Gerhard Finckh verabschiedet sich in Wuppertal mit „Blockbuster Museum“

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Ein Meisterwerk aus der eigenen Sammlung: Pablo Picassos „Liegender Frauenakt mit Katze“ (Femme nue couch e jouant avec un chat, 1964).

WUPPERTAL Seit 2006 leitet Gerhard Finckh das Von-der-Heydt-Museum in Wuppertal. Im April geht er in den Ruhestand. Zum Abschluss hatte er drei Jahre an einer Ausstellung zur Aufklärung in Frankreich gearbeitet, „Aufbruch zur Freiheit“. Er hatte Zusagen exquisiter Leihgaben aus dem Louvre, aus der National Gallery, Malerei von Spitzenkünstlern des 18. Jahrhunderts wie Watteau, Boucher, Fragonard. Doch fünf Monate vor der Eröffnung sagten ihm die Verantwortlichen der Stadt die Schau ab. Sie glaubten nicht, dass die 50 000 Kunstfreunde kommen würden, die für eine schwarze Null nötig gewesen wären.

Nun stand Finckh mit leeren Händen da. „Hängen Sie doch die Sammlung auf“, meinte ein Politiker. Es stimmt ja, dass das Von-der-Heydt-Museum großartige Kunst besitzt. Rund 3000 Gemälde, 500 Skulpturen, 30 000 grafische Blätter. Allerdings: Ganz so einfach ist es nicht, dass man mal eben 100 Gemälde aufhängen könnte. Weil Finckh ein erfahrener und einfallsreicher Ausstellungsmacher ist, entwickelte er das Konzept für die Schau „Blockbuster Museum“, die nun gezeigt wird, bis vielleicht wieder Geld aufzutreiben ist für eine inhaltlich ambitionierte Ausstellung. Wobei auch die „Blockbuster“-Präsentation Kosten verursacht und ohne die Unterstützung der Werner Jackstädt-Stiftung nicht möglich gewesen wäre.

Jedenfalls antwortet Finckh mit dialektischem Witz auf die Ahnungslosigkeit – und zugleich auf die Neugier, die ihm von Museumsbesuchern entgegengebracht wurde. Wie funktioniert der Ausstellungsbetrieb? Wie macht man eine Großausstellung, die die Massen lockt? Finckh zeigt die große Kunst seines Hauses, 130 Exponate von der mehr als 4000 Jahre alten persischen Keramik bis zum abstrakten Gemälde von Sean Scully von 1998. Es gibt Meisterwerke von Monet, Degas, Picasso, Kandinsky, Kirchner, Macke zu sehen.

Aber er bettet sie in eine Inszenierung, die fast wie bei der „Sendung mit der Maus“ Schritt um Schritt erklärt, wie die Kunst an die Wand kommt. Ein Campingtisch mit Weinflasche und einem Band mit Hölderlin-Gedichten steht für die erste Idee. In einem anderen Raum steht der Schreibtisch des Kurators, voll mit Bildbänden, Rechercheunterlagen, Korrespondenz mit möglichen Leihgebern. Hier sieht man auch die Aktenordner, die er mit Vorarbeiten für die Aufklärungs-Ausstellung gefüllt hat. An der Wand ein Ausdruck der Mail, in der der Palast von Versailles Leihgaben zusagt, 16 Gemälde, zwei kunsthandwerkliche Objekte, zwei Grafikblätter. Verschickt am 6. April 2018. Wenige Wochen vor der Absage.

Geld ist ein Thema. Ein Raum ist den Mäzenen gewidmet, denen Wuppertal sein Museum verdankt, unter anderem repräsentiert durch August Freiherr von der Heydt, den um 1912 Kees van Dongen porträtierte. In einer Vitrine steht Christoph Volls geschnitzter „blinder Bettler“ (um 1923/24). Vielleicht verkörpert er den Ausstellungsmacher, der jahrelang ohne eigenen Etat Geldgeber von seinen Ideen überzeugen musste und von dem pünktlich zum Herbst die zugkräftige Publikumsausstellung erwartet wurde. 300 000 Besucher kamen in die 2009 eröffnete Monet-Präsentation. Damals erzielte das Haus einen Überschuss, mit dem jahrelang weitere Ausstellungen möglich wurden.

Es gibt am Ende einen Saal, der auch dem Geld gewidmet ist, da hängen die vier Picassos und einige große Werke seiner Zeitgenossen – und es gibt Vitrinen, in denen auf aktuelle Förderer und Unterstützer des Hauses hingewiesen wird. Auch ohne Ankaufsetat kommt ja neue Kunst ins Haus, zum Beispiel Neo Rauchs Bild „Roter Junge“ (1995), erworben mit Mitteln der Von-der-Heydt-Stiftung.

Kunst ist nicht nur schön, sondern macht auch viel Arbeit. Sie will gepflegt, gereinigt, bei Beschädigung restauriert sein. In einem Raum mit mittelalterlichen Heiligenstatuen ist ein Restauratorentisch aufgebaut. In einem weiteren Raum erblickt man Rahmen. Nicht immer gelangt ein Bild so ins Museum, dass es optimal zur Geltung kommt. Und im Raum mit den fünf prachtvollen Gemälden, den Zeichnungen und den acht grafischen Selbstbildnissen von Max Beckmann demonstriert die Schau, welche Wirkung die Farbe der Wand auf das Bild hat, dass es vor Lila ganz anders strahlt als vor Grau.

Ein kleiner Raum widmet sich brisanten Fragen: Wie umgehen mit Politik, Religion und Ethik im Zusammenhang mit der Kunst? Ausgerechnet von Arno Breker, dem in Elberfeld geborenen Lieblingsbildhauer des „Führers“, stammt ein monumentaler Bronzekopf Hitlers, der sonst nur im Magazin verwahrt wird. Darf man das zeigen? Muss man die christliche Leitkultur ins Museum in Form eines Kruzifix an die Wand bringen, wie es in Bayern neuerdings bei Behörden Pflicht ist? Finckh, gebürtiger Bayer, hängt ins „Herrgotteck“ einen gekreuzigten Frosch von Martin Kippenberger. Und es sind Bilder zu sehen, die von den Nazis geraubt wurden. Karl Hofers „Schlafende Jünger“ und Otto Scholderers „Schwarzwaldlandschaft“ gab das Museum zurück und konnte sie anschließend zurückkaufen. Die bezaubernde „Dame mit Papagei am Fenster“ des Barockmalers Caspar Netscher aber wurde für Millionen bei Christie‘s versteigert und hängt nun in der National Gallery in Washington. Es blieben nur Dokumente, die zeigen, wie die Kuratorin Antje Birthälmer jahrelang geforscht hat, um die Herkunft des Bildes zu klären.

Die Schau ist am Ende eine Art Rechenschaftsbericht Finckhs und eine Zustandsbeschreibung der drückenden Verhältnisse, unter denen Museen nicht nur in Wuppertal arbeiten. Kunstfreunde begegnen hier großartigen Werken. Für Kulturpolitiker sollte der Besuch ein Pflichttermin sein. Er könnte Ignoranz mindern.

Für unbestimmte Zeit, di – so 11 – 18, do bis 20 Uhr,

Tel. 0202 / 563 62 31,

www.von-der-heydt-museum.de

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