Es gibt noch Kunst zu erleben: Ein Skulpturen-Spaziergang durch Münster

Treffpunkt und Wahrzeichen für Münster: Die „Giant Pool Balls“ (Riesige Billardkugeln, 1977) von Claes Oldenburg am Aasee. FotoS: Stiftel

Münster – Seit vier Wochen sind die Museen geschlossen. Kunstfreunde leiden unter Entzug. Dabei gibt es die Chance, gute Kunst zu sehen. Viele Städte haben Skulpturen im öffentlichen Raum, es sind Freilichtmuseen mit freiem Eintritt. Und Bewegung an der frischen Luft schadet auch nicht. In den nächsten Wochen schlagen wir einige lohnende Kunstspaziergänge vor.

Münster ist eine der Skulptur-Hauptstädte des Landes. Diesen Rang verdankt es den Skulptur-Projekten, die 1977 vom damaligen Direktor des Landesmuseums, Klaus Bußmann, und dem Kurator Kasper König initiiert wurden. Von jeder der bislang fünf Ausgaben blieben Kunstwerke in der Stadt zurück. Einige wurden zu Kennzeichen Münsters. Unser kleiner Rundgang zwischen Innenstadt, Aasee und Schloss bietet nur eine Auswahl.

Startpunkt ist das Landesmuseum für Kunst und Kultur, und zwar der Aufgang vom Aegidiimarkt. Hier steht noch, als Überbleibsel der großen Ausstellung von 2016, eine monumentale Arbeit des britischen Bildhauers Henry Moore, der „Archer“ (Bogenschütze, 1964/65). Die fast vier Meter hohe Bronze ist eine langfristige Leihgabe aus Berlin und bleibt voraussichtlich bis April in Westfalen. Direkt dahinter erblicken wir einen strengen Steinblock, in dessen schroffer Oberfläche jeweils zwei Kanten geglättet wurden. Unten ist ein Steinsockel mit Bohrungen. Eine typische Arbeit des Bildhauers Ulrich Rückriem, „Granit Bleu de Vire (Normandie)“ (1985).

Wir umrunden nun das Museum in Richtung Domplatz. An dem kleinen Platz in der Pferdegasse lohnt ein Blick auf eine Bronze von Herbert Volwahsen (1906–1988). Der „Sitzende Jüngling“ 1957) ist ein Beispiel für die figurative, aber abstrahierende Nachkriegsplastik. Auf der Eingangsseite des Museums kann man zumindest einen Blick auf die sonst nicht zugänglichen Sammlungen werfen, in einem Schaufenster wird die Figurengruppe der Handwaschung des Pilatus (um 1520/30) des westfälischen Meisters Heinrich Brabender präsentiert.

Auf dem Domplatz findet man eine der ungewöhnlichsten Arbeiten der Skulptur-Projekte. Hans-Peter Feldmann gestaltete 2007 die öffentliche Toilettenanlage zu einem komfortablen und angenehmen Ort um. Hier kann der Kunstfreund im Bedürfnisfall den ästhetischen Genuss mit der Erleichterung verbinden. Im Durchgang am Fürstenberghaus (Domplatz 20-22) ist das Relief „Art and Music“ (1987) des US-Künstlers Richard Tuttle zu sehen, das als angedeutetes Ohr interpretiert werden kann.

In der Domgasse durchschreiten wir das rot-weiß gestreifte Tor (1987) des französischen Konzeptkünstlers Daniel Buren, der der historisierenden Umgebung einen strengen Akzent entgegensetzt. An den Arkaden des Prinzipalmarkts wenden wir uns nach rechts und erreichen ein Stück weiter das Rathaus. Ein Durchgang führt zum Platz des Westfälischen Friedens, wo die Arbeit „Toleranz durch Dialog“ (1992) des baskischen Künstlers Eduardo Chillida steht, zwei stilisierte Bänke aus Corten-Stahl. Chillida war zu den Skulptur-Projekten 1987 eingeladen. Da wurde eine Leihgabe ausgestellt. Aber der Künstler war so beeindruckt vom historischen Ort, dass er diese Skulptur eigens für die Stadt entwarf.

