterstützung durch das zehnköpfige Berliner Ensemble stargaze verzauberte sie das andachtsvoll lauschende Publikum in der St. Georgs-Kirche. Ihre glockenhelle Stimme wird von Bläsern und Streichern begleitet. Würde man die Augen schließen, hätte man das Gefühl, man würde in einem Wald sitzen. Aufmerksamkeit bekam Plaschg im Frühjahr, als sie es ablehnte, für den österreichischen Musikpreis „Amadeus“ in der gleichen Kategorie wie Andreas Gabalier nominiert zu sein, dem sie Chauvinismus vorwarf.

Eine Art Ebenbild von Freddie Mercury ist Barns Courtney. Sein muskulöser nackter Oberkörper wird von einer roten Lederjacke bedeckt. Sein energiegetriebener Rock gipfelt in Crowdsurfing und einem Bad in der Menge. Alle im Spiegelzelt sollen sich hinknien, bis auf Courtney. Dann springen alle hoch und der Sänger mit der kraftvollen Stimme verschwindet in der tobenden und tosenden Menge aus hüpfenden Körpern.

Ruhiger ging später am Freitag auf der Hauptbühne zu. Father John Misty und sein zehnköpfigr Klub der Vollbartträger lieferte feinsten Folkrock. Die mittlerweile in Berlin lebende Schweizerin Sophie Hunger spielte bereits zum dritten Mal bei ihrem „Lieblingsfestival in Deutschland“, wie sie dem Publikum mitteilte. Es war eine Mischung aus ihrem neuen Album, dem elektonischen „Molecules“ und ihren früheren Chansons, begleitet von zeitweise kraftvollen Gitarren.

Die als Meerjungfrau verkleidete Ersatzmoderatorin Nele Needs a Holiday, die den etwas verschrobenen Ansager Hein Fokker wegen Krankheit vertrat, legte die Finger in Wunde der Musikindustrie. „Wir sind am zweiten Tag am Abend angekommen, und erst jetzt steht eine Frau auf der Hauptbühne“, prangerte sie an, als sie Sophie Hunger ansagte. Ebenfalls in Berlin lebt die Australierin Kat Frankie. Die ganz in rot gekleidete Sängerin bot eingängigen Pop, passend für einen Samstagnachmittag.

Einen entspannten Klangteppich breitete das Trio Brand Brauer Frick mit ihrem instrumentalen, mal reduzierten und mal hymnischen Elekrorhythmen aus.

Headliner am Samstagabend ist der englische Soulsänger Michael Kiwanuka, mit der Empfehlung von Nummer-eins-Erfolgen in seiner Heimat. Seine kraftvolle Stimme dominiert den Gitarrensound, der zwischen Jimi Hendrix und Curtis Mayfield wandert, und er wird diesem Status gerecht. Zu „Black Man in A White World“ klatscht das Publikum begeistert mit. Das schenkt den Künstlern in Haldern wieder ihr größtes Gut: Ihre fast uneingeschränkte Aufmerksamkeit.

Das Haldern Pop ist und bleibt ein kleines und feines Entdeckerfestival. Wobei sich auch hier zeigt, dass sich Konsumgewohnheiten des Publikums ändern. Erst kurz vor Festivalstart waren die letzten der etwa 7000 Karten verkauft. Vor wenigen Jahren war das Haldern Pop schon immer zu Weihnachten ausverkauft, und dass, obwohl noch nicht ein einziger Bandname bekannt gegeben wurde. Aber das Haldern Pop und seine Macher haben schon viele Zeitenwenden erlebt – und überstanden.

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