120 Jahre Tanz-Geschichte

„Global Groove“ im Museum Folkwang Essen

Zu sehen in der Ausstellung „Global Groove. Kunst, Tanz, Performance und Protest“ im Museum Folkwang Essen
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Aktionen und Tanz: Boris Charmatz und César Vayssié haben das Video „Levée“ 2014 (14:22 Min.) produziert. Zu sehen in der Ausstellung „Global Groove. Kunst, Tanz, Performance und Protest“ im Museum Folkwang Essen.

Der tanzende Mensch steht im Mittelpunkt der Ausstellung „Global Groove“ im Essener Museum Folkwang. Über 300 Exponate sind zu sehen.

Essen – Lässt sich etwas ausstellen, dass erst in der Bewegung existiert? Das Museum Folkwang geht diese Aufgabe an und fasst 120 Jahre Tanz- und Kunstgeschichte in der Ausstellung „Global Groove“ zusammen. Der Groove, diese drängende Kraft einer Musik, soll den Moment kennzeichnen, der uns in Bewegung versetzt. Wie beginnt die Schau? Die Kuratorinnen Marietta Piekenbrock, Brygida Ochaim, Christin Losta und Anna Fricke kreisten die Themen „Kunst, Tanz, Performance und Protest“ ein. Und sie spüren den Absichten nach: Was bewegt mich, wer ist mein Partner, wem möchte ich nachfolgen? Der tanzende, der sich bewegende Mensch ist das Zentrum dieser Ausstellung. Daraus resultiert eine Vielfalt, die dem kulturgeschichtlichen Ausdruck des Tanzes gerecht werden will. „Wir sind kulturelle Mischwesen“, sagt Marietta Piekenbrock und meint damit auch die Wirkung der Tanzkultur, wie sie uns ganz mehrschichtig und selbstverständlich im Alltag beeinflusst. Aber um Standardtänze geht es hier nicht.

Die Kuratorinnen beginnen mit Loïe Fuller. Die Amerikanerin (1862–1928) hatte ein Kleid genäht, mit dem sie sich wirbelnd und tanzend zeigte, so dass das Publikum in eine rauschhafte Begeisterung verfiel. Das Video mit dem „Serpentinentanz“ – von Nachahmerinnen 1897–99 vorgeführt – hat ein solches Potenzial, das noch heute die Verzauberung seiner Zeit nachvollziehbar ist.

Daneben erhebt sich das größte Exponat der Ausstellung, eine Textilarbeit von Pae White. Die Amerikanerin hat einen 40 Meter langen und über zwei Meter hohen Raumteiler mit einem digitalen Webprogramm realisiert. „Foreverago“ (2017) besteht aus Silberfäden, Kaschmir, Baumwolle, Blei, Lurex, Polyester und anderen Materialien. White übernimmt alte Kimono-Muster, Pflanzen sind ihre Vorbilder oder das Schimmern eines Käferflügels. Dieses Kunstwerk allein ist schon einen Besuch wert. Es inspiriert, weil es so immens groß ist.

Die Ausstellung ist über den Dialog und über die Partnerwahl gegliedert. In 25 Kontaktgeschichten wird der Weg zum Kulturaustausch beschrieben. Wie von Pina Bausch und Yohji Yamamoto. Die Choreografien (1940–2009) und der japanische Modedesigner zelebrierten eine Performance, als Yamamoto zum 25. Jubiläum des Tanztheaters nach Wuppertal kam. Wie er als Karatetänzer mit seinem Team auftrat, so impulsiv begegnete ihm Bausch auf der Bühne. 16 Fotografien von Bernd Hartung sind in Essen zu sehen – ein Stück Tanzgeschichte. Filmaufnahmen gibt es von der Performance nicht.

Oder der Austausch von Harald Kreutzberg und Kazuo Ohno. Der Tänzer Kreutzberg war Schüler von Mary Wigman, Pionierin des Ausdruckstanzes. Als er 1934 in Tokio sein Publikum mit expressiven Tanzbildern verstörte, sah auch Kazuo Ohno (1906–2010) die Darbietung. Kreutzberg verband das Schöne und Hässliche. Ohno arbeitete fortan am modernen Tanz, er studierte bei Eguchi und Miya, die beide bei Mary Wigman in Dresden gelernt hatten. Und Ohno kam über den New German Dance zum Butoh, den er selbst erfand, und so mithalf, dass sich ein neues Körperbewusstsein in Japan entwickeln konnte. Fotos und ein Video zeigen Kreutzbergs Tanzvermögen. Dem Butoh, also dem expressiven Tanz, ist eins von insgesamt sechs Kapiteln der Ausstellung gewidmet. Weitere Kapitel heißen „Dancing in Utopia“ und „New Settings“.