Wir folgen der Klemensstraße und erreichen die Clemenskirche. Auf dem Maria-Euthymia-Platz steht die Bronze „Ascension (Aufstieg)“ die Otto Freundlich 1929 in Paris schuf. Die abstrakten, organisch ineinandergreifenden und sich von unten nach oben verdickenden Formen sollen geistige Kräfte verbildlichen. Die Nationalsozialisten schmähten den Künstler als „entartet“. Er wurde 1943 in Majdanek ermordet.

Wir gehen an den Kaufhäusern vorbei, kreuzen die Windthorststraße und kommen zum Harsewinkelplatz, wo sich eins der populärsten Werke der Skulptur-Projekte befindet. Thomas Schütte setzte 1987 mit seiner „Kirschensäule“ einen ebenso frechen wie freundlichen Kontrapunkt zur Denkmalskultur. Bei ihm steht kein großer Mann auf dem Sockel, sondern köstlich-rote Früchte.

Wir wenden uns noch einmal zur Innenstadt. In der Nähe des Museums, an der Rothenburg, steht vor der Einkaufspassage ein Pfahl mit dem Relief eines Adlers, der aggressiv seine Schwingen breitet. Das Emblem schmückt bis heute die Fassade des Luftwaffenkommandos der Bundeswehr. Als das Gebäude errichtet wurde, 1935, hielt der Vogel noch ein Hakenkreuz in den Klauen. Die New Yorker Künstlerin Martha Rosler schuf das Erinnerungskunstwerk „Unsettling the Fragments (Eagle)“ für die Skulptur-Projekte 2007.

Wir gehen stadtauswärts zum Marienplatz. Auf einer Verkehrsinsel erhebt sich ein Stahlgerüst, von dem Arme winken. Der chinesische Künstler Huang Yong Ping zitiert in der Skulptur „100 Arme der Guanyin“ (1997) Marcel Duchamps berühmtes Ready-Made eines Flaschentrockners. Er bezieht sich auch auf eine im Krieg zerstörte Christusfigur der Ludgeri-Kirche. Guanyin ist eine buddhistische Gottheit.

Der Weg führt nun zum Aasee. Als erstes fallen die „Giant Pool Balls“ aus Beton ins Auge, die der Pop-Künstler Claes Oldenburg 1977 auf die Uferwiese setzte. Längst sind die Billardkugeln Wahrzeichen der Stadt. Wir folgen der Uferpromenade, passieren das Clubhaus und kommen zu Jorge Pardos „Pier“ (1997). Der kubanische Künstler wollte mit seiner Installation ein soziales Kunstwerk schaffen. Das ist ihm gelungen, wie die Graffiti in der Hütte am Ende des Stegs und die hinterlassenen Bierflaschen belegen. Kurz darauf finden wir auf der Wiese rechts eine Art Antenne. Ilya Kabakov hat 1997 mit Draht zwischen die Stege eine Botschaft geschrieben: „Blickst du hinauf und liest die Worte...“ Am Aasee finden sich noch viele weitere Arbeiten bekannter Künstler wie Donald Judd und Rosemarie Trockel. Wer die sehen möchte, folgt der Uferpromenade einfach weiter.

Wir wenden uns aber wieder zurück zur Stadt. Von der Adenauerallee kommen wir in den Park an der LBS. Dort erhebt sich auf einer Wiese die siebeneinhalb Meter lange Bronze „Three Piece Sculpture: Vertrebrae“ (1968/69), in der Henry Moore Formen von Wirbelsäulenknochen aufgreift. Eine monumentale Erinnerung an die menschliche Vergänglichkeit. An der Bausparkasse findet man auch die drei Versionen von Friedrich Graesels „Funktionsskulptur“ (1973/74), gebündelte, oben gekrümmte Stahlrohre. Der Bochumer Künstler gehörte in den 1960er Jahren zu den Protagonisten der Kunst im öffentlichen Raum. Folgt man der Aa, kommt man noch an der Bronze „Die Taten des Herakles“ vorbei, einem Hauptwerk des Sendenhorster Bildhauers Bernhard Kleinhans.

Nun wenden wir uns Richtung Schloss. Auf dem Schlossplatz, vor dem Institut für Zoophysiologie, scheint in einem Rasenstück ein Gebäude versunken zu sein. Der dänische Künstler Per Kirkeby schuf die so diskrete „Backstein-Skulptur“ 1987 für die Skulptur-Projekte. Zehn Jahre später gestaltete er auf der gegenüberliegenden Seite des Schlossplatzes eine Bushaltestelle.

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