Das Gustav-Lübcke-Museum Hamm zeigt Mumien aus aller Welt

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Die Mumie eines Kindes aus Peru mit Grabbeigaben (14. Jahrhundert) ist im Hammer Gustav-Lübcke-Museum zu sehen. Das Kind war vier bis sechs Jahre alt.

HAMM - Im weißen Totengewand liegen die sterblichen Reste von Terézia Borsodi vor uns. Sie hält noch ihren Sohn im Arm, der Stunden nach der Geburt starb, die auch Terézia das Leben kostete. Die besonderen klimatischen Bedingungen in der Krypta der Dominikanerkirche in Vác in Ungarn sorgten dafür, dass die Körper der beiden Toten mehr als 200 Jahre überdauerten. Sie mumifizierten.

Als das vergessene Gewölbe 1994 entdeckt wurde, war das für die Forschung eine Sensation. Man hatte fast 300 Särge mit gut erhaltenen Körpern, mehr als 160 davon konnten namentlich identifiziert werden. Unter anderem fanden die Forscher heraus, dass an Terézia Borsodi ein Kaiserschnitt durchgeführt worden war. Die Mutter starb bei der Geburt, die noch ohne Narkose durchgeführt wurde. Aber der Sohn kam zunächst gesund zur Welt, starb freilich nach einigen Stunden. Die Mumie aus Vác lieferte den ältesten körperlichen Nachweis eines Kaiserschnitts.

Terézia und ihr Sohn sind von Sonntag an im Gustav-Lübcke-Museum Hamm zu sehen. Die Ausstellung „Mumien. Der Traum vom ewigen Leben“ macht rund 100 Exponate zugänglich, darunter zwölf komplette Mumien. Die Schau ist eine Übernahme von den Reiss-Engelhard-Museen in Mannheim, die im German Mummy Project systematisch ihre Bestände an Mumien erforschen.

Hamm ist prädestiniert für eine solche Schau, weil die Geschichte des Lübcke-Museums mit einer Mumie begann. Eins der speziellen und nur in Hamm Objekte ist eine Rekonstruktion der Mumie, die 1886 von einem Verein erworben worden war und die im Zweiten Weltkrieg verbrannt war. Ein nicht besonders scharfes Schwarz-Weiß-Foto blieb. Daraus entwickelten die Experten in mannheim die Daten für einen 3D-Druck.

Mumien werden heute vor allem mit den Totenriten der alten Ägypter in Verbindung gebracht. Tatsächlich gibt es sie aber weltweit, wie Museumsdirektor Daniel Spanke erläutert und wie die Ausstellung belegt. Mumien sind die Überreste von Lebewesen, bei denen nicht nur das Skelett erhalten blieb, sondern auch Reste von Fleisch und Haut. Sie können durch den Eingriff von Menschen entstehen, aber auch auf natürlichem Weg. Das älteste Objekt der Schau ist ein mumifiziertes Dinosaurierbein. Von der 70 Millionen Jahre alten Versteinerung ist allerdings nur eine Kopie zu sehen. Ebenso vom 70 000 Jahre alten Mammutbaby Dima aus St. Petersburg. Trockenheit, Kälte, Salz können Leichen vor der Zersetzung bewahren und in Mumien verwandeln. Das kann in der Wüste geschehen wie bei der Hyänen-Mumie, aber auch auf Dachböden beim Hausbau, wo man irgendwann vielleicht vertrocknete Mäuse, Katzen oder Eichhörnchen findet, wie sie in einer Vitrine gezeigt werden.

Natürlich faszinieren die ägyptischen Mumien am meisten. Hinter den aufwendigen Totenkulten stand der Wunsch nach Unsterblichkeit. Die Präparation durch Austrocknen, den Einsatz besonderer Essenzen war ein Luxus, betont Spanke. Wer arm war, wurde im Wüstensand verscharrt.

Aber auch buddhistische Mönche strebten Dauer an. Die Schau informiert mit einer 3D-Animation über die „Selbstmumifizierung“. Dabei magerte sich der Kandidat mit einer dreijährigen Diät zu Tode, wurde anschließend von Mitmönchen in einer Steinkammer getrocknet und schließlich in eine Buddha-Statue gepackt.

Zwölf komplette Mumien sind in der Schau ausgestellt. Spanke legt Wert darauf, dass der Besucher ihnen mit Respekt entgegentritt. Einige Vitrinen sind deshalb oben mit schwarzer Gaze abgedeckt, so dass sich der Betrachter bücken muss. Ein Rest von Intimität soll so entstehen, sagt Spanke. Noch nach ihrem Tod klären die Mumien auf, liefern sie unschätzbare Informationen über das Leben früherer Epochen. Die meisten Mumien aus der Kirche in Vác zum Beispiel sind an Tuberkulose gestorben. Die heute inaktiven Erreger lieferten heutigen Medizinern wertvolle Daten über die Entwicklung der Bakterien.

Eine Frau aus der Chaucay-Kultur in Peru (ca 1400 n. Chr.) wurde mit zusammengebundenen Füßen bestattet, die auf Muscheln ruhten. Und in ihren einbandagierten Hände liegen Milchzähne, vielleicht von ihren Kindern, wie eine Computertomografie ergab.

Bei dem Paar von Weerdinge wiederum handelt es sich zwei männliche Leichen aus der Römerzeit, die gewaltsam getötet wurden. Vielleicht wurden sie geopfert, vielleicht auch als Verbrecher hingerichtet. Sie wurden ins Moor geworfen, wo ihre Knochen sich in der sauren Feuchtigkeit auflösten, die Haut aber blieb erhalten.

Die Mumien erzählen Geschichten voller Rätsel, die wir vielleicht nie lösen werden. Und sie erinnern uns an unsere eigene Sterblichkeit, unterstreicht Daniel Spanke.

Eröffnung Sonntag, 11.30 Uhr, bis 17.6.2018, di – sa 10 – 17, so bis 18 Uhr, Tel. 02381/ 17 57 14, www. hamm.de/gustav-luebcke-museum

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