Der Gestalter und Bühnenbildner Emil Pirchan im Museum Folkwang

Eleganter Schwung: Emil Pirchans Cover von 1913 ist in Essen zu sehen. Foto: Museum

Essen – Schon wegen dieser eleganten Formen muss man Emil Pirchan in Erinnerung behalten. Wie er eine amorphe grüne Fläche auf blau und schwarz setzt, und mit wenigen markanten Details eine tanzende Frau imaginiert. Sie schwingt die große rote Glocke, klar, sie symbolisiert die Reklamefachleute.

Man kann sich das Blatt auch als Plakat vorstellen. Tatsächlich ist es nur ein kleines Format, der Umschlag einer Fachzeitschrift. Der Jugendstil hallt darin nach, man findet Anklänge an die großartigen französischen Plakate der Belle Époque. Als Grafiker war Pirchan (1884-1957) versiert und stilsicher. Davon kann man sich in der Ausstellung „Emil Pirchan. Plakat – Bühne – Objekt“ im Museum Folkwang in Essen überzeugen.

Und man findet großartige Plakate in der Schau, zum Beispiel das, das er 1912 für eine Ausstellung eigener Werke, in diesem Fall Bühnenentwürfe, in einer Münchner Galerie schuf. Da setzt er große Flächen mit klaren Farben. Und doch erzielt er damit eine Tiefenwirkung; mit ein paar Konturen und dem wunderbar beiläufig an den Rand gerückten Paar suggeriert er eine Theaterszene, obwohl er vereinfacht, abstrahiert und ganz in der Fläche bleibt.

Es ist die bislang erste Einzelausstellung zum Werk Pirchans, der durchaus zu den Vergessenen zählt. Sein Enkel Beat Steffan hat auf dem Dachboden Kisten gefunden, darin war der Nachlass aufbewahrt. Daraus wurde, ergänzt um Leihgaben unter anderem aus dem Theatermuseum Wien und dem Münchner Stadtmuseum, die umfassende Präsentation eines extrem vielseitigen Künstlers mit und 350 Exponaten, einige davon freilich recht klein.

Er stammte aus einer wohlhabenden und kulturnahen bürgerlichen Familie in Brünn. Sein Vater war ein bekannter Portraitmaler. Der Sohn arbeitete aber schon ab 1908 in München, später in Berlin, Prag, Wien. Pirchan war nicht nur ein mitreißender Grafiker, der vom kleinen Exlibris bis zum großen Plakat überzeugende Entwürfe schuf, der Ausmalbücher und Spiele für Kinder herausbrachte, Buchumschläge gestaltete. Er hatte Architektur in der Meisterklasse von Otto Wagner an der Akademie der bildenden Künste in Wien studiert. Er entwarf zudem Möbel, Schmuck, Stoffmuster. Er wurde einer der gefragtesten Bühnenbildner der Weimarer Zeit, Mitarbeiter des Starregisseurs Leopold Jessner. Er schrieb Romane und Sachbücher, sein Roman „Der zeugende Tod“ wurde mit Tilla Durieux verfilmt, er selbst spielte auch mit. Er schuf die Ausstattung des Katholischen Kirchentags 1935 in Prag. Und er hat ausgebildet, als Professor an den Akademien in Prag und Wien.

Als Architekt war er nicht sehr erfolgreich. Realisiert wurde nur eine Wohnhaus in München und ein Grabdenkmal. Aber er hat durchaus groß gedacht, modern geplant. Das „Solomite-Haus 1“ (um 1925), dessen Modell zu sehen ist, erinnert in seiner klaren, kubischen Form an Bauhausentwürfe. Spannend ist aber, dass Pirchan dafür einen neuen Werkstoff aus gepresstem Stroh verwenden wollte. Und er plante um 1930 ein großes Theater für Südamerika, von dem nur das futuristische Modell und Skizzen erhalten sind, aber nicht der Anlass, aus dem Pirchan es entwarf.

In einem Raum sieht man Skizzen, Fotos, Plakate von Pirchans Theaterarbeit. Er verstörte mit dem Bühnenbild zu „Wilhelm Tell“ (1919) das konservative Publikum, weil er nicht naturalistisch arbeitete, sondern einfache Quader und eine Treppe auf die Bühne stellte. Er nutzte Lichteffekte, zum Beispiel in Jessners Inszenierung von „Othello“ (1921), und er verwendete Fotoprojektionen.

Man kann sogar in einigen Büchern Pirchans blättern, ein Ausstellungskabinett ist als kleiner Lesesaal angelegt, in dem man auch einen Band Künstleranekdoten findet und sein Porträt des Tänzers Harald Kreutzberg von 1941. Nach dem Anschluss Österreichs an den NS-Staat verlegte er sich auf das Schreiben und die Lehre an der Akademie. Er war kein aktiver Oppositioneller, stand den Machthabern aber kritisch gegenüber, so dass er sich unter anderem mit seinem Sohn zerstritt. Aber er arrangierte sich mit dem Staat, wich auf unpolitische Felder aus wie eben das Verfassen von Künstlerbiografien wie des Malers Gustav Klimt.

Die Ausstellung breitet dieses weit gespannte Werk in allen Facetten aus. Man hat Strecken mit seinen originellen und zuweilen witzigen Plakaten, zum Beispiel den Entwurf für „Panovo“ (1912), einen „Eierersatz“, bei dem er das Huhn das Ei sozusagen durch einen Trichter direkt in die Flasche legen ließ. Der Tanz hat ihn ebenfalls begeistert – mehrere Plakate zum Beispiel mit Gertrud Leistikow und Ruby Betteley zeugen davon. Und mit welch feinem Humor arbeitet er selbst kleine Vignetten aus wie die Werbemarken zum Beispiel für das Dresdner Versand-Kaufhaus Stöckig & Co., da stecken Messer und Gabel im Rücken eines Schweins („Bestecke“), und das Baby knipst aus der Wiege („Photogr. Apparate“).

Bis 5.5., di – so 10 – 18, do, fr bis 20 Uhr,

Tel. 0201/ 8845 000, www. museum-folkwang.de,

Begleitende Monografie: Beat Steffan (Hg.): Emil Pirchan – Universalkünstler. Nimbus Verlag, Wädenswil am Zürichsee, 44 Euro

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