Gordon Kämmerer inszeniert Molières „Tartuffe“ am Schauspiel Dortmund

+
Schmerz und Ekstase: Szene aus „Tartüffe“ in Dortmund mit Uwe Rohbeck (oben), Björn Gabriel und Bettina Lieder.

DORTMUND - Die Bässe wummern. Die in weißes Unisex gehüllten Darsteller tanzen sich die Seele aus dem Leib. So beginnt und so endet Gordon Kämmerers Inszenierung von Molières Komödie „Tartuffe“ am Schauspiel Dortmund. Mit der Hingabe an die von Verstand und Reflexion befreite Ekstase. Wer will schon wissen, wenn er abrocken kann?

In dem 1664 uraufgeführten Stück geht es um den Heuchler, der sich in eine Familie einschleicht und sich um ein Haar ihr Vermögen aneignet. Aber mindestens so sehr geht es um den leichtgläubigen Orgon, der allen Rat und alle Warnungen ausschlägt. Wie er gegen alle Fakten darauf beharrt, dass Tartuffe edelmütig und rein ist, das gleicht doch sehr der Haltung der Wutbürger, die die einfachen alternativen Fakten der Populisten um jeden Preis glauben wollen. So konzentriert sich die Dortmunder Inszenierung auf die Glaubensfragen des Betrugsspiels. Knapp anderthalb muntere Stunden braucht Kämmerer für Aufstieg und Fall des moralischen Hochstaplers, und dabei wendet er noch gut zehn Minuten auf die Tanzeinlagen und weitere Zeit auf kleine philosophische Exkurse. Gleich am Anfang bringt Uwe Schmieder als Orgons Mutter die Sache auf den Punkt: „Glaubende sind gesünder als Nichtglaubende“. Mit wenigen Eingriffen transponiert die Inszenierung Molières Satire ins 21. Jahrhundert, in die Zeit von Bionahrung und Psychoworkshops. Nicht zufällig sehen alle hier durch den weißen Einheitslook aus, als folgten sie einem Motivationsguru.

Auf der Drehbühne steht Tartuffes Wohnwagen, flankiert von monströsen Putti, an denen Tartuffes Diener laszive Sexübungen verrichten. Und wenn der Heuchler einmal besonders verlogen predigt, dann fügen sich Lichtstäbe in der Luft zu Kreuzen.

Zusätzlich hat Kämmerer in den Abend einige Auszüge aus einer modernen Tartuffe-Paraphrase des Kölner Musikers und Autors Peter Licht eingearbeitet. Da rücken „Tüffi“ und „Orgi“ noch etwas näher an die Distanzlosigkeit und Fremdschämwelt von Reality-Shows oder Szenekneipen heran. Und zugleich suhlen die Akteure sich in einem Jargon der Uneigentlichkeit und der Ungenauigkeit. „Geil“ und „ungeil“ werden zu allgegenwärtigen Etiketten, und die Tänzer von eben zanken sich, ob Tüffi eben geil oder ungeil ist. Schmieder richtet sich süffisant ans Publikum, als er konstatiert, hier sei es ungeil. Orgons Sohn zitiert gar Adorno: „Es gibt kein geiles Leben im Ungeilen.“

Ohne das furiose Ensemble würden diese Unschärfen nicht funktionieren. Die Darstellr kleiden Anspielungen in bizarre Umschreibungen, so dass sie nichts aussprechen müssen, sondern alles durch Betonung sagen. Herrlich, wie Marlena Keil das Wort „kontextualisieren“ mit Schlüpfrigkeit auflädt. Oder die verdruckste Verhandlung zwischen Uwe Rohbeck als Orgon und Merle Wasmuth als seine Tochter Mariane: „Also ich fänds gut, wenn du was machen würdest, was ich will.“

Überhaupt brilliert Rohbeck als Orgon. Das ist kein verblödeter Jünger, sondern ein Mann, der genießt, wie er seine Familie triezt und peinigt dadurch, dass er sich so ganz Tartuffe hingibt. Wenn Ekkehard Freye als sein vernünftiger Schwager ihm ins Gewissen redet, dann zerbröselt Rohbeck eine Toastscheibe und wirft die Krümel ins Publikum. als füttere er Tauben. Der Mann hat besseres zu tun als Argumente anhören. Und durch diese scheinbar völlig banale Geste kann Rohbeck die Zeile zur Pointe spitzen, dass Mariane und Tartuffe selig sein werden „wie zwei Turteltauben“.

Björn Gabriel verleiht Tartuffe eine grandiose Verlogenheit, einen dauerbeleidigten, wehleidigen Ton, der jederzeit in Berechnung umschlagen kann. Die Verführungsszene mit Bettina Lieder als Elmire wird als Video auf den Wohnwagen projiziert. Wie sie Achselhöhlen mit Rasierschaum aneinander reiben, wie Gabriel ihren Fuß als Panflöte spielt, wie die Lust verfliegt, zur Routine verglimmt, das ist sehr vergnüglich anzuschauen.

Am Ende rettet auch hier die Staatsmacht in Gestalt des Sprechchors das schon verloren geglaubte Vermögen. Die Davongekommenen hüpfen ausgelassen zu Technobeats. Dazugelernt haben sie nichts. Standing Ovations für einen rasanten, scharfsinnigen Abend.

8., 22., 31.12., 12., 13., 18.1., 1., 20.2., Tel. 0231/ 50 27 222, www.theaterdo.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare