Gerhard Henschel rechnet im Roman „Soko Heidefieber“ mit dem Regionalkrimi ab

Gerhard HenschelSchriftstellerFoto: Jochen Quast

Es wird gestorben in Gerhard Henschels Roman „Soko Heidefieber“, und nicht zu knapp. Justus Weindl bekommt in seinem Jacuzzi Besuch von Nesselquallen und einer giftigen Streifenruderschlange. Harry Bölsker wird mit einer glühenden Zange gefoltert. Nils-Ole Feddersen wird mit drei hungrigen Wölfen auf einer Hallig ausgesetzt. Die Opfer verbindet ihr Beruf: Sie schreiben Regionalkrimis.

Die Uelzener Kommissare Gerold Gerold und Ute Fischer, die es mit dem ersten Toten Armin Breddeloh (durchgeschnittene Kehle, mit eingesetzten Glasaugen) zu tun bekommen, stehen vor einem Rätsel. Offensichtlich nimmt ein Serienmörder die Bücher dieser Autoren als Gebrauchsanweisung und verwirklicht die erdachten Verbrechen an ihnen. Bald zieht sich eine Blutspur durch Deutschland. Der Schriftsteller Frank Schulz sagt einen Satz, den er noch bereuen wird: „Wenn man zynisch wäre, könnte man die These vertreten, daß wir es hier mit einer Art angewandter Literaturkritik zu tun haben.“

Henschels Untertitel „Ein Überregionalkrimi“ benennt vordergründig den Umstand, dass seine Kommissare bundesweit (ja sogar in Österreich) ermitteln. Aber es charakterisiert den Roman auch als Meta-Text eben über Regionalkrimis. Und wenn es ein Tummelfeld für ebenso gedankenflache wie grammatikschwache Schreiber gibt, so ist es die unheimliche, unheilvolle Verbindung von Thriller und Heimatroman. Gerhard Henschel (58) hat mit seiner mittlerweile auf acht Bände angewachsenen Chronik um Martin Schlosser ganz andere Felder bearbeitet, autobiografisch unterfütterte Hochliteratur, geschult an Arno Schmidt und Walter Kempowski. Aber er hat daneben immer wieder satirisch gearbeitet. „Soko Heidefieber“ wendet die Versatzstücke des Regionalkrimis erbarmungslos gegen das abgewirtschaftete Genre.

Hobbe-Hubertus Schepker, Albert Weißenböck und die anderen stecken ihr bisschen Fantasie in möglichst brutale Metzeleien. Der Witz, sie nach dem eigenen Rezept zu bearbeiten, trüge nicht sehr weit. Auch wenn die Spießerszenen schon lustig sind mit den bis ins Detail ausgemalten Schlemmereien, die sich die Literaten von den reichlichen Tantiemen gönnen. Aber ein wirklicher Roman braucht mehr als fiese Meuchelszenen in kunstvoll nachgebautem schlechtem Deutsch, die die Richtigen treffen. Zum Glück beschränkt sich Henschel nicht auf diesen Handlungsstrang. Auch die überdrehten Szenen aus den Polizeirevieren mit Intriganten, Frauenfeinden und korrupten Schnüfflern, die Informationen an die Boulevardpresse durchstechen, sind nur Zugaben.

Auftritt Frank Schulz. Den gibt es wirklich. Er hat zumindest mit seinem ersten Roman um den Privatdetektiv Onno Viets auch so etwas wie einen Regionalkrimi verfasst. Henschel gibt ihm eine tragische Rolle im Überregionalkrimi. Schulz‘ anfangs erwähnter Satz über die angewandte Literaturkritik wird von der Bild-Zeitung skandalisiert, was ihm Morddrohungen einträgt. Er flieht nach Griechenland, gerät in Streit mit einem Paparazzo und findet sich unschuldig in einem schmuddeligen griechischen Knast wieder. Und während zwischen Westerwald und Sachsen Autoren letal an der Fortsetzung ihres unheilvollen Wirkens gehindert werden, gerät Schulz von einem Schlamassel in den nächstschlimmeren, gehetzt von einem Auftragskiller, versklavt von der Drogenmafia, beleckt von einem hungrigen Braunbären. Dieser Leidensweg ist eines Hiob würdig, und von „Auf der Flucht“ bis „Escape Plan“ fallen einem einige Kinohits ein, die Henschel hier ebenso gewitzt wie kundig ausschlachtet.

Er hetzt die Leser von Schauplatz zu Schauplatz. Hier die letzten Stunden der Raphaela Botschner, einer sächsischen Nachtigall der Kriminalerzählung, herrlich gezeichnet im Dialekt: „Ich habb Dorrschd wie ähne schwangorre Bährchziehche...“ Da Frank Schulz gefesselt vor dem Bärenrachen: „Es war alles beisammen, was man dort mit Fug und Recht erwarten durfte: die grobporige, wulstige und Schulz bereits vertraute Zunge, ein Gaumensegel von ledriger Beschaffenheit und 42 Zähne, unter denen die vier überlangen, geschliffen scharfen und nadelspitz zulaufenden Fangzähne den größten Schauwert boten.“ Dazu eine Liebesdroge, ein verkrachter 68er und eine Tagung von Camorra, ‘Ndragheta, Yakuza und weiteren Organisationen in Berlin, die Führungskräfte mit „Achtsamkeits-Coachings“ und „interaktiven Gruppenspielen“ fortbilden.

Mit anderen Worten: Henschel rechnet saukomisch und angemessen böse mit der Pest des Buchmarkts ab.

Gerhard Henschel: Soko Heidefieber. Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg. 284 S., 18 Euro

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