Band aus Hamm im Interview

Giant Rooks über Erfolg, „Rookery“ und neue Songs

Über den Dächern Berlins: Frederik Rabe (links) und Finn Schwieters von der Band Giant Rooks stehen auf dem Hochhaus der Universal Music Zentrale Deutschland an der Spree zwischen Kreuzberg und Friedrichshain. Foto: lettmann

Berlin/Hamm – Mit Platz drei sind die Giant Rooks Anfang September in die deutschen Album-Charts eingestiegen. Ihr Debütalbum „Rookery“ (Irrsinn-Tonträger) hat für große Resonanz gesorgt. Sänger Frederik Rabe und Gitarrist Finn Schwieters bleiben aber ganz cool.

„Wir interessieren uns nicht für Charts und für Chart-Ergebnisse“, ist die einhellige Meinung der Musiker aus Hamm. Mit der dritten EP „Wild Stare“ hatte die Band 2019 einen Vertrag bei Universal Music unterschrieben. In der Berliner Deutschlandzentrale des Musikkonzerns sprach Achim Lettmann mit den beiden Musikern über „Rookery“, fehlende Konzerte, Synthie-Pop und Musikclips. Und die Rookies wollen neue Songs schreiben.

Wie habt Ihr den Erfolg aufgenommen?

Finn Schwieters: Das war krass. Wir hatten keine Erwartungen. Mitte der Woche, glaube ich, gab es erste Trends, die vermuten ließen, dass wir weit oben einsteigen könnten. Wir waren alle total glücklich und überwältigt.

Frederik Rabe: Ja voll. Man kann so etwas nicht wirklich planen. Entweder gefällt es den Leuten oder nicht. Wir haben während der Albumaufnahmen wenig über äußere Erwartungshaltungen nachgedacht. Insofern waren wir umso glücklicher, dass es so viel positive Resonanz gab!

Ihr habt ein Streaming-Konzert zum Release-Termin Ende August bespielt. 4800 Karten waren verkauft worden. Habt Ihr nun ein Modell für andere Bands vorgelebt?

Rabe: Schwierig zu sagen. Am Anfang der Pandemie hat man wirklich jeden Abend verschiedenste Künstler*innen aus aller Welt live zum Beispiel auf Instagram sehen können. Das hat schnell nachgelassen. Vermutlich auch, weil die Nachfrage gesunken ist. Das Ziel war es also ein Streaming Konzert zu kreieren, welches sich von den gewöhnlichen Social-Media-Live-Konzerten unterscheidet. Ich finde, das ist Zart.TV, die sich das Konzept ausgedacht haben, hervorragend gelungen!

Könnten Streamingkonzerte auch für andere Bands interessant sein?

Schwieters: Kann ich nicht richtig beurteilen. Was ich an Reaktionen mitbekommen habe, war, dass es schon etwas Besonderes war. Und dass es schon über einen normalen Livestream hinausging. Es war ein emotionales Release-Konzert, weil man weiß, die spielen dort gerade wirklich live. Ich weiß aber nicht, ob ein Streamingkonzert jemals an ein Live-Konzert herankommt.

Rabe: Ungewöhnlich war auch, dass das Streaming-konzert Geld gekostet hat. Am Anfang der Pandemie gab es viele Streams auf den gewohnten Social-Media-Plattformen. Die waren weniger aufwendig, dafür aber meistens umsonst. Deshalb stand die Frage im Raum, ob die Leute überhaupt bereit sind, für 15 Euro ein Streamingticket zu kaufen.

Welche internationalen Reaktionen hat es auf „Rookery“ gegeben?

Schwieters: Ganz ganz viele. Wir haben verschiedene Fangruppen auf Instagram – aus ganz unterschiedlichen Ländern. Zum Beispiel aus Brasilien, Japan, USA, Mexiko, Russland oder Italien. Die Fans haben uns ein minutenlanges Video zugeschickt, in dem sie uns zusammen zum Album gratulieren. Das war echt schön und auch krass, wie gut sie vernetzt sind.

Rabe: Ja, das war echt irre. Zum Beispiel hat der Billboard aus Amerika über uns geschrieben. „Misinterpretations“ wurde im Artikel „10 Cool New Pop Songs To Get You Through The Week“ besprochen. Das war eine Riesenehre für uns! Aber es ist auf jeden Fall schwierig in dieser Zeit. Wir sehen uns vorrangig als Liveband und haben die Reaktionen auf unsere Musik meistens durch das Livespiel erfahren. Das ist jetzt was ganz anderes, aber auch schön.

In welchen Ländern sind Eure Spotify-Zahlen am größten?

Rabe: Deutschland natürlich. Dann kommen England, Italien, Amerika, Türkei und Frankreich danach.

Es werden immer weniger Tonträger verkauft. Streamingdienste dominieren den Markt. Mittlerweile werden in den USA mehr Vinyl-Platten verkauft als CDs. Wie kommt die Entwicklung bei Euch an?

Schwieters: Das ist, glaube ich, gerade ein natürlicher Prozess. Alles digitalisiert sich und geht in den Streamingbereich. Natürlich ist es schade auf eine Art, weil einerseits physische Datenträger noch einen Charme haben. Das ist der Grund, weshalb Vinyl immer stärker wird. Gleichzeitig macht es Streaming aber einfach, ganz ganz viel Musik zu entdecken und zu hören. Es ist eine Bereicherung, weil der Zugang, Musik zu machen, zu veröffentlichen, viel einfacher geworden ist. Und wir eine diverse Musikwelt erfahren, wie es sie vorher nicht gegeben hat.

Was bringt Euch die Arbeit mit Produzenten? Jochen Naaf hat „Head by Head“ und „Rainfalls“ abgemischt.

Schwieters: Wenn wir einen Song schreiben, dann nehmen wir den im Probenraum schon auf und produzieren ein Demo vor. Es ist ein Grundgerüst, das in sich funktioniert, aber noch nicht so eine Aufnahmequalität hat. Dann haben wir im Studio vor allem Drums immer neu aufgenommen. Ein Spezialgebiet von Jochen Naaf, der wahnsinnige Drum-Aufnahmen machen kann.

Rabe: Er ist auch Schlagzeuger.

Schwieters: Das ist für ihn stilprägend als Produzent, wie die Drums klingen. In der Zeit der Aufnahme ist er das sechste Bandmitglied. Wir tauschen uns aus. Das ist total wichtig für uns.

„Rookery“ bietet mehr Synthie-Pop als in der ersten Jahren der Giant Rooks. Woran liegt das?

Schwieters: Es war keine bewusste Entscheidung. Vielleicht, weil einige Ideen am Laptop entstanden sind, weniger beim klassischen Jam im Proberaum. Das hatten wir zwar auch, aber es war eine Kombination. Wenn Sachen direkt im Studio entstehen, dann wird es automatisch etwas elektronischer.

Sind Erfahrungen auch aus Konzerten in das Album eingeflossen?

Rabe: Nein. Tatsächlich gar nicht. Wir haben nicht einen Song live gespielt. Das war auch ungewohnt für uns. „Wild Stare“ haben wir beispielsweise live gespielt und im Probenraum wieder verändert. Das haben wir auf „Rookery“ nicht gemacht, weil wir gar nicht die Zeit dazu hatten. Wir haben das Album im Probenraum geschrieben und dann sofort aufgenommen.

Chorische Passagen in den Songs wie „All We Are“ sind sehr besonders. Ihr setzt Eure Stimmlagen gezielt ein. Bildet Ihr Euch gesanglich weiter aus?

Schwieters: Wir bilden uns weiter aus, das muss aber nicht zwangsläufig im Unterricht sein. Wir singen im Probenraum super viel. Wir proben Gesangsparts, die wir in unserem Probenraumflur aufgenommen haben. Der klingt ganz besonders und hat einen speziellen Hall. Gemeinsam gesungene Kopfstimmen klangen dort ganz gut, die hatten so eine Energie und einen besonderen Knall darin. Ja, es ist ein einziges Lernen.

Was hat Euch der Umzug 2018 nach Berlin musikalisch gebracht?

Rabe: Musikalisch hat uns das nichts gebracht. Wir wollten, glaube ich, damals vor allem aus unserer Comfort-Zone ausbrechen. Ein eigenes Leben aufbauen. Erfahrungen in einer großen Stadt sammeln. Ich glaube aber nicht, dass wir durch den Umzug nach Berlin anders klingen. Die Stadt hat uns wenig inspiriert – mich zumindest nicht.

Die Musikclips der Giant Rooks sind visuell sehr unterschiedlich geworden. Warum?

Schwieters: Wir finden es spannend, Leuten, mit denen wir zusammen arbeiten, einen gewissen Freiraum zu geben. Wir haben eine genaue Vorstellung und teilen die auch mit. Aber die Leute haben auch eine eigene Vorstellung. Es ist spannend zu sehen, wie jemand unseren Song visualisiert. Das ist der Grund, weshalb die Clips so divers sind. Und wir haben mit unterschiedlichen Videoregisseuren gearbeitet.

Eure Booking Agentur ist Four Artists in Berlin. Zwei Tourneen mussten wegen Corona abgesagt werden. Nach welchen Kriterien wurde die dritte auf April 2021 terminiert?

Schwieters: Je weiter nach hinten, desto größer ist die Chance, dass die Tour auch stattfinden kann. Ich bin gerade optimistisch, aber es weiß natürlich niemand. Es wird sich Anfang des Jahres zeigen.

Wenn man die Hallen nur zu einem Drittel belegen kann. Was dann? Bologna, Luxembourg, Amsterdam, Liverpool – am 15. Mai folgt Dortmund.

Schwieters: Wenn es gar nicht geht, dann müssen wir verschieben. Die meisten Konzerte sind schon ausverkauft. Und wir können nicht der Hälfte der Leute sagen, ihr könnt nicht kommen. Wenn es Limitierungen gibt, dann werden wir die Tour wieder verschieben müssen.

Rabe: Es gibt die ersten Ideen, Konzerte mit einem Drittel der Zuschauer zu machen. Aber wenn man ehrlich ist, dann sind die finanziell für keinen Beteiligten tragbar. Also das ist leider kein Zukunftsmodell.

Auf dem Release-Konzert war von einem zweiten Album die Rede. Gibt es schon einen Fahrplan?

Rabe: Nein, mir ist das nur so rausgerutscht. Ich habe auch eher gemeint, dass wir richtig Bock haben, ein zweites Album zu schreiben. Derzeit sind wir noch viel unterwegs und haben noch nicht die Ruhe gefunden, mal ernsthaft über die nächste Pläne zu sprechen.

Derzeit liegt „Rookery“ auf Chart-Platz 47. Was bedeutet das für Euch?

Rabe und Schwieters: Nix. Aber es ist gut.

Zu den Personen

Frederik Rabe (Gesang, Percussion) und Finn Schwieters (Gitarre, Gesang), beide sind 24 Jahre alt und kommen aus Hamm, haben 2014 die Giant Rooks gegründet. Die Band wurde vom Radiosender 1Live gefördert. Sie galten mit dem popNRW-Preis 2016 als Newcomer-Band. Die erste Headliner Tour fand 2018 statt, 2019 gab es die EinsLiveKrone, zahlreiche TV-Auftritte und Musik für einen „Tatort“ am Sonntag folgten. Außerdem zählen Finn Thomas (Schlagzeug), Jonathan Wischniowski (Piano, Keyboards) und Luca Göttner (Bass) zur Indie-Pop-Band. Alle Musiker sind 2018 nach und nach von Hamm nach Berlin gezogen. Sie wohnen nicht zusammen.

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