Schon Auguste Rodin (1840–1917) suchte die Inspiration im Fremden. Der Bildhauer folgte dem Hofballett des kambodschanischen Königs Sisowath I.. 1906 ist dieser exotische Besuch in Frankreich unterwegs. Die Tänze der Kambodschanerinnen begeisterten Rodin, der in wenigen Tagen 150 Skizzen anfertige – ganz leichte wie sinnliche Zeichnungen. In Marseille trifft Rodin dann auf die Tänzerin und Schauspielerin Madame Hanako (1868–1945). Ihr gelingt eine neue Intensität der Darstellung. Am Ende ihrer Stücke stellte sie einen Selbst-Mord nach und fokussierte das Unglück in ihrem Gesicht. In Paris ließ Rodin Hanako Modell sitzen, und der Bildhauer formte das schmerzverzerrte Antlitz. In Essen ist „Kopf der Hanako, Typ A“ (patinierter Gips) als Plastik vom Theatertod zu sehen. Die Begegnungen zwischen Ost und West erweiterten beide Kulturen.

Aktuell hat Leiko Ikemura auf die Hanako-Köpfe reagiert. Mehrere Aquarelle der japanisch-schweizerischen Künstlerin von 2020 zeigen, wie das Tödliche auch etwas Schwebendes haben kann.

Ohnehin geht es im Museum Folkwang darum, dass Vergängliche zu fassen. Kuratorin Piekenbrock nennt das „eine Hommage an das Flüchtige und das Flirrende“. Die Installation von Mette Ingvartsen ist so ein Versuch. „The Life Work“ (2021) heißt der künstliche Garten mit Tonspur (65 Min.), in dem trockene Äste von der Decke hängen. In eckigen Lichtkästen schaffen Linsen feine Bildstrukturen. Zu hören sind die Lebensgeschichten von vier Japanerinnen, die seit Jahrzehnten im Rheinland leben. Und das sich langsam verändernde Licht unterstreicht das Prozesshafte in „The Life Work“. Diese performative Installation ist zusammen mit dem Festival der Ruhrtriennale realisiert worden. An vier Wochenenden aktivieren die Japanerinnen dieses Kunstwerk (jeweils 14./15.; 21./22.; 28./29. 8.; 4./5. 9. um 14 und 16 Uhr, je eine Stunde lang).

Insgesamt sind in Essen über 300 Exponate ausgestellt. Per Kopfhörer ist die Musik der Künstlerin Anouk Kruithof zu hören. Zusehen sind auf mehreren Monitorwänden rund vier Stunden Tanzvideos. Für „Universal Tongue“ (2018) hat die Künstlerin 8800 private Musikclips aus dem Netz genutzt. Wer mag, kann mittanzen.

Das Erfahrungspotential des Tanzes wurde von den Choreografen Boris Charmatz und César Vayssié 2014 mit dem Video „Levée“ (dt: heben) erprobt. Der Filmloop zeigt immer wieder das Ensemble Musée de la danse bei der Ruhrtriennale 2013, wie die Akteure 25 Gesten wiederholen. Die Bilder entwickeln einen Sog mithilfe wiederkehrenden Bewegungen auf der Halde Haniel. Es hat etwas Bedrohliches.

Zu den Höhepunkten der Schau zählen auch die farbigen Jerseys mit Körperpolstern von Rei Kawakubo. Weshalb der Modedesigner und Choreograf Merce Cunningham 1997 kooperierten, ist eine der Kontaktgeschichten. Diese Ausstellung sollte man mehrmals besuchen.

Bis 14. November; di-so 10 – 18 Uhr, do/fr bis 20 Uhr;

Tel. 0201/8845 444;

Katalog vom Hirmer Verlag, 34,90 Euro im Museum;

www.museum-folkwang.de

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