Große Ausstellung zu Ernst Barlach in Münster

+
Blick für das Leiden: Barlachs „Hungergruppe“ (1934) in der Apostelkirche. ▪

MÜNSTER ▪ Der Mann mit dem langen Bart schwebt in der Luft. Er hat die Arme vorgestreckt und den Oberkörper aufgerichtet, als übe er die Yogafigur der Kobra. Ernst Barlachs Bronzefigur „Schwebender Gottvater“ wirkt wie ein spirituelles Mischwesen aus verschiedenen Kulturkreisen. Von Marion Gay

Unter dem Titel „Interventionen“ präsentiert die Ernst Barlach Gesellschaft Hamburg in Kooperation mit dem Evangelischen Kirchenkreis Münster eine beeindruckende Werkschau mit rund 500 Arbeiten des Bildhauers, Grafikers und Dichters Barlach (1870– 1938). Es ist die bisher umfangreichste Ausstellung des Künstlers. Zu sehen sind die Werke an sieben Orten in der Innenstadt von Münster, so in der Apostelkirche, der Dominikanerkirche und dem Museum für Lackkunst.

Jedes Forum konzentriert sich auf ein Thema. Die Erlöserkirche zeigt vor allem den Dramatiker, der neben Romanen und autobiografischen Arbeiten acht Schauspiele schrieb, während das Theater Münster mit 50 Plakaten aus 80 Jahren den öffentlichen Blick auf Barlach dokumentiert. „Die Ausstellung fokussiert die bis heute brisanten Fragen sozialer Verantwortlichkeit und Gerechtigkeit. Diese Fragen haben das 20. Jahrhundert begleitet und sind auch im 21. Jahrhundert von erschreckender Brisanz“, sagt Kuratorin Heike Stockhaus zur Aktualität der Schau.

In der Dominikanerkirche wird unter dem Thema „Immanenz“ die künstlerische Entwicklung von den frühen bis zu den späten grafischen und plastischen Arbeiten gezeigt. Eine Reise nach Russland 1906 führte Barlach, dessen Frühwerk im Dekorativen verhaftet war, hin zu einer formal reduzierten, auf das Wesentliche konzentrierten Ausdrucksweise. In einer Zeit, in der alles besser und schneller werden sollte, entdeckte der Künstler die Einfachheit als Gegenbild zum Fortschrittsglauben. Fortan sind seine Ikonen die Bauern und Bettler.

Der 1. Weltkrieg führt zu einer weiteren Veränderung in Barlachs Werk. Stärker als zuvor zeichnet das Elend seine Figuren. Sie hungern, trauern und zweifeln. So hebt die alte Frau die Kleiderstoffe eines Mädchens, um deren Nacktheit zu präsentieren. Breitbeinig steht die ausgemergelte Schwangere da, und immer wieder taucht die Figur des Bettlers auf, die im Foyer der Bezirksregierung Münster im Mittelpunkt steht. „Bettler sind wir alle“, schrieb Barlach, permanent auf der Suche nach den wahren Werten des Menschen, jenseits von Materialismus und sozialer Ungerechtigkeit.

Unter dem Titel „Transzendenz“ präsentiert die Apostelkirche Barlach als Mystiker und Visionär. Lange Zeit galt der Künstler, der zu Lebzeiten vor allem als Dramatiker bekannt war, als „mystischer Spinner“. Erst in den 60er Jahren wurde sein bildnerisches Werk von der Kritik anerkannt. Die Ausstellung zeigt, wie sehr die christlichen Arbeiten über das rein Religiöse hinausgehen. So hat die Figur der „Mutter Erde“ etwas Archaisches, wie sie die Arme unter ihrem Umhang ausbreitet. Seine Madonna hat sich mit ihrem Sohn von der Welt abgekapselt, ebenso wie die beiden Mönche, in die Lektüre eines Buches vertieft.

Zu sehen sind auch die Entwurfszeichnungen und Gipsmodelle des „Taufstein Hamm“. 1937 hatte Barlach den Auftrag bekommen, ein Taufbecken für die im Bau befindliche Johanniskirche in Hamm zu entwerfen. Im Juli allerdings wurden Barlachs Arbeiten von den Nazis als „entartet“ eingestuft, im August sein Güstrower Ehrenmal (zu sehen in der St. Johannes-Kapelle) aus dem Dom entfernt, es drohte das Berufsverbot. So starb er im Oktober 1938, ohne den Auftrag ausgeführt zu haben. Neben dem Marburger Kruzifix von 1918, ebenfalls in der Apostelkirche zu sehen, sind die Entwürfe für das Hammer Taufbecken die einzigen Arbeiten Barlachs, die sich mit kirchlicher Gebrauchskunst im liturgischen Kontext auseinandersetzen.

Ernst Barlach in Münster.

Apostelkirche, Dominikanerkirche, St. Johanneskapelle, Erlöserkirche, Museum für Lackkunst, Bezirksregierung und das Theater Münster.

Eröffnung Sonntag, bis 18.11., di 10 – 20, mi – sa 10 – 18, so 12 – 18 Uhr

Tel. 0251/ 510 28 50

http://www.barlach-muenster.de

Katalog in Vorbereitung

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